Anzeige

Wiki-Schwindel: Wie News-Macher reagieren

Das Netz diskutiert: Arbeiten Web-Journalisten ungenau, ist Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue? Auslöser der Debatte ist der falsche „Wilhelm“ im Wiki-Eintrag über den neuen Wirtschaftsminister und Schalkes vermeintliche Kuranyi-Entlassung. Zwei "Enten", die einige Netz-Medien ungeprüft abschrieben. MEEDIA hat Online-Chefredakteure gefragt, wie sie mit diesen Problemen umgehen. Geantwortet haben u. a. Rainer Kurlemann (RP Online), Rüdiger Ditz (Spiegel Online) und Hans-Jürgen Jakobs (Sueddeutsche.de).

Anzeige

Rüdiger Ditz, Chefredakteur Spiegel Online

Sind die Web-Journalisten oftmals zu ungenau?
Ich will nur Spiegel Online beurteilen: Unsere Redakteure bemühen sich selbstverständlich, sehr genau zu arbeiten – mindestens so sehr, wie die Kollegen in den herkömmlichen Medien Print, TV und Rundfunk auch. Aber natürlich kann nicht jeder Spiegel Online-Text mit den Maßstäben eines Wochen- oder Monatsmagazins gemessen werden. Wenn es eine Nachrichtenlage gibt, reagieren wir so schnell, aber auch so akkurat wie möglich. Im Übrigen müssen auch Nachrichtenagenturen, Radio, TV und Zeitungen kurz vor Redaktionsschluss so abwägen.
Ist in der Webmedien-Realität Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue?
Für Spiegel Online nicht! Wir müssen nicht den Sekundenwettlauf um die Erstveröffentlichung gewinnen. Für uns ist wichtig, dass das, was wir veröffentlichen, nach bestem Wissen und Gewissen richtig und glaubwürdig ist.
Darf man jetzt Wikipedia nicht mehr als Quelle nutzen und muss nun immer erst kontrolliert werden, ob eine Seite gehackt wurde?
Wikipedia ist natürlich eine gute Quelle, um sich Hintergrundinformationen zu erarbeiten, allerdings darf sie nie wegen des Jekami-Prinzips die einzige sein. Nichts geht über die persönliche Anschauung oder den persönlichen Kontakt.
Wie geht Ihr Angebot mit dem Nachprüfen von Fakten und Informationen um?
Zunächst legen wir großen Wert darauf, dass unserer Redakteure genau recherchieren und die Plausibilität von Informationen einschätzen. Im Nachgang haben wir eine Dokumentarin, die bei faktenreichen Geschichten entweder selbst prüft oder die jeweiligen Experten der Spiegel-Dokumentation einspannt. Das geschieht bei nahezu allen Autorenstücken. Bei Nachrichtentexten, die wir aus Agenturmaterial zusammenstellen, greift der Mechanismus, wenn wir Fakten misstrauen.

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur Sueddeutsche.de

Sind die Web-Journalisten oftmals zu ungenau?
Sie sind oft für die Kürze der Zeit erstaunlich präzise. Dass inzwischen sich manche Redaktionen die Suche nach der zweiten Quelle ersparen, ist kein online-spezifisches Problem.
Ist in der Webmedien-Realität Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue?
Der alte Agenturspruch: „Be first, but be right“ gilt hier mehr denn je. Viel mehr besorgt mich, welche Geschichten hier künstlich aufgeblasen werden, um irgendwie „Fallhöhe“ zu erreichen. Auf den Homepages finden sich zu viele publizistische Luftballons.
Darf man jetzt Wikipedia nicht mehr als Quelle nutzen und muss nun immer erst kontrolliert werden, ob eine Seite gehackt wurde?
Genau: Man braucht zwei Quellen. Und man braucht den direkten Kontakt mit Betroffenen. Dieses Verfahren ist als Recherche bekannt. Es ist der Grundfehler, Copy-&-Paste-Artikel auf Wikipedia-Grundlage mit Journalismus zu verwechseln. Das ist das neue Borderline-Problem der Branche.
Wie geht Ihr Angebot mit dem Nachprüfen von Fakten und Informationen um?
Lesen, Zweifeln, Nachfragen. Die Zeitungskollegen und das Archiv ansprechen sowie andere Online-Seiten ansteuern. Im Übrigen hilft auch immer, den gesunden Menschenverstand einzuschalten.

Kai N. Pritzsche, FAZ.net

Sind die Web-Journalisten oftmals zu ungenau?
Einem Schelm auf den geschickt versteckten Leim zu gehen, hat wenig mit ungenauer Recherche zu tun. Wesentliche Fakten, wie im Fall Kuranyi, werden von verantwortungsbewussten Journalisten dennoch nicht ohne zweite Quelle veröffentlicht, das gilt online wie offline.
Ist in der Webmedien-Realität Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue?
Nein
Darf man jetzt Wikipedia nicht mehr als Quelle nutzten und muss nun immer erst kontrolliert werden, ob eine Seite gehackt wurde?
Wer sich alleine auf Wikipedia verlässt, handelt journalistisch fahrlässig. Dieser Grundsatz gilt ebenso für andere Quellen, die zur Absicherung der Faktenlage immer gegengeprüft werden sollten.
Wie geht Ihr Angebot mit dem Nachprüfen von Fakten und Informationen um?
Auch wir arbeiten bestimmt nicht fehlerfrei, versuchen aber grundsätzlich alle wesentlichen Fakten abzusichern. Dazu gehört es auch bei den Meldungen der großen Nachrichtenagenturen skeptisch auf die zweite Quelle zu warten sowie auf unbefriedigende Quellenlagen deutlich hinzuweisen. Oft genügt aber auch schon ein kurzer Anruf beim Korrespondenten Vorort oder beim parallel recherchierenden Zeitungskollegen, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Sven Scheffler, Chefredakteur Handelsblatt.com

Sind die Web-Journalisten oftmals zu ungenau?
Ich sehe da keinen Unterschied zwischen Print und Online. Journalisten müssen stets sorgfältig und sauber recherchieren – eine Pflicht gegenüber dem Leser, der leider nicht immer alle nachkommen.
Ist in der Webmedien-Realität Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue?
Ich halte Wikipedia per se für eine gutes Quelle: durch die grosse Wikigemeinde ist die Qualität in der Regel sehr hoch, weil Fehler schnell durch andere Korrigiert werden. Bei uns – wie bei allen Qualitätsmedien – gilt aber der Grundsatz zweier unabhängiger Quellen. Gehackte Seiten können wir nicht kontrollieren – dabei handelt es sich um offensichtlichen Betrug. Je genauer ich Informationen ueberpruefe und stets auch das Objekt der Berichterstattung – im aktuellen Fall: Schalke 04 – um eine Stellungnahme bitte, desto geringer das Risiko einer Falschberichterstattung. Nachrichtensites wie das Handelsblatt sind keine Agentur, sondern ein Qualitätsmedium im Internet. Da zählt Qualität mehr als Geschwindigkeit.
Wie geht Ihr Angebot mit dem Nachprüfen von Fakten und Informationen um?
Wie gesagt: 2-Quellen-Prinzip und saubere Recherche, die immer auch beim Unternehmen oder der betroffenen Person um eine Einordnung und Stellungnahme nachfragt, gehoeren bei uns zum Kodex. Und: Falls doch ein Fehler passiert, muessen wir dazu stehen, selbigen umgehend berichtigen und eine Entschuldigung aussprechen. Glücklicherweise kommt das äußerst selten vor.

Rainer Kurlemann, Chefredakteur RP Online

Sind die Web-Journalisten oftmals zu ungenau?
Für den Qualitätsanspruch von Journalismus darf es keinen Unterschied geben, in welchem Medium ein Journalist publiziert. Die Zeit, in der bei Informationen aus dem Internet ein geringerer Wahrheitsgehalt akzeptiert wurde, sind längst vorüber. Ohne journalistische Qualität verliert man seine Leser, das gilt für Print und Online übrigens gleichermaßen. 
Ist in der Web-Medien-Realität Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue?
Faktentreue ist bei RP Online wichtiger als Geschwindigkeit.   
Darf man jetzt Wikipedia nicht mehr als Quelle nutzten und muss nun immer erst kontrolliert werden, ob eine Seite gehackt wurde?
Die Schwächen von Wikipedia sind allen Journalisten seit Jahren bekannt. Für RP Online gilt ganz klar das Zwei-Quellen-Prinzip, wie es im Qualitätjournalismus üblich ist.
Wie geht Ihr Angebot mit dem Nachprüfen von Fakten und Informationen um?
Für RP Online ist Qualität das wichtigste Kriterium. Zur Überprüfung der Fakten können wir auf die Online-  und die Print-Redaktion, unsere Korrespondenten und unser Archiv vertrauen. Wenn die Quellenlage trotzdem nicht eindeutig ist, muss man das den Lesern sagen und im Zweifelsfall auf eine Veröffentlichung verzichten. Wir haben über die angebliche Entlassung von Kuranyi mit einer klaren Quellenangabe berichtet und dazu einen Hinweis gestellt, dass weitere Informationen in Kürze folgen. Damit wusste der Leser, das wir zusätzlich recherchieren.. Für Fußballvereine ist es nicht ungewöhnlich, dass sie zunächst auf ihrer Homepage über neue Nachrichten berichten.  Das gehört zum Alltag.  Als wir bei unseren Recherchen erfahren haben, dass die Seite gehackt wurde, haben wir unseren Artikel sofort richtig gestellt und über den Hacker-Angriff berichtet.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige