Zehn Dinge, die an Facebook stören

Keine Frage: Facebook ist neben Google die ganz große Internet-Erfolgsgeschichte des laufenden Jahrzehnts – 175 Millionen User können nicht irren. Aber sich schon mal ärgern, denn auch das Super-Social Network ist nicht perfekt, das hat nicht zuletzt die Debatte um die veränderten Nutzungsbedingungen gezeigt. Auch regionale Begrenzungen, eine unvollständige Suche oder der instabile Chat stören. Warum und was noch fehlt, verrät ein MEEDIA-Redakteur, der eigentlich selbst großer Facebook-Freund ist.

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Eines vorab: Ich mag Facebook. Sehr. Dabei war es nicht mal eine Liebe auf den ersten Klick: Zu viele (ehemalige) Kollegen, Bekannte und Freunde ließen sich lange bitten, auch ins boomende Social Network zu kommen, das noch vor Jahresfrist in Deutschland ein ziemliches Schattendasein im nur sechsstelligen User-Bereich führte.

„Weiß nicht“, „was soll ich denn da“, „sehe keinen Mehrwert“, „bin skeptisch“, „melde mich vielleicht nächste Woche an“, hörte ich immer wieder und wieder – und dann: meist gar nichts mehr. Ich war sehr überrascht: Facebook war die meist gehypte Seite der Web 2.0-Ära – und trotzdem kein Interesse?

Das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Auf 175 Millionen Nutzer bringt es die größte Online-Community der Welt mittlerweile. In den letzten Monaten ist Facebook nicht einfach gewachsen – das Social Network ist förmlich explodiert. Allein in der Bundesrepublik haben sich die Nutzerzahlen seit der Einführung der deutschsprachigen Website im März 2008 fast verzehnfacht.

Zweifelsfrei: Facebook die eine große soziale Plattform, die Menschen rund um die Welt verbindet. Dank Facebook sind Nutzer besser miteinander vernetzt und können Inhalte tatsächlich ganz anders teilen als noch vor Jahren. Und doch: Überraschenderweise stößt die Vernetzung manchmal an Grenzen, die eigentlich nicht sein müssten – inhaltlich, technisch, konzeptionell.  Ein subjektiver Blick auf zehn Dinge, die mich bei Facebook (noch) stören:


1. Das AGB-Unbehagen

Es war das Eigentor des Jahres. Was um alles in der Welt hat sich Facebook bei der Überarbeitung der Nutzungsbedingungen zum fünften Geburtstag am 4. Februar gedacht,  nachdem alle Inhalte zum (Mit-) Eigentum des Social Networks auf Lebenszeit werden sollten? Die Zurücknahme der 207-Zeichen-Ergänzung ist in der Sache zwar zunächst bereinigt, doch das Unbehagen bleibt.  

Mark Zuckerberg schreibt, man kehre – „für jetzt“ zur alten AGB-Fassung zurück, während man an einer Komplettüberarbeitung arbeite. Was kommt als nächstes? Mancher User wird nun zweimal überlegen, ob er neue Bilder hochladen wird, selbst wenn die Rechte – de jure – weiter bei ihm liegen. Doch allein diese Ungewissheit vor dem, was bei den AGBs kommt, dieses Gefühl des „Ja, aber…“ ist ein Riesenkiller für Social Networks, die von dem Gedanken des unbedenklichen Teilens leben. Diese Unbefangenheit ist nun für immer verloren gegangen, ganz gleich, wie sich die AGBs ändern.  

„2009 ist das Jahr, in dem die Veränderungen der letzten 10 Jahre allen deutlich werden“, hatte Viel-Twitterer Nico Lumma vor ein paar Tagen zur Debatte um die Datenrechte bei Facebook gebloggt. Keine Frage: Die Sensibilisierung für den Umgang mit eigenen Inhalten in der Web 2.0-Welt hat gerade erst begonnen – gerade und erst recht bei Facebook.

2. Wie privat ist die Privatsphäre wirklich?

Der Hang zum Online-Exhibitionismus wächst und wächst. Man muss wohl sagen: Facebook hat ihn maßgeblich mitgeprägt. „Als wir anfingen, überraschte es uns wirklich, wie viele private Informationen die Menschen auf der Website freiwillig preisgeben wollten“, erklärte Mark Zuckerberg im Rückblick. „2004 war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“.

Und nicht nur das. Unfassbare zehn Milliarden Bilder haben die 175 Millionen Nutzer inzwischen auf Facebook veröffentlicht – davon nicht zuletzt auch immer wieder gerne Urlaubsschnappschüsse am Strand oder in enthemmter Stimmung auf Partys. Jeder Facebooker kennt das gut: Das eine oder andere Erlebnis aus dem Leben will mitgeteilt werden – bildlich, versteht sich.
  
Deshalb hat sich Facebook als oberste Priorität die Selbstbestimmung der Privatsphäre auf die Fahnen geschrieben: „Wir entwickelten dementsprechende Sicherheitsmaßnahmen, um jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Heute kann man bei Facebook sehr genau bestimmen, wer welche Information zu sehen bekommt. Man kann sein Profil beispielsweise so einrichten, dass alle Freunde auf die letzten Urlaubsfotos Zugriff haben, jedoch nicht die Eltern“, rühmt sich Mark Zuckerberg.

Das stimmt in Theorie in den meisten Fällen – in der Praxis jedoch nicht immer. Ein solcher Fall tritt immer bei einer der beliebtesten Facebook-Funktionen auf: Dem Kommentieren der Bilder. So erscheinen von Freunden kommentierte oder getaggte Bilder auch anderer Mitglieder plötzlich im eigenen News-Feed, weil es sich ja um Neuigkeiten eines Facebook-Freundes handelt. Folge: Man kann sich schnell nicht nur durch die Bilder anderer, unbefreundeter Nutzer durchklicken – sondern sogar durch das ganze jeweilige Album, in dem das kommentierte oder getaggte Bild zu sehen ist. Das ist zwar enorm spannend, aber keine totale Kontrolle über die eigene Privatsphäre.

3. Die regionalen Begrenzungen

175 Millionen User aus praktisch jedem Land der Erde machen Facebook zum echten Global Network. Nicht umsonst heißt eine der meistbesuchten Facebook-Gruppen „Six Degrees of Separation“, basierend auf dem Kleine Welt-Phänomen. Jeder kennt jeden über Sechs Ecken – oder könnte ihn mit ein paar Klicks über Facebook kennenlernen, wenn da nicht die Sache mit regionalen Begrenzungen wäre.

Ziemlich unverständlich, aber wahr: Nur Profile innerhalb der eigenen regionalen Netzwerke sind anklickbar (wenn User das erlaubt haben). Wie die Profile von Nutzern aus Schweden, Spanien oder der Schweiz aussehen, erfahre ich als Mitglied des deutschen Netzwerks nicht – es sei denn, ich bin direkt mit einem anderen Nutzer befreundet. Oder: Ich wechsele in ein anderes Netzwerk, innerhalb dessen ich mich dann bewegen kann. Aber: Nur zweimal Wechseln ist innerhalb von 60 Tagen drin. Warum, weiß nur Facebook.

4. Das Benachrichtigungsgewitter

Es gibt Nutzer, die behaupten, Twitter überfordere sie mit seiner ständigen Informationsüberflutung. In dieselbe Kerbe fällt auch der Informationsfluss, der bei Facebook mit einem steigenden Freundeskreis proportional zunimmt. Auf der Homepage empfangen einen gleich fünf verschiedene Informationskanäle über die Neuigkeiten seiner Freunde: Der News-Feed mit einer Übersicht aller Neuerungen, die Status Updates, neue Fotos, gepostete Beiträge oder Kommentare oder Live-Updates machen einen schnell zum streitbaren Vollzeit-Reader.

Wirklich anstrengend sind jedoch die Benachrichtigungen über das, was auf – und vor allem mit dem eigenen Profil passiert. Schön zu wissen, dass der User X den eigenen Status „ebenfalls kommentiert“ hat  und User Y an „meine Pinnwand geschrieben hat“. Und ganz niedlich sind die „Guardian Angels“ auch, die Userin Z gesandt hat. Aber muss man deswegen „hier klicken“, „to send them to my friends?“ Hmm…

5. Das unbekannte Ende von Freundschaften

Wer auf Facebook netzwerkt, tut dies nach amerikanischen Spielregeln – und Umgangsformen, wie man schnell bei den überbordenden Benachrichtigungen feststellt. Alles ist mitteilenswert – solange es halbwegs positiv ist. Anders herum herrscht jedoch das große Schweigen: Hat sich ein „Freund“  aus Facebook verabschiedet oder sogar die Freundschaft gekündigt, erfährt man davon erst mal nichts. Nur wer die schnelllebige Freundesanzahl ständig im Blick hat, dürfte es merken, wenn ihm jemand abhanden gekommen ist. Wer es genau wissen will, müsste also seine letzte Freundesliste  genau inspizieren – eine echte Zusatzaufgabe bei dreistelligen Kontakten.

6. Wer war auf meinem Profil?

In dasselbe Muster amerikanischer Anonymität fällt ein anderes Feature, an das sich vor allem Xing-Nutzer schon gewöhnt haben: Das Spurenhinterlassen beim Klicken auf andere Profile. Die Stärke wird hier gleichzeitig zur Schwäche – und vice versa. Während bei Xing der digitale Fußabdruck, ein Profil angesehen zu haben, durchaus zum Klick-Verhinderer werden kann, wäre der Reiz beim sozialeren Social Network Facebook sicher da. Geschmacksfrage!

7. Eingeschränkte Suche

Na gut: Eine Dating-Plattform will Facebook nicht sein. „Im Gegensatz zu MySpace oder anderen Social-Networking-Websites zielt Facebook nicht darauf ab, neue Bekanntschaften zu machen, sondern bestehende zu pflegen, nur auf einer neuen Kommunikationsebene“, brachte Zuckerberg die Bedienungsanleitung subtil auf den Punkt.

Trotzdem: Auch auf Facebook wird geflirtet, so viel die Profile hergeben. Wie im wirklichen Leben, wenn sich Menschen auf die eine oder andere Weise begegnen, spielt zwangsläufig auch im Social Network #1 das Zwischenmenschliche eine tragende Rolle. Auf keiner anderen Plattform im Internet haben User schließlich die Möglichkeit, andere Menschen auf so unverfängliche Weise kennenzulernen. Die Grenzen zwischen Freundschaft und Flirt sind dabei fließend – und verwischen sich dabei mit jedem Mausklick zunehmend.

Ärgerlich, dass die Suche dafür ziemlich halbherzig angelegt ist. So können User problemlos nach Stadt, Geschlecht und Beziehungs- und Interessenstatus suchen – nicht aber nach Alter und Größe. Dabei soll es durchaus den einen oder anderen User oder geben, der sich vielleicht für mittelgroß gewachsene Spanierinnen ab 30 interessiert – oder für große Russinnen Mitte 20…

8. Chat-Probleme

Eine der beliebtesten Facebook-Applikationen ist der 2007 eingeführte Facebook-Chat, mit dem Nutzer nun auch direkt miteinander in Kontakt treten können – ein Riesenfortschritt zu immer mehr Vernetzung, vor allem bei noch jungen Bekanntschaften oder solchen, die sich gerade erst kennenlernen.

Wenn es nur immer gehen würde: „XY ist nicht mehr online. Folgendes konnte nicht gesendet werden“, lesen Facebooker fast regelmäßig während längerer Chats. Das Fatale: Oft genug ist das Gegenüber tatsächlich doch online, während man sich bereits gedanklich aus dem Chat verabschiedet. Oder schlimmer noch: Man wird selbst als „offline“ geführt, während man auf die Antwort wartet. Erheblicher Verbesserungsbedarf.

9. Wo ist der Support, wenn man ihn braucht?

Folgender Fall ist keine Glosse aus der Dot.com-Steinzeit, sondern tatsächlich Nutzungs-Realität 2.0: Ein MEEDIA-Redakteur, der sein Facebook-Passwort vergessen hat, hat über Wochen Anstrengungen unternommen, den Support zu erreichen. Dumm nur, dass das über Facebook ja nur gelingt, wenn man eingeloggt ist. E-Mails an den Facebook-Support  blieben unbeantwortet – oder erreichten ihr Ziel nie. Wo ist die Support-Adresse auf der Startseite, wenn man sie braucht?

10. Der Freundschaftszwang

Facebook, das steht fest, hat die Welt, wie wir online miteinander umgehen, revolutioniert. Seitdem wir nicht nur unsere Kontaktdaten miteinander tauschen, sondern auch Links, Kommentare, Notizen und vor allem Bilder, scheint unser Umgang miteinander viel lockerer geworden zu sein. Alles scheint ziemlich lässig auf Facebook zuzugehen, diesem Casual Friday der Social Networks – keine Frage: es menschelt sehr in diesem sozialen Netzwerk.

Vielleicht auch manchmal zu sehr! Was macht man, wenn plötzlich vage Bekannte mit einem befreundet sein wollen? In einem Netzwerk, in dem man schnell zu viel Persönliches mit Unbekannten teilt, bleiben am Ende nur zwei Möglichkeiten: Die höfliche Bestätigung und minimale Sichtbarkeit von persönlichen Inhalten. Oder die vermutlich klügere  Alternative: Der Mut zur Unhöflichkeit – sei es in Form einer direkten Absage oder dem Prinzip Aussitzen (Ignorieren). In beiden Fällen ist jedoch klar: Langt es im virtuellen Leben nicht zur Freundschaft, dürfte man froh sein, wenn im realen Leben daraus nicht Argwohn wird.

Doch wie im wirklichen Leben gilt schließlich auch in der nur allzu verfänglichen Online-Welt: Man kann nicht mit jedem befreundet sein. Man muss es auch nicht, wie es gerade der Facebook-CEO eindrucksvoll vormacht. 730 Facebook-Freunde hat Zuckerberg inzwischen, das kann jeder sehen. Nur mit dem obersten sozialen Netzwerker befreundet zu sein – das ist für normalsterbliche Facebooker nicht so einfach. Die Funktion „Add as a friend“ hat Zuckerberg schlicht deaktiviert. Ein lehrreiches Beispiel!

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