Die schöne neue Welt der WAZ

Je drohender die Krise, um so dramatischer die Wortwahl. Sollte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall. Unter Verlagsmanagern scheint sich das verbale Schönfärben harter Einschnitte zum Volkssport zu entwickeln. So haben wir uns schon daran gewöhnt, dass die Einstellung eines Magazins lediglich ein „Strategiewechsel“ ist. Dass Redakteure nicht entlassen, sondern „freigesetzt“ werden. Oder […]

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Je drohender die Krise, um so dramatischer die Wortwahl. Sollte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall. Unter Verlagsmanagern scheint sich das verbale Schönfärben harter Einschnitte zum Volkssport zu entwickeln. So haben wir uns schon daran gewöhnt, dass die Einstellung eines Magazins lediglich ein „Strategiewechsel“ ist. Dass Redakteure nicht entlassen, sondern „freigesetzt“ werden. Oder dass Zeitschriften, die wegen Anzeigenmangels seltener erscheinen, künftig „noch mehr Inhalt bieten“. Der Euphemismus wird zum Branding-Tool.
Eine gewisse Meisterschaft haben aktuell die WAZ-Oberen entwickelt. Vehement bestreitet das Management und auch der „WAZ“-Chefredakteur, dass mit den drakonischen Sanierungsmaßnahmen, denen wohl 300 Stellen zum Opfer fallen, auch ein Raubbau an der Qualität der Titel einhergeht. Statt dessen verbreitet man Aufbruchstimmung.

Wenn man die Statements isoliert betrachtet, würde man beinahe glauben, dass das Leitungspersonal ein gigantisches Investment kommentiert – und nicht wie tatsächlich ein 32-Millionen-Euro-Sparprogramm. Von einer „Weichenstellung für die Zukunft“ ist die Rede, vom megamodernen „Content-Desk“, von der Etablierung des „Reporterprinzips im Lokalen“ und der Schaffung einer „Autoren-Zeitung“ (weil DPA-frei). Fast meint man, die WAZ-Titel stünden vor einem redaktionellen Quantensprung: Weniger ist mehr.
Die Wahrheit wird sich am Ende im täglichen Blatt zeigen. Wir sind gespannt.

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