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Newhouse: Make ‚Love‘, not ‚Vanity Fair‘

Die aktuelle deutsche „Vanity Fair“ ist die letzte. Condé Nast-Boss Jonathan Newhouse hat es verkündet, doch viele Fragen bleiben offen. Laut Newhouse will der Verlag die Website weiter betreiben. Zudem werde geprüft ob "VF"-Mitarbeiter zu anderen Condé-Nast-Titeln wechseln können. Während Condé Nast Deutschland in Schockstarre ist, wird in England weiter investiert. Am Tag nach der Einstellung der deutschen "Vanity Fair" startet der Verlag dort das Lifestyle-Heft "Love" mit 334 Seiten Umfang und voller Anzeigen.

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Kaum zu glauben, dass das ein und derselbe Verlag ist, der in Berlin mit Verweis auf die sich zuspitzende Wirtschaftskrise eine Zeitschrift einstellt und im gleichen Atemzug in England die nächste launcht. „Vanity Fair“ ist mit der englischen Neugründung „Love“ zwar kaum zu vergleichen: die deutsche „VF“ beschäftigte eine große Redaktion und erschien wöchentlich. „Love“ ist zunächst nur zweimal pro Jahr geplant und dürfte den Verlag ungleich weniger Geld kosten. Trotzdem ist die Gleichzeitigkeit der beiden Ereignisse verwirrend und frustrierend für die „VF“-Mitarbeiter in Berlin.

Man kann Jonathan Newhouse, der bei Condé Nast das internationale Geschäft verantwortet, durchaus glauben, dass er es vor elf Wochen ernst gemeint hat, als er der deutschen „Vanity Fair“ eine Bestandsgarantie gegeben hatte. Alles andere würde einfach keinen Sinn ergeben. Hätte Newhouse damals schon den Exitus geplant, hätte er sich kaum vor die Presse gestellt und sein Wort gegeben, dass die deutsche „VF“, sogar mit wöchentlicher Erscheinungsweise, auch nach dem rätselhaften Abgang von Deutschland-Statthalter Bernd Runge weiter existiert. Auch dass der Verlag den Abgang von Chefredakteur Nikolaus Albrecht weit im voraus kommuniziert hat, spricht dafür, dass noch bis vor kurzem niemand bei Condé Nast damit rechnete, das Magazin einstellen zu müssen. Sonst, hätten die zuständigen Manager gewiss lieber die Klappe gehalten und vermieden, sich derart öffentlich bloßzustellen.

Es muss also etwas passiert sein in diesen elf Wochen Wochen von der Bestandsgarantie für die „Vanity Fair“ bis zur ihrer Einstellung. Die dürftige Erklärung von Newhouse, in dieser Zeit habe sich die Wirtschaftslage dramatisch verschlechtert, muss man als Feigenblatt sehen. Das ist natürlich Unsinn. Die Lage war vor elf Wochen bereits genauso schlecht wie heute. An der Wirtschaftslage hat sich nichts wesentliches geändert, es muss sich etwas bei Condé Nast intern geändert haben.

Vielleicht sind die finanziellen Probleme von Condé Nast größer sind, als bisher zugegeben wurde. Die „New York Times“ berichtet, dass die Condé Nast-Tochter Advance Magazine Publishers ein für Jonathan Newhouse reserviertes Luxus-Apartment (fünf Schlafzimmer, fünf Badezimmer, Blick auf den East River) Ende Januar zum Dumping-Preis auf dem zusammengebrochenen Markt für Luxus-Immobilien verkauft hat. So etwas pflegt man nur zu tun, wenn man Bargeld braucht. Und zwar dringend. Das Wort vom „Notverkauf“ kommt einem in den Sinn. Das noch junge Wirtschaftsmagazin „Portfolio“ verschling viel Geld und die Anzeigenumsätze für Condé Nasts US-Titel, allen voran der „New Yorker“, fallen und fallen. Nachdem die „Vanity Fair“ nun weg ist, ist der Verlag dagegen in Deutschland sogar wieder schlank aufgestellt und dürfte nicht in seiner Existenz bedroht sein.

Der enorme Zeitdruck, unter dem die Entscheidung zur Einstellung der deutschen „Vanity Fair“ zustande gekommen sein muss, wird durch einen weiteren Umstand belegt. Ein Übersetzungsbüro aus Süddeutschland war nach Informationen von MEEDIA mit der Übertragung der Newhouse-Erklärung ins Deutsche beauftragt. Der Job konnte aber nicht mehr erledigt werden, weil die Einstellung offenbar so extrem schnell verkündet werden musste. So wurde die wichtige Verlagsmitteilung schließlich auf Englisch verbreitet.

Gleichzeitig wird das Bild vom innigen Verhältnis zwischen dem entfleuchten Verlagsmanager Manager Bernd Runge und den us-amerikanischen Condé-Nast-Bossen im Nachhinein deutlich zurechtgerückt. Runge hat dem „SZ Magazin“ ein Interview gegeben, in dem er sich in der Disziplin des Nachtretens übte. Der Verlag sei strukturell nicht auf ein Projekt der Größenordnung „Vanity Fair“ vorbereitet gewesen, sagte Runge in dem Interview. Zu dem Zeitpunkt existierte die deutsche „VF“ wohlgemerkt noch. Auf diese Aussage seines Ex-Angestellten angesprochen, sagte Newhouse nun in der „Horizont“: „Ich weiß wirklich nicht, worüber er da spricht.“ Auf die Frage, ob Runge gehen musste, weil die „VF“ schlecht lief, sagt Newhouse nur, man solle Runge doch bitte selbst fragen. Das klang vor elf Wochen noch anders. Zum Abschied wurden Bernd Runge Kränze geflochten, Newhouse sprach von seiner „brillanten Karriere“.

Laut einer Verlagssprecherin werde derzeit geprüft, ob Mitarbeiter der „VF“ bei anderen Titeln des Hauses weiterbeschäftigt werden können. Besonders hoffnungsvoll klingt das nicht. „Glamour“ wurde im Januar von 14-täglicher wieder auf monatliche Erscheinungsweise zurechtgestutzt und dort sollen eigentlich Stellen abgebaut werden.

Und dann ist da noch Jonathan Newhouse‘ seltsame Ankündigung via Interview, dass die deutsche Website der „Vanity Fair“ weiter betrieben werden soll. Auf Nachfrage beim Verlag heißt es dazu nur: „Der derzeitige Stand dazu ist das, was Herr Newhouse gesagt hat.“ Ob und was für eine Strategie hinter der Ankündigung steckt, ob und wieviele Leute für die Website weiterbeschäftigt werden, ob die Website in Berlin oder München produziert werden soll – „dazu können wir derzeit nichts sagen.“ Jonathan Newhouse hat seiner deutschen Belegschaft viele Fragezeichen hinterlassen.

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