Mein neuer „Kindle“ – eine Enttäuschung!

Als Ende 2007 Amazons Buchlesegerät „Kindle“ auf den Markt kam, hab ich gedacht, was für ein Blödsinn. Ich liebe Bücher in Papierform, ich möchte sie anfassen und darin blättern können - ein E-Book-Reader ist so ist ziemlich das Letzte, was ich mir kaufen werde. Aber über die Monate bin ich doch neugierig geworden. Bei der Neuauflage „Kindle 2“ griff ich zu. Nach einem Wochenende mit dem viel gepriesenen e-Reader bezweifele ich, dass der "Kindle" das Zeug zum Massenerfolg hat. Der Praxistest zeigt's.

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Als Ende 2007 Amazons Buchlesegerät „Kindle“ auf den Markt kam, hab ich gedacht, was für ein Blödsinn. Ich liebe Bücher in Papierform, ich möchte sie anfassen und darin blättern können – ein E-Book-Reader so ist ziemlich das Letzte, was ich mir kaufen werde. Aber über die Monate bin ich dann doch neugierig geworden. Bei der Neuauflage „Kindle 2“ griff ich zu. Doch nach einem Wochenende mit dem viel gepriesenen e-Reader bezweifele ich, dass der „Kindle“ das Zeug zum Massenerfolg hat. Der Praxistest zeigt’s.
Der Reihe nach: Über die Monate bin ich nach anfänglicher Skepsis dann doch neugierig geworden. In der Presse erschienen einige interessante Besprechungen, immer wieder hieß es, der Kindle sei „The Future of Reading“.  Und was mich verblüffte: obwohl Amazon keine Verkaufszahlen veröffentlichte (ist so etwas für ein börsennotiertes Unternehmen eigentlich überhaupt erlaubt?), schien der Kindle ständig vergriffen zu sein. Also, irgendetwas muss an diesem Gerät ja doch dran sein.  
Dann kündigte Amazon-Boss Jeff Bezos Anfang Februar eine Neuauflage an, den Kindle 2. Besser solle er jetzt aussehen, nur noch 300 Gramm wiegen und einen Textspeicher für 1500 Bücher haben. Die Fachblogs überschlugen sich vor Aufregung, Kindle 2 under fire notierte die „New York Times“. Also hab ich ihn bestellt, auch wenn er 359 Dollar kostete.  

Pünktlich zum letzten Wochenende klingelte der Fedex-Bote. In der Hand hielt er einen typisch brauen Amazon-Karton: meinen Kindle! Erster Eindruck nach dem Auspacken: Mensch, ist der aber klein! Irgendwie hatte ich ihn mir viel größer vorgestellt. Samt Tastatur ist er kaum größer als ein Taschenbuch, und der eigentliche Schirm ist dabei nur halb so groß wie das Gerät selbst. Jetzt weiß ich, wie viel 6 Zoll sind – verdammt wenig! 
Dafür ist der Kindle besser designt als ich mir vorgestellt hab. Sehr flach, sehr weiß, runde Ecken – fast könnte er ein Apple-Produkt sein, wäre da nicht dieser komisch viereckige Joystick mit Namen „5 Way Controller“. Den hätte ein Steve Jobs nie durchgehen lassen. Aber auffällig: der Kindle liegt gut in der Hand.  
Das Anstellen schaffe ich auch ohne Gebrauchsanweisung, für mich keine Selbstverständlichkeit. Dann eine Überraschung: der Screen ist nur schwarz/weiß. Abbildungen gibt es kaum, und sie wirken in 16 Graustufen gerasterten wie ein Rückfall in die Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens. Ich bin enttäuscht, ich hatte ein farbiges Touchscreen wie beim iPhone erwartet. 

Den Willkommens-Brief von Jeff Bezos („Dear Dirk“) überspringe ich. Im Menü findet man die Bereiche „Books“, „Newspaper“, „Magazines“ und „Blogs“. Ich gehe auf „Newspaper“. Irgendwo hab ich gelesen, der Kindle könnte die Rettung der Zeitung sein. Also bestelle ich testweise ein Abo der „Herald Tribune“. Was mich irritiert: es soll 9,90 Dollar im Monat kosten. Wer bitte macht das, wenn man die ganze Zeitung im Web kostenlos bekommt? Trotzdem drücke ich mal auf „Abonnieren“ gedrückt, die ersten 14 Tage sind schließlich kostenlos.  
Die nächste Stunde wurde eine einzige Enttäuschung. Zwar ist die Zeitung im Nu geladen, aber die Darstellung auf dem Mini-Bildschirm wirkt extrem unübersichtlich. Die Headlines sind kaum größer als der Vorspann und es gibt nur wenige, schlecht erkennbare Photos. Alles, was eine Zeitung spannend macht, fehlt: Größere Headlines, Fotos, Kästen, Graphiken und Farbe. Kurz, das „Lesevergnügen“ ist gleich null.  
Ziemlich frustriert bestelle ich dann eine Zeitschrift: „Time Magazine“. Und wieder bekomme ich den gleichen faden Eindruck. Es fehlt jedes Layout, es gibt kaum Fotos, keine Kästen, nur ellenlanger Text. 
Fazit vom ersten Tag: Eine Zeitung oder eine Zeitschrift auf dem Kindle zu lesen ist etwas für Masochisten. Wenn das die Rettung der Verlage sein soll, na dann gute Nacht! 
Samstag: ich hab mich von meinem ersten Schock erholt. Wenn der Kindle für Zeitungen und Zeitschriften nichts taugt, bei Büchern wird es besser funktionieren. Schließlich ist er ein Buchlesegerät, kein Zeitungslesegerät. Im Kindle Shop kann man unter 240.000 Titeln wählen. Amazon-Chef Bezos träumt davon, dass irgendwann einmal jedes Buch in elektronischer Form erhältlich sein soll.  
Auf Platz 1 der Kindle-Bestenliste steht „Act like a Lady, Think like a Man“. Dafür, denke ich, kann der Kindle nichts und ordere lieber zum Vergleich den Titel, den ich vor ein paar Tagen schon im Buchladen gekauft hab: „The Return of Depression Economics“ von Nobel-Preisträger Paul Krugman. Für die Papierform hab ich 24,99 Dollar bezahlt, im Kindle-Shop kostet er jetzt nur 9,99 Dollar. Ich rechne, wenn man also 25 Bücher kauft, hat sich das Gerät amortisiert. So teuer ist der Kindle also auf  gar nicht. 

Als ich den Bestellknopf drücke, kommt die nächste Überraschung: auf dem Bildschirm die Mitteilung „We were unable to process your order at this time. We are working on the problem“. Nicht besser geht es mir, wenn ich andere Bücher bestellen will. Frustriert gehe ich im Internet auf die Seite vom Kindle Customer Service. Dort werden über viele andere Probleme berichtet, nicht über meins. Bin ratlos, aber wenigstens gelingt es mir, einige kostenlose „Sample“-Seiten von verschiedenen Büchern zu laden. 
Und da kommen die Stärke vom Kindle zum Vorschein: Lesen kann man auf dem Gerät wirklich exzellent. Die Schrift steht auf dem matten Display (E-Ink-Technik) viel angenehmer als auf einem grellen Computer-Screen. Aber es gibt zwei Schwachpunkte: der kleine Bildschirm führt dazu, daß man alle 20 Sekunden auf den „Next Page“-Knopf drückt. Das nervt. Und der Bildschirm kann nicht beleuchtet werden. Dafür gefällt mir die Möglichkeit, jedes Wort auf Knopfdruck in einem „American Dictionary“ nachschlagen zu können. 

Dann probiere ich einmal die Vorlesefunktion aus, die als innovative „Read to me Feature“ beworben wird. Und das wird die nächste Enttäuschung. Die Texte werden von einer monotonen Computer-Stimme runtergeleiert, die an ein Navigationsystem im Auto erinnert. Man kann wählen zwischen einer eintönigen männlichen oder einer eintönigen weiblichen Computerstimme. Ich hab in meiner Naivität die Sprachqualität eines Audio-Books erwartet. Mich beschleicht immer mehr das Gefühl, der Kindle ist noch längst nicht ausgereift. 

Sonntag: Im Fernsehen sehe ich live das HSV-Spiel gegen Wolfsburg, was via Slingbox selbst hier in Kalifornien möglich ist. Denke, die Slingbox ist eine tolle Erfindung, aber der Kindle? Weil der HSV so schlecht kickt, spiele ich nebenbei noch etwas mit meinem E-Book-Reader. Gehe in den Blog-Section. „TechCrunch“ soll dort 1,99 Dollar im Monat kosten. Wie bitte? Ich reibe verwundert die Augen, es ist kein Fehler. Für jedes Blog, das man auf den Kindle laden will, muss man zahlen. Und dafür kommt man einmal mehr zur Erkenntnis: auf dem Kindle sehen auch Blogtexte seltsam aus.  
Mein Fazit nach 3 Tagen Kindle: 

  • Das Gerät und vor allem der Bildschirm sind zu klein. Man ist auf dem Mini-Screen ständig am Blättern. Und im 21. Jahrhundert sollte der Bildschirm Touchscreen-Funktionen haben und in Farbe kommen
  • Bücher kann man auf dem Kindle gut lesen, aber für Zeitungen, Zeitschriften und Blogs ist das Gerät denkbar ungeeignet. Und den viel zu langsamen Web-Browser kann man vergessen.
  • Die monotone Sprachwiedergabe vom Computer ist ein Witz.
  • Auch wenn man bei jedem Buchkauf 10-15 Dollar spart, das Gerät ist mit 349 Dollar zu teuer.
  • Was mich besonders überrascht hat: der Kindle 2 wirkt unausgereift und ist noch in keiner Weise ein Massenprodukt. Von der Perfektion eines iPhones ist er Lichtjahre entfernt.

Inzwischen kann man im Internet gerüchteweise lesen, dass zum Jahresende der Kindle 3 herauskommen soll. Er soll ein größeres Format haben und wohl auch einen Touchscreen bekommen. Aber auch dann glaube ich, wird sich das Gerät auf dem breiten Markt nicht durchsetzen. Meiner Meinung nach hätte der Kindle nur eine Chance, wenn man damit nicht nur Bücher lesen, sondern wie mit einem Notebook superschnell im Web surfen kann.  
Wer will schon ein Notebook für allgemeine Computer-Aufgaben haben, ein iPhone zum Telefonieren und mobilen Surfen und dann zusätzlich noch ein elektronisches Lesegerät für Bücher? Aus diesen 3 Geräten muß man 2 machen, noch besser wäre natürlich eins. 
Die positiven Kritiken nach dem Motto „The Kindle: Good before, better now kann ich nicht nachvollziehen. 
Für mich steht fest: der Kindle und ich, wir werden keine Freunde fürs Leben.

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