„Berliner Zeitung“: ein Rückkehrer fehlt noch

Champagnerlaune am Donnerstag in Medien-Deutschland. In Köln feierten die DuMonts Weiberfastnacht. Beim Berliner Verlag bejubelte man den künftigen Geschäftsführer Oliver Rohloff. Er kommt vom Zeitungsverlag Aachen und hat schon einmal die Finanz-Geschäfte in Berlin geführt. In die Chefredaktion der „Berliner“ kehrt wohl Brigitte Fehrle zurück, die dort schon bis Mitte 2007 Vize war. Fehlt nur noch einer in der Reihe der Rückkehrer: Uwe Vorkötter. Aber der hat bei der „FR“ eigentlich genug zu tun.

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Ob Vorkötter tatsächlich, wie von vielen kolportiert oder gar ersehnt, Doppel-Chefredakteur von „FR“ und „Berliner Zeitung“ wird, ist unklar. Es wäre eine Herkules-Aufgabe, denn die Redaktion der „FR“ ist im besten Wortsinne eine Baustelle. Die Mannschaft ist gerade in ihr neues, schickes Domizil, ein umgebautes Straßenbahndepot in Frankfurt-Sachsenhausen, umgezogen. Vorkötter hat die „FR“ kräftig durchgeschüttelt, das Format auf Tabloid umgestellt und kürzlich alle Redakteure in die Online-Verantwortung genommen. „Wir haben jetzt 150 Online-Redakteur“, so Vorkötters programmatische Ansage. In Kürze steht noch ein umfassender Relaunch der Website an.

Der frische Wind ist nötig, ob die Kur der „Frankfurter Rundschau“ wirklich hilft, ist allerdings noch nicht erwiesen. Die Auflage bröckelt nach wie vor. Die Abo-Zahlen gehen nach der Umstellung aufs Tabloid-Format zurück, im 12-Monats-Trend um acht Prozent. Dagegen steht auf der Erfolgsseite, dass der Einzelverkauf in den vergangenen Monaten um immerhin sechs Prozent gestiegen ist. Die weichen sonstigen Verkäufe haben freilich um satte 18 Prozent zugelegt. Damit hält man bei der „FR“ die Auflage künstlich über 150.000 Exemplaren. Ein gewagtes Spiel. Die Verantwortlichen in Frankfurt und bei DuMont in Köln machen sich damit Mut, dass die Verkaufszahlen trotz der radikalen Veränderungen am Blatt wenigstens nicht drastisch eingebrochen sind. Von einer echten Trendwende hin zum Guten kann man aber noch nicht reden.

Nicht nur den Lesern wurde Einiges zugemutet, auch der Redaktion. Aus Frankfurt gibt es einige Stimmen, die sich hinter vorgehaltener Hand über die neue Redaktionsstruktur mit Mega-Großraumbüro, Newsdesk und neuer Online-Verantwortung beklagen. Altgediente Zeitungskämpen lassen sich nicht von heute auf morgen zu wieselflinken Online-Junkies umprogrammieren. Dass es knirscht, ist bei solch umfasenden Umbaumaßnahmen, baulicher, struktureller und personeller Art, aber durchaus normal.

Dagegen wirkt der Schauplatz Berlin derzeit fast beschaulich. Die Freude und Erleichterung über den Rückzug von Investor David Montgomery und seinem Vollstrecker Depenbrock sind mit Händen greifbar. Verleger Alfred Neven DuMont darf sich auf eine dankbare und motivierte Mannschaft freuen, die bei der Aussicht auf ein neues Redaktionssystem vor Begeisterung in die Hände klatscht. Die Auflage bröckelt zwar auch in Berlin, es ist aber nicht gar so furchtbar, wie man nach den ganzen Klagen gegen die Montgomery/Depenbrock vermuten könnte. Der Gesamtverkauf liegt bei knapp 173.000 Exemplaren, im 12-Monats-Trend sind der Einzelverkauf um vier Prozent und die Abos um drei Prozent zurückgegangen. Könnte schlimmer sein. In der Tat ist es so, dass die „FR“ mehr Not leidet als die „Berliner Zeitung“ und auch stärker von einer Kooperation beider Blätter profitieren könnte.

Dass DuMont mit Oliver Rohloff einen ehemaligen Geschäftsführer des Berliner Verlags zurückholt, spricht dafür, dass die Standorte Berlin und Frankfurt eine gewisse Eigenständigkeit behalten werden. In Frankfurt steht nach wie vor Sönke Reimers in der Verantwortung. Brigitte Fehrle, die derzeit noch das Berlin-Büro der „Zeit“ leitet, hätte sicherlich auch das Format, als Chefredakteurin die „Berliner Zeitung“ zu führen. Vielleicht findet sich ja eine personelle Konstruktion, bei der sich Uwe Vorkötter auch ohne direkte operative Verantwortung in Berlin einbringen kann. Die Verzahnung der beiden Blätter „Berliner Zeitung“ und „FR“ ist jedenfalls sicherlich eine der spannendsten Aufgaben der Branche. Und eine der schwierigsten.

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