Sex-Roman der Anwältin: Schon 1 Mio. Visits

Es ist der Internet-Aufreger des Jahres: Im Online-Roman "Expat" schildert die Top-Anwältin Deidre Dare genüsslich die sexuellen Ausschweifungen Expatriierter eines britisch-russischen Joint Ventures im dekadenten Moskau. Mit Folgen: Wochen später wurde Dare dafür von der Kanzlei Allen & Overy gefeuert. Doch warum eigentlich? Für die 44-Jährige ist der Vorgang unbegreiflich – schließlich handelt es sich um Fiktion, nicht um Fakten, oder? MEEDIA fragte bei Dare nach.

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Es ist alles drin: „Ich trinke zu viel, ich nehme zu viele Drogen, ich schlafe überall herum. Ich verschwende meine Tage und meine Zeit. Ich verbringe viel zu viel Zeit auf Partys. Ich verbringe zu viel Zeit alleine. Ich gebe zuviel Geld aus. Ich rede zu viel. Ich rauche zu viel. Ich schreibe nicht. Ich verwöhne mich selbst…“

Das schreibt Dasha, Protagonistin in Deidre Dares viel diskutiertem Online-Roman „Expat„, in ihren Status-Update bei Facebook. Um ihr Leben dann doch in einem Satz zusammenzufassen: „Man könnte es auch kürzer sagen: Ich lebe in Moskau.“

„Es ist ja nicht schwer, einen Mann ins Bett zu bekommen“

In elf Kapiteln schildert die 44-jährige Top-Anwältin, die seit Sommer 2008 für die britische Anwaltskanzlei Allen & Overy arbeitete, detailreich die Abgründe des dekadenten Lebens in Moskau. Dabei spielt auch die Arbeitswelt eine große Rolle. Dasha kommt spät, manchmal ungeduscht und mit Spuren der letzten Liebensnacht zur Arbeit, um dann wieder früh zu Champagner-reichen Dates mit ihrem russischen Lover zu gehen – das Leben beim Öl-Konzern STB scheint eine einzige Party zu sein.      

Trifft das auch auf Dare selber zu? Rund 150.000 Pfund verdiene die Top-Anwältin im Jahr, wollten britische Medien schnell recherchiert haben – über ein großzügiges Apartment mit mehreren Schlafzimmern verfügt sie ebenfalls. Und ihr Liebesleben? „Natürlich habe ich auch herumgeschlafen“, erklärt Dare der „Sunday Times“ – „es ist ja nicht schwer, einen Mann ins Bett zu bekommen. Aber: Ich bin nicht Dasha.“

Gefährliches Spiel im Internet: Wo liegt die Grenze zwischen Deidre und Dasha?

Hier beginnt das Faszinosum der Geschichte der Deidre D. – und ihr in der Literaturgeschichte, zumal im Zeitalter der Neuen Medien, nur allzu bekanntes Dilemma. Was ist Fakt, was Fiktion: Wo beginnt das eine, wo das andere – und wichtig ist das eigentlich?  

Fakt ist zumindest, dass eine gefühlte Nähe der Protagonistin zu einer attraktiven Autorin dem Verkauf nicht abträglich ist. Ganz im Gegenteil, wie jüngst der enorme Erfolg von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ beweist. Nie hätte sich Roches mittelmäßig gelungener zotiger 200-Seiter so gut verkauft, wenn der Leser, hinter der zwar sehr jungen, aber doch authentisch verzogenen Göre Helen die Autorin Roche selbst vermutet hätte?

Internet-Erfolg DeidreDare.com: Bereits 1 Millionen Besuche

Im Falle der bis vor einigen Wochen völlig unbekannten Anwältin erscheint die Gleichsetzung mit der Romanfigur fast unvermeidlich, weil Dare ihn geschickt anreichert – und zwar mit der Macht des Internets. Auf DeidreDare.com ist der Online-Roman schließlich nicht nur herunterzuladen, sondern auch weitere schlüpfrige Gedichte der Autorin zu lesen – und vor allem Fotos zu begutachten.

Und das durchaus in lasziven Posen! Mal räkelt sich Dare im halbdurchsichtigen Kleid auf dem Sofa, mal scheint sie unter der Dusche zu stehen – alles sehr ansehnlich, aber auch nicht ohne erotische Nuance. Keine Frage: Hier spielt eine Autorin im Medium Internet, zumal als attraktive Frau, mit dem Sujet Sex.

Eskalation in der „Expat“-Äffäre: Allen & Overy kündigt Dare

Die 150.000-Pfund-Frage lautet nun, ob das arbeitsrechtlich problematisch ist. Was nämlich inzwischen 1 Million Leser auf ihre Website lockt, brachte ihren Arbeitgeber Allen & Overy in Rage. Eine Abmahnung und das Verbot, weitere Kapitel zu publizieren, folgte Mitte Januar – eine Beurlaubung, die Sperrung ihres Blackberrys, ihres E-Mail- und Arbeitszugangs wenig später.

Das war der Stand, auf den sich die Weltpresse vor drei Wochen stürzte. Doch Dare gab nicht klein bei: Die Website bleibt online. Anfang Februar kommt es zum Unvermeidlichen – der Kündigung.

„Frau Dares Verhalten, das Material unter ihrem echten Namen zu veröffentlichen, unter dem sie auch als Anwältin praktiziert, und die Art und Weise, wie sie auf unsere Aufforderungen reagiert hat, waren unakzeptabel und stehen im krassen Gegensatz zu den Verhaltensregeln, die wir von unseren Angestellten erwarten. Deshalb haben wir das Arbeitsverhältnis aufgelöst“, erklärte Allen & Overy den Rausschmiss.

Dare schlägt zurück: „Ich werde sie verklagen – hoffentlich in den USA“

„Es ist empörend“, schäumt Dare gegenüber der „Sunday Times“. „Was ich geschrieben habe, ist Fiktion. Es geht weder um die Firma noch um die Leute, die dort arbeiten. Warum kann ich keine fiktiven Geschichten veröffentlichen, nur weil ich in einer Anwaltskanzlei arbeite? Das ist das Recht der freien Meinungsäußerung.“  

Entsprechend kämpferisch geht Dare nun mit ihrer Kündigung um. „Ich werde sie verklagen – hoffentlich in den USA“, verriet die gebürtige New Yorkerin MEEDIA.

Lesen im dritten und letzten Teil der Deidre Dare-Story: Ein neues Leben – und ein 100.000 Dollar-Date.

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