Fake-Interview in „Park Avenue“ eine Ente

Eine Headline im Medienblog Turi2 sorgte am Dienstagmorgen für Aufregung: „Gruner + Jahr am Pranger: Das US-Blog "Huffington Post" wirft Chefreporterin Steffi Kammerer vom eingestellten "Park Avenue" vor, ein Interview mit Michelle Obama erfunden zu haben.“ Ein „gefaktes“ Interview als Titelstory im Premium-Magazin? Das klingt sensationell peinlich. Nur: Der Wahrheitsgehalt der Meldung liegt nahe Null. Ex-Chefredakteur Andreas Möller spricht gegenüber MEEDIA von „gezielter Rufschädigung“.

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Eine Headline im Medienblog Turi2 sorgte am Dienstagmorgen für Aufregung: „Gruner + Jahr am Pranger: Das US-Blog „Huffington Post“ wirft Chefreporterin Steffi Kammerer vom eingestellten „Park Avenue“ vor, ein Interview mit Michelle Obama erfunden zu haben.“ Ein „gefaktes“ Interview als Titelstory im Premium-Magazin? Das klingt sensationell peinlich. Nur: Der Wahrheitsgehalt der Meldung liegt nahe Null. Ex-Chefredakteur Andreas Möller spricht gegenüber MEEDIA von „gezielter Rufschädigung“.

Drei Monate nach der Einstellung von „Park Avenue“ bringt ein Update eines Blogeintrags das Magazin posthum in Verruf. „Huffington Post“-Autorin Mayhill Fowler behauptet darin, dass ein Interview für eine Titelstory über Michelle Obama mit der deutschen Reporterin Steffi Kammerer gar nicht stattgefunden habe. Das Büro Obamas habe klargestellt, dass „Park Avenue“ keinen Termin mit der Ehefrau von Barack Obama gehabt habe. Das stimmt. Allerdings hatte dies auch niemand behauptet.

„Wir haben nie und an keiner Stelle den Eindruck erweckt, dass ein Exklusiv-Interview stattgefunden habe“, so „Park Avenue“-Blattmacher Andreas Möller zu MEEDIA. Die wörtlichen Zitate in dem Artikel stammten aus Talkshow-Auftritten, Artikeln sowie aus dem Buch Barack Obamas. Dies, so Möller, sei „handelsübliches Vorgehen“ und werde auch bei anderen Premium-Magazinen so gehandhabt.

Unklar ist, warum die Meldung überhaupt Eingang in den aktuellen Turi2-Medienspiegel fand. Der Blogeintrag aus der „Huffington Post“ (6,3 Millionen Unique User) stammt vom 31. Juli 2008, das Update mit den „Vorwürfen“ gegen „Park Avenue“ ging nach Angaben Möllers wenige Tage später online, also Anfang August. Fowler zitiert Michelle Obamas Sprecherin Katie McCormick Lelyveld mit den Worten, es habe „kein Interview mit ‚Park Avenue’ und auch keine ausdrücklich vereinbarten Fotos gegeben.“ Auch dies ist richtig. Und wieder: Niemand hatte dies behauptet.

Die Fotostrecke stammte aus einer „Vogue“-Produktion von Annie Leibovitz aus dem Jahr 2007, das Coverfoto von „Ebony“. „Park Avenue“ hatte die Leibovitz-Serie gekauft. Reporterin Steffi Kammerer recherchierte für die Story in den USA, unter anderem in St. Paul und Chicago. Ihr Treffen mit Michelle Obama beschränkte sich auf eine flüchtige Begegnung bei einer Fundraising-Veranstaltung in New York. Dies dokumentiert ein Foto im „PA“-Editorial mit der Bildunterschrift: „Steffi Kammerer traf Michelle Obama in New York.“

Dass damit eine tatsächlich nicht vorhandene Nähe der Autorin zur kommenden First Lady suggeriert wurde, mag mancher medienpolitisch unkorrekt finden. Unüblich ist ein solches Vorgehen auch bei Premium-Magazinen nicht. Es zeigt aber ein Problem, an dem „Park Avenue“ und wohl ebenso (die deutsche) „Vanity Fair“ AUCH gescheitert sind: Dass ihnen nämlich der direkte Zugang zu den ganz Großen der Welt gefehlt hat – und damit auch die packenden Exklusivgeschichten, die solche Magazine für den Erfolg bei den Lesern und fürs Überleben gebraucht hätten.
„Park Avenue“-Exchef Möller ärgert vor allem die „Rufschädigung für eine engagierte Reporterin, die sich nichts zu Schulden kommen lassen hat“. Er vermutet eine „gezielte Aktion“, da es eine Mail gegeben habe, in der angekündigt worden sei, dass die „HuffPo“-Geschichte den Medien zugespielt werden würde.
Dass die US-Autorin Fowler das Update überhaupt veröffentlichte, war übrigens quasi eine Gegendarstellung in eigener Sache: Sie hatte sich nämlich in ihrem für die Obamas nicht unbedingt schmeichelhaften Blogeintrag vom 31. Juli darüber ausgelassen, dass Michelle Obama einem deutschen Medium einen exklusiven Zugang gewährt und dass Annie Leibovitz die Fotos in dessen Auftrag geshootet habe. Daraufhin sah sich das Wahlkampfbüro zur Richtigstellung verpflichtet.
>> „Park Avenue“ Titelgeschichte über Michelle Obama

„Park Avenue“ Editorial, 08 / 2008

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