Die Wahrheit über die ZDF-News-Quoten

Sind die Quoten der ZDF-Nachrichten wirklich so schlecht wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch in der "F.A.Z." sagt? Oder ist alles halb so wild, wie ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in der "Süddeutschen" behauptet? MEEDIA räumt das Quotenchaos aus dem Interview-Streit zwischen Koch und Brender auf und analysiert, wie es wirklich um die ZDF-Nachrichten steht. Ergebnis: Koch hat recht, lässt aber wichtige Fakten außen vor. So dramatisch, wie er behauptet, ist die Lage im Vergleich zur ARD tatsächlich nicht.

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Sind die Quoten der ZDF-Nachrichten wirklich so schlecht wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch in der „F.A.Z.“ sagt? Oder ist alles halb so wild, wie ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in der „Süddeutschen“ behauptet? MEEDIA räumt das Quotenchaos aus dem Interview-Streit zwischen Koch und Brender auf und analysiert, wie es wirklich um die ZDF-Nachrichten steht. Ergebnis: Koch hat recht, lässt aber wichtige Fakten außen vor. So schlimm, wie er behauptet ist die Lage nämlich im Vergleich zur ARD nicht.

Werfen wir zunächst nochmal einen Blick auf die Aussagen der beiden Kontrahenten. Hessens Ministerpräsident Roland Koch gab in der „F.A.Z.“ im Bezug auf die ZDF-Nachrichten folgendes zu Protokoll: „Man muss diese Diskussion mit ein paar Fakten beginnen, und die sind sehr bitter. ‚Heute‘ hat seit 2002 26 Prozent seiner Zuschauer verloren. 2008 wurden wir erstmals von ‚RTL aktuell‘ überholt, liegen also hinter ‚Tagesschau‘ und der RTL-Sendung nur noch auf Platz 3. Das hätte sich vor fünf Jahren sicher kein Mitarbeiter des ZDF vorstellen können. … Das ‚Heute Journal‘ hat 10 Prozent weniger Zuschauer – im Gegensatz dazu haben die ‚Tagesthemen‘, die ja keinen privilegierten Sendeplatz haben, ihre Zuschauerzahl halten können.“

Nikolaus Brender hält in der „Süddeutschen“ dagegen: „Herr Koch vergleicht Äpfel mit Birnen. Etwa die ‚Tagesthemen‘ oder das ‚auslandsjournal‘, die ihre Sendeplätze und / oder ihr Konzept geändert haben. Wir sind stolz auf das ‚heute-journal‘, das mit 3,3 Mio Zuschauern kontinuierlich über eine Million vor den ‚Tagesthemen‘ liegt. Der Marktanteil (12 %) ist stabiler als der der ‚Tagesthemen‘ (10,5 %).“

Bringen wir also ein bisschen Klarheit in die Diskussion. Zunächst hat Roland Koch bei seinen reinen Zahlen recht. „heute“ und „heute-journal“ haben in den vergangenen Jahren kräftig verloren, die 19-Uhr-Ausgabe von „heute“ lag – wenn man sich nur die Ausstrahlung im ZDF anschaut – 2008 erstmals hinter „RTL aktuell“. Zieht man nicht den Vergleich mit dem Jahr 2002 heran, sondern den mit dem Jahr 1999 – Brender ist schließlich im Frühjahr 2000 als ZDF-Chefredakteur angetreten – so lag „heute“ im Jahr 2008 satte 24,6% unter den Zuschauerzahlen von 1999, das „heute-journal“ verlor 10,5% seiner Zuschauer. Und auch bei den „Tagesthemen“ scheint Koch recht zu haben, sie lagen 2008 nur 0,4% unter der Zuschauerzahl von 1999. Ein paar Dinge verschweigt Koch allerdings. So hat auch die 20 Uhr-„Tagesschau“ des Ersten im Laufe der Jahre 17,2% ihrer Zuschauer verloren – und im Fall der „Tagesthemen“ darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass die Sendung nun früher läuft als damals, was quasi automatisch mehr Zuschauer einbringt.

Zudem ist der prozentuale Vergleich etwas heikel. So ist die 20 Uhr-„Tagesschau“ seit jeher zuschauerstärker als die „heute“-Sendung. Der Verlust von einer Million Zuschauer schlägt sich im ZDF also mit einer höheren Prozentzahl nieder. Und tatsächlich sieht der Vergleich der absoluten Zahlen wesentlich enger aus: „heute“ verlor von 1999 bis 2008 1,22 Mio. Zuschauer, die „Tagesschau“ 1,08 Mio. – also nicht viel weniger. Die ARD wird nun argumentieren, dass sie inklusive der Ausstrahlungen bei Phoenix, 3sat, dem WDR Fernsehen, dem NDR Fernsehen, dem SWR Fernsehen, dem hr fernsehen und dem rbb Fernsehen weniger Zuschauer verloren hat, nämlich nur 0,67 Mio. – doch dieser Vergleich hinkt. Die kleineren Sender gewannen in den vergangenen Jahren deutlich hinzu – und mit ihnen automatisch auch die „Tagesschau“-Ausstrahlungen. Und würde „RTL aktuell“ auch parallel bei n-tv, Vox, Super RTL und RTL II gezeigt – wer weiß, ob die Sendung dann nicht schon längst die Nummer 1 in Deutschland wäre. Fazit also: Ja, „heute“ hat verloren, aber bei der „Tagesschau“ sieht es nicht viel anders aus. Unsere Grafik zeigt zudem, wie groß der Unterschied zwischen „heute-journal“ und „Tagesthemen“, trotz der von Koch dramatisierten Verluste noch ist, das „heute-journal“ hat immer noch über 1 Mio. Zuchauer mehr als die „Tagesthemen“:

Noch interessanter als diese Mio.-Zahlen, die wegen der verschiedenen Sendeplätze eben nur bedingt miteinander vergleichbar sind, ist ein Blick auf die Marktanteile. Schon sieht die Situation nämlich etwas anders aus und gibt Nikolaus Brender recht. So lag das „heute-journal“ auf seinem Sendeplatz im Jahr 2008 bei durchschnittlich 12,0%, die „Tagesthemen“ nur bei 10,5%. „heute“ und „Tagesschau“ lagen bei ihren Ausstrahlungen im ZDF und im Ersten in etwa gleichauf.

Der entscheidende Wert für die Sender ist der Vergleich der Sendung zum Senderdurchschnitt. Schließlich ist ein Marktanteil von 10% für einen Sender wie Vox ein riesiger Erfolg, für Das Erste aber ein Misserfolg. Ich habe daher eine weitere Grafik vorbereitet, die für die vergangenen zehn Jahre aufzeigt, wie sich die Marktanteile der fünf wichtigsten Nachrichtensendungen im Vergleich zu ihren Sendern entwickelt haben. Hat eine Sendung beispielsweise weniger Marktanteilspunkte verloren als sein Sender, so klettert ihre Kurve in der Grafik. Das Ergebnis ist recht interessant. Es zeigt nämlich, dass sowohl „heute“ als auch „Tagesschau“ in etwa gleich viel verloren haben. Lagen die 20-Uhr-„Tagesschau“ und die 19-Uhr-„heute“-Ausgabe 1999 noch mehr als 10 Prozentpunkte über dem Senderdurchschnitt, waren es 2008 jeweils nur noch etwas mehr als 4 Punkte. „RTL aktuell“ ist im Vergleich zum Senderdurchschnitt hingegen immer erfolgreicher und lag 2008 satte 6,5 Punkte über den RTL-Normalwerten. Relativ bitter sieht es für das „heute-journal“ und die „Tagesthemen“ aus. Aus einem leichten Plus wurde beim „heute-journal“ ein Minus von 1,1 Zählern, die „Tagesthemen“ liegen sogar 2,9 Punkte unter dem Senderdurchschnitt:

Die Zahlen sehen also nicht sehr gut für das ZDF aus, aber im Vergleich zur ARD längst nicht so schlecht wie Roland Koch glauben lässt. Das Problem des Zuschauerschwunds trifft eher auf alle vier großen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen zu. Es wären wohl eher grundsätzlichere Diskussionen nötig als der kleinkarierte Kampf um einen Chefredakteur. Brender die fallenden ZDF-Zahlen anzulasten, erscheint zumindest sehr realitätsfern. Viel wichtiger wäre die Frage, wie und ob Nachrichtensendungen in Zeiten des Internets überhaupt ihre Zuschauerzahlen halten können – oder ob ein Schwund wie bei der „Tagesschau“ und „heute“ nicht völlig unabhängig von der Qualität der Sendungen natürlich ist, weil die meisten potenziellen Zuschauer sich mittlerweile den ganzen Tag lang im Netz über das aktuelle geschehen informieren.

Warum Koch zudem mit den Zahlen des Jahres 2008 argumentiert – und nicht mit aktuelleren – können wir zwar nur mutmaßen, doch interessant sind die Werte des bisherigen Jahres 2009 allemal. So lag die 19 Uhr-„heute“-Ausgabe vom 1. Januar bis zum 23. Februar mit 4,64 Mio. Zuschauern wieder deutlich vor „RTL aktuell“ (4,51 Mio.), das „heute-journal“ baute seinen Vorsprung auf die „Tagesthemen“ mit 3,66 Mio. zu 2,40 Mio. ebenfalls deutlich aus. Aber eine solche Entwicklung passt natürlich nicht so ganz in die Argumentation von Roland Koch.

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