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„Micro-Payment“ – Rettung der Zeitungen?

Das neue Zauberwort der US-Pressebranche heißt „Micro-Payment“. Egal ob man nun Verleger in New York oder Los Angeles trifft, schnell kommt die Sprache darauf. Es ist so etwas wie ein Silberstreifen am Horizont für eine Branche, die verzweifelt ums Überleben kämpft. Vorbild ist Apples iTunes-Abrechnungsmodell. Der "Käufer" zahlt dabei nicht mehr für das Gesamtprodukt, sondern nur noch für das, was er tatsächlich liest. Trotz aller Euphorie: Skepsis ist angebracht, die Nachteile überwiegen.

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Eigentlich ist man von der Presse ja gewohnt, dass sie sich bei der Behandlung der eigenen Probleme eher zurückhält. In den USA ist das diese Woche anders. 

Zunächst erörterte der Chefredakteur der „New York Times“ Bill Keller öffentlich die Problematik seiner Gratis-Website“.  
Und morgen kommt nun „Time Magazine“ mit der Titelgeschichte How to Save Your Newspaper. Geschrieben ist sie von Walter Isaacson, einem der großen Journalisten des Landes. Isaacson war Managing Editor bei „Time“, Chairman und CEO von CNN,  und ist seit 2003 Präsident von Aspen Institute
Der Artikel beginnt mit dem Satz: „During the past few months, the crisis in journalism has reached meltdown proportions.“ Dann kommt relativ schnell die Feststellung, dass Zeitungen heute mehr Leser haben als je zuvor: „Their content, as well as that of newsmagazines…is more popular than ever – even (and especially) among young people. The problem is that fewer of these consumers are paying. Instead, news organizations are merrily giving away their news….This is not a business model that makes sense“. 

Er hoffe, dass sich in diesem Jahr eine „bold, old idea“ durchsetzen wird: Der Leser möge doch bitte auch im Internet für Journalismus zahlen. Und dann diskutiert er nach dem Vorbild des Apple-Abrechnungsmodell für Musik die Vorzüge eines „Micro-Payments“. Ein System also, bei dem man nur für das zahlt, was man liest. Isaacson: „The key to attracting online revenue, I think, is to come up with an iTunes-easy method of micropayment. We need something like digital coins or an E-ZPass digital wallet — a one-click system with a really simple interface that will permit impulse purchases of a newspaper, magazine, article, blog or video for a penny, nickel, dime or whatever the creator chooses to charge”. 

In der Tat ist „Micro-Payment“ das neue Zauberwort der US-Pressebranche. Egal ob man nun Verleger in New York oder Los Angeles trifft, schnell kommt die Sprache auf „Micro-Payment“.  Es ist so etwas wie ein Silberstreifen am Horizont für eine Branche, die verzweifelt ums Überleben kämpft. 
Mir kommt das eher so vor wie jemand, der aus Angst vorm Tod Selbstmord begeht.
Ich fürchte, das führt nämlich dazu, dass die Leser im Internet einzelne Artikel nur sehr selektiv nutzen werden, weil ja jede Seite Geld kostet. Sie werden vor jedem Klick darüber nachdenken, ob ihnen der einzelne Beitrag wirklich Geld wert ist. Ein schnelles Anlesen, ein Überfliegen und ein „Blättern“ wird kaum noch stattfinden – und die Akzeptanz der Website bei der Werbeindustrie wird darunter leiden. 
So verständlich der Wunsch ist, Journalismus auch im Web kostenpflichtig zu machen, beim „Micro-Payment“ übersieht man meiner Meinung nach die Auswirkung aufs Anzeigengeschäft. Reichweite ist schließlich das, was Zeitungen – und auch Websites – für Werbekunden attraktiv macht. Und Verlage sind dadurch groß und stark geworden, dass sie sehr geschickt von beiden Seiten – Leser wie Werbekunden – Geld genommen haben. Diese Balance ist im Webzeitalter verloren gegangen, und dieses Gleichgewicht müssen die Verlage dringend wiederfinden.
Viel geschickter erscheint mir ein kombiniertes Print-Online-Abo. Wenn die Leute die Website nutzen wollen, dann sollte man sie mit einem sehr attraktiven Kombi-Angebot dazu verführen, bitte gleich auch die Zeitung im Printform mitzubestellen. So könnte man die Printauflagen der Zeitung stabilisieren und zusätzlich noch etwas Geld für die Website einnehmen. 

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