Der Patient Print lebt – in vollen Zügen

Sollten Verlagsmanager mal wieder schlechte Laune bekommen, könnten sie mal zum Spaß morgens zu Berufsverkehrzeiten mit der Bahn fahren. Die Züge sind dann in der Regel nicht nur voll, sondern auch voll mit Leuten, die Zeitungen und Zeitschriften lesen. In jüngster Zeit war ich einige Male mit dem Zug unterwegs. Sowohl in der S-Bahn als […]

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Sollten Verlagsmanager mal wieder schlechte Laune bekommen, könnten sie mal zum Spaß morgens zu Berufsverkehrzeiten mit der Bahn fahren. Die Züge sind dann in der Regel nicht nur voll, sondern auch voll mit Leuten, die Zeitungen und Zeitschriften lesen. In jüngster Zeit war ich einige Male mit dem Zug unterwegs. Sowohl in der S-Bahn als auch im ICE wurde tüchtig gelesen. Besonders häufig gesichtet: „Spiegel“, „Zeit“, „Financial Times Deutschland“, ein bunter Strauß an Regionalblättern und…Bücher. Immer wieder Bücher, in erster Linie John Katzenbach, Dean R. Koontz und solches Zeug aber immerhin. Vereinzelt in der S-Bahn gesichtet: „The Economist“ (!), „c’t“, „Neon“ und das Musikmagazin „Visions“. Auch die Nische fährt Bahn.

Die Leute lesen also und frühmorgens muss man im Pressekiosk in einer eher langen Schlange anstehen, wenn man eine Zeitung kaufen will. Also alles in allerbester Ordnung für Zeitungen und Zeitschriften? Kaum. Die zurückgehenden Auflagenzahlen und einbrechenden Werbe-Erlöse sind ja Realität. Aber: Die schrumpfenden Anzeigenerlöse sagen erst einmal nichts über die Akzeptanz von Print bei den Lesern aus. Die Anzeigen brechen weg, weil die Unternehmen, die Anzeigen schalten, wirtschaftliche Probleme haben, weil sie ihr Werbegeld lieber woanders ausgeben oder weil sie für sich beschlossen haben, dass Werbung nicht so viel bringt, wie gedacht. Gelesen wird trotzdem.

Die rückläufigen Auflagenzahlen sind natürlich auch ein Problem. Aber einerseits besteht auch geradezu ein Über-Angebot an Print-Produkten und die Konkurrenz mit dem Internet um die Aufmerksamkeit der Leser lässt sich nicht leugnen. Einige Titel, die in der Vergangenheit, als die Anzeigenkohle noch üppig floss, ihre Auflage mit allerlei Tricks aufgepumpt haben, haben nun Luft aus der Statistik abgelassen. Nun werden hier und da etwas weniger Exemplare zum Spottpreis in Flugzeuge gekarrt oder mittels Kooperations-Deals in Hotelzimmern abgelegt.

Und: Zeitschriften- und Zeitungsgattungen sind von dem Auflagenrückgang völlig unterschiedlich betroffen. Während Sex-Heftchen wie „Coupé“ wohl bald komplett von der Bildfläche verschwinden, leiden Audio- und Fotozeitschriften wohl in erster Linie darunter, dass Produktberatung von Online-Portalen wie Amazon mittlerweile gratis und besser erledigt wird. Das Segment der aktuellen Zeitschriften (wo sich „stern“, „Spiegel“, „Focus“ finden hat im 4. Quartal 2008 mit einem Auflagenplus von 1,1 Prozent stagniert. Viele andere Segmente stagnierten auch, es gab auch einige Segmente, die sogar dazugewonnen haben. So steigerten ausgerechnet die krisenerprobten Jugendzeitschriften ihre verkaufte Auflage um 9,2 Prozent, obwohl mit Springers „Yam“ ein ehemals großer Titel aufgegeben hat. Und „Landlust“ hat bewiesen, dass Neugründungen mit erheblichem Erfolg bei den Lesern möglich sind.

Print ist also nicht tot, es riecht auch nicht komisch. Print ist vielleicht in den Wechseljahren und so manche aufgeblähte Struktur aus den fetten Jahren wird jetzt abgebaut. Das ist bittere Medizin. Am Ende geht es dem Patienten Print aber hoffentlich besser als zuvor.

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