Condé Nast: Neuer Chef verzweifelt gesucht

Auch am Tag danach ist das Aus für die deutsche „Vanity Fair“ Branchenthema Nummer eins. Während der Verlag noch unter Schock zu stehen scheint und den Äußerungen von Jonathan Newhouse nichts hinzuzufügen hat, rätseln Entscheider in den Großverlagen über die Umstände und Ursachen, die zur Einstellung geführt haben. MEEDIA hat Brancheninsider befragt. Einhellige Einschätzung: Die Nachfolge von Ex-Chef Bernd Runge muss dringend geklärt werden, das Medienhaus braucht in der Krise eine Leitfigur.

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Auch am Tag danach ist das Aus für die deutsche „Vanity Fair“ Branchenthema Nummer eins. Während der Verlag noch unter Schock zu stehen scheint und den Äußerungen von Jonathan Newhouse nichts hinzuzufügen hat, rätseln Entscheider in den Großverlagen über die Umstände und Ursachen, die zur Einstellung geführt haben. MEEDIA hat Brancheninsider befragt. Einhellige Einschätzung: Die Nachfolge von Ex-Chef Bernd Runge muss dringend geklärt werden, das Medienhaus braucht in der Krise eine Leitfigur.

Um folgende fünf Fragen kreisen die Diskussionen  der Experten. Der Reihe nach:

Wie ist die Chaos-PR von Jonathan Newhouse zu erklären?

Erstaunlicherweise nehmen viele Entscheider dem Condé Nast International-Chef seinen Rückzieher von den Treueschwüren im Dezember nicht übel. „Eigentlich“, so ein langjähriger Verlags-Vorstand, „passieren Zeitschriften-Einstellungen immer Knall auf Fall. Die Verleger ringen lange mit sich, bis sie sich dazu entschließen.“ Es sei „die bessere Alternative“, Redaktion und Branche bis zuletzt im Ungewissen zu lassen: „Sonst werden die Spekulationen zur self fullfilling prophecy und verunsichern Redakteure und Anzeigenkunden schon vor der Entscheidung. Dann wird es noch teurer.“ Fazit: Der überfallartige Auftritt von Newhouse in Berlin sei „professionell richtig“ gewesen.

War das Ende von „Vanity Fair“ zu verhindern?

Viele Verlagskenner sehen das Kernproblem in der wöchentlichen Frequenz des Titels. Das „italienische Modell“ sei auf die deutschen Marktverhältnisse nicht übertragbar. Damit waren hohe Anlaufverluste unabhängig von der Produktqualität programmiert. Allerdings gibt es auch vernichtende Kritik an der Blattkonzeption. „Der Titel hat nie eine eigenständige Linie gefunden“, so ein Experte. Ein anderer sagt:  „Wer das Krisengerede, mit dem der Titel jetzt beerdigt wird, ernst nimmt, verkennt, dass die Probleme hausgemacht waren.“ In diese Richtung hatte sich auch Bernd Runge nach seinem Ausscheiden aus dem Verlag geäußert.
Wie ernst steht es um das Münchner Medienhaus?
Genereller Tenor der Konkurrenz-Einschätzung: Für Condé Nast ist die Lage ernst, aber nicht existenzbedrohend. Zwar gehen die meisten Insider davon aus, dass die Verluste von „Vanity Fair“ (angeblich um 100 Millionen Euro) die Erlöse der anderen Titel aufgebraucht haben, dass der Verlag vielleicht sogar vorübergehend in die Verlustzone rutschte. Allerdings bescheinigt man dem Portfolio von „Vogue“, „Glamour“, „AD“ und „GQ“ auch in der Krise eine Profitabilitätsperspektive. „Derzeit“, so ein Verlagskenner, „hat Condé Nast ein Problem. Nach der Abwicklung von ‚Vanity Fair’ wird sich die Lage aber normalisieren.“ Allerdings hat auch die kürzlich erfolgte Umstellung von „Glamour“ auf monatliche Erscheinungsweise Abschreibungskosten verursacht.
Was braucht der Verlag jetzt?
Kritisch sehen viele die bislang noch nicht geregelte Nachfolge von Bernd Runge, der das Unternehmen elf Jahre lang geprägt hatte. „Normalerweise sagte man, wenn es nicht läuft, dass der Fisch vom Kopf her stinkt“, lästert einer, „aber wenn der Fisch gar keinen Kopf hat, ist es noch schlimmer.“ Dringend brauche der Verlag einen neuen Chef als Führungs- und Integrationsfigur.
Wer kann Nachfolger von Bernd Runge werden?
Hier stellt sich das größte Problem: Die Zahl der geeigneten Kandidaten erscheint gering. Condé Nast ist ein Medienhaus, dass nach Einschätzungen von Branchenkennern einen ganz bestimmten Typus von Manager braucht, der unterschiedlichste Talente vereinen muss. „Er muss anzeigenaffin sein und Zugang zur schwierigen Luxusklientel haben“, so ein Verlagsvorstand eines Großverlages, „er muss Qualitäten als Finanzmanager haben und zudem ein Blattmacher mit Gefühl für die Produkte sein.“ Nicht viele deutsche Medien-Entscheider weisen eine derartige Bandbreite auf. Manager wie Philipp Welte, die dem Anforderungsprofil entsprechen würden, sind nicht verfügbar. Es ist davon auszugehen, dass Kandidaten aus Großverlagen mit extrem hohem Gehalt geködert werden.

Für Jonathan Newhouse drängt die Zeit – unkonventionelle Lösungen nicht ausgeschlossen: Schon der erste Chef des deutschen Condé Nast-Ablegers war ein „Exot“. Cyril Kuhn baute den Verlag um die Cashcow „Vogue“ auf und führte ihn mehr als zehn Jahre lang. Seine Amtssprache war bis zum letzten Tag Englisch.

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