Grosso-Verhandlungen mit G+J gescheitert

Die Verhandlungen zwischen dem Grosso-Vorstand und Gruner + Jahr über die Handelsspannen sind am Mittwoch vorläufig gescheitert. In ungewöhnlich scharfer Form kritisierte G+J-Geschäftsführer Olaf Conrad das Grosso-Angebot. Es bedeute "eine Schlechterstellung der Mehrheit der Verlage" und komme einem "Angriff auf die Pressevielfalt" gleich. Durch die Bevorzugung bestimmter Segmente und Verlage verlasse das Grosso "den Boden der Neutralität", so Conrad weiter. Dies sei nicht akzeptabel.

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Die Erklärung vom Baumwall ist ein Paukenschlag. Anders als in früheren Jahren, als man Differenzen geduldig hinter geschlossenen Türen abarbeitete, wird jetzt mit offenem Visier gestritten. Allen Beteiligten ist klar, dass die Verhandlungen in diesem Jahr durch die Medienkrise ungemein schwierig sind. Für alle Verlage haben die Vertriebsumsätze wegen der rapiden Anzeigenrückgänge eine strategisch veränderte Bedeutung gewonnen.
Die Attacke Conrads ist aber auch deshalb brisant, weil sie auch die unterschiedlichen Positionen der Verlage in den Grosso-Verhandlungen zum Thema macht. Wenn aus Sicht des Vertriebsprofis vor allem wöchentliche Titel mit hohen Auflagen vom neuen Grosso-Angebot profitieren, dann zielt das vor allem auf die in diesen Segmenten traditionell stark positionierten Verlage Bauer und Springer, deren rückläufige Auflagen quasi subventioniert würden. Die Zeche, so ist zwischen den Zeilen der G+J-Erklärung zu lesen, sollen hochwertige monatliche Magazin mit stabilen oder steigenden Auflagen zahlen, denn für diese würde sich die Handelsspanne erhöhen.
Eben dies meint Conrad, wenn er dem Grosso-Vorstand vorwirft, den „Boden der Neutralität“ zu verlassen. Warum die Grossisten dieses Modell gewählt haben, ist umstritten. Die teilweise brachialen Aktionen wie die Kündigung von langjährigen Verträgen und offene Kampfansage durch Yvonne Bauer oder Springer-Vertriebschef Torsten Brandt könnten beim Grosso allerdings Wirkung gezeigt haben. Mit Gruner + Jahr positioniert sich nun ein weiterer Großverlag deutlich und öffentlich.
Ob es zu der von Insidern befürchteten Zerreißprobe zwischen Verlagen und Grossisten kommt, bleibt abzuwarten. Die Handelsspannen-Verhandlungen können aus kartellrechtlichen Gründen nicht zentral beispielsweise über den Verlegerverband VdZ abgewickelt werden, sondern sind eine bilaterale Angelegenheit zwischen Grosso-Vorstand und den einzelnen Verlagen. Soviel steht fest: Den Parteien stehen heiße Wochen bevor.
Die Erklärung von G+J-Manager Conrad, der auch als Geschäftsführer der Verlagstochter Deutscher Pressevertrieb DPV fungiert, im Wortlaut:
„Der Grossovorstand hat G+J heute am 11. Februar ein Handelsspannenangebot vorgelegt, das mit unserem Marktverständnis nicht vereinbar ist und das vorläufige Scheitern der Verhandlungen  mit G+J erkennen lässt. Es ist nicht die Tradition des Verlagshauses G+J, Handelsspannenverhandlungen öffentlich zu führen. Der jetzige Vorschlag einer neuen Handelsspannenordnung hat aber so gravierende Auswirkungen auf den Markt der Publikumszeitschriften in Deutschland, dass wir zu der Auffassung kommen, im öffentlichen Interesse darüber informieren zu müssen.

Das Modell bedeutet eine Schlechterstellung der Mehrheit der Verlage und es ist ein Angriff auf die Pressevielfalt. Das Grosso verlässt dabei seine Position der Neutralität – eines der wertvollsten Essentials im deutschen Pressevertriebssystem.

Im Einzelnen sind folgende Systemveränderungen geplant:

– Die Umsatzbedeutung im System und die Bedeutung der Copypreise nehmen weiter ab.

– Der Umsatzbonus wird so modifiziert, dass nur wöchentliche Titel in hohen Auflagenklassen profitieren.

– Titeleinführungen mit kleineren Auflagen werden verteuert. Damit werden dem Markt wichtige Innovationsimpulse mittelständischer Verlage und selbstständiger Gründer genommen.

– Über eine Besserstellung werbeunterstützter Einführungen hochauflagiger Titel wird die Marktmacht von Großverlagen zementiert.

Kleinere Titel laufen in Gefahr, einem Remissionsmalus zu unterliegen, wenn sie einen oberen Schwellenwert in der Remissionsquote überschreiten. In den Genuss eines Remissionsbonus bei Unterschreiten des unteren Schwellenwertes kommen jedoch nur größere Titel. In der Summe ergibt sich eine massive Umverteilung zulasten von Magazinen mit monatlicher Erscheinungsweise,  hochpreisiger Zielgruppen-Zeitschriften und erfolgreicher Sonderhefte.

Das Grosso macht genau dort die Zugeständnisse bei den Handelsspannen, wo der Markt am stärksten rückläufig ist: bei wöchentlichen Titeln in wettbewerbsintensiven Segmenten. Dort wo die Auflagen- und Umsatz-Anteile nachhaltig stabil sind oder wachsen, beispielsweise im hochwertigen Magazin-Bereich, erhöht das Grosso die Handelsspannen. Das Modell ist damit im Grosso-eigenen Sinne zukunftssicher – führt aber zu nicht-tolerierbaren Wettbewerbsverzerrungen zwischen den Verlagen.

Selbst Erfolgstitel der letzten Jahre aus dem Verlag G+J wie ‚Neon‘, ‚Brigitte Woman‘ und ‚Geo Epoche‘, aber auch Titel anderer Verlage wie ‚Landlust‘, ‚Lecker‘, ‚Glamour‘, ‚Joy‘ und ‚Instyle‘ verschlechtern sich gegenüber der alten Systematik.

Diese Entwicklung ist mit Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche, die für alle Verlage gleichermaßen prekär sind, nicht akzeptabel. G+J fordert das Grosso erneut auf, einen Handelsspannenvorschlag vorzulegen, der für die Breite der Verlage paritätisch zu einer  jetzt notwendigen Absenkung der Vertriebskosten führt. Eine Umverteilung über einen Systemwechsel ist in der gegenwärtigen Marktlage falsch.  Das Grosso verlässt damit den Boden der Neutralität. Es geht jetzt darum, über eine steigende Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit des Grosso die Pressevielfalt in Deutschland zu sichern. Das ist die Aufgabe des Grosso in einem politisch und juristisch geschützten System und wäre eine Bestätigung der langjährigen Stärke des deutschen Pressevertriebssystems.“

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