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Zeitungen müssen sich schneller ändern

Andreas Arntzen, Geschäftsführer der Verlagsgruppe Madsack (u.a. "Hannoversche Allgemeine", "Neue Presse") ist ein viel beschäftigter Mann. Madsack gilt als Haupt-Interessent für die Übernahme der Beteiligungen von Axel Springers Regionalblättern, also u.a. die "Lübecker Nachrichten", de "Leipziger Volks-Zeitung" und die "Ostsee Zeitung". Im Gespräch mit MEEDIA verrät er seine Rezepte gegen die Print-Krise: Qualität und Nischen. Gerne auch mit Hilfe von Bürger-Journalismus.

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Seit Anfang September bringt Madsack das Web-Projekt „Gießener Zeitung“ auch zweimal pro Woche gedruckt. Warum? Wir dachten Print sei am sterben…

Wer ist “Wir”? Ich glaube an Print – nur muss sich diese Gattung etwas schneller als bisher an neue Kundenbedürfnisse anpassen. Gelingt diese Evolution, so wird diese “Spezie” auch nicht aussterben!

Mit „Wir“ meinte ich die Redaktion von MEEDIA. Es gab ja in der jüngsten Zeit zahlreiche Abgesänge auf die Gattung Print zu lesen. Wie wollen Sie sicherstellen, dass bei der „Gießener Zeitung“ die Themen-Mischung stimmt und alle relevanten Themen abgedeckt werden, wenn Sie auf Bürger-Journalismus setzen?

Die “Mischung” wird primär von der Community selbst erstellt. Die Relevanz der Artikel wird aus der Nutzerfrequenz, der Herkunft, der Aktualität und den Bewertungen abgeleitet. Welche “Mischung stimmt” entscheiden in diesem Fall also eher die Leser als die Redakteure. Auch das gehört dazu, wenn man einem Veränderungsprozess offensiv begegnet. Wir versuchen neue Wege zu gehen und lernen dabei sehr viel – nicht nur über die Leser, sondern auch über uns! Ich bin mir sicher, dass die Erfahrungen in Gießen auch Einfluss auf die übrigen Titel unserer Gruppe haben werden.

Ist dieses Projekt auf dem überschaubaren Markt in Gießen nur eine Spielerei?

Eine neues Printprodukt mit über 120.000 Auflage und zweiwöchentlicher Erscheinung sollte man nicht als Spielerei bezeichnen. Dieses Objekt wird bereits kurzfristig seine wirtschaftliche Eigenständigkeit unter Beweis stellen. Innerhalb der Verlagsgruppe wird ein solches Projekt aber auch helfen den dringend notwendigen Veränderungsprozess zu beschleunigen.

Welche Reaktionen gibt es aus der Bevölkerung?

Sehr positive – immerhin erhalten die Bürger eine kostenlose Publikation und zugleich eine Plattform für Ihre Ansichten und Meinungen. Wir sind damit sehr oft deutlich dichter am Puls der Bevölkerung als dies den dortigen klassischen Titeln gelingt.

Die „Gießener Zeitung“ ist aus der Madsack-Beteiligung myheimat.de heraus entstanden. Funktioniert das Konzept Web-to-Print besser, wenn man es mit einem lokalen Markennamen, wie hier „Gießener Zeitung“, versieht?

Diese Frage kann ich Ihnen noch nicht abschließend beantworten. Beide Ansätze verlaufen sehr positiv, aber beide haben auch gewisse Unterschiede. Man sollte die Gießener Zeitung nur als eine von vielen Diversifikationsstufen des Myheimat-Ansatzes verstehen. Wir werden noch einige andere Stufen umsetzen

Im „Spiegel“ haben Sie angedeutet, sie könnten sich noch weitere Nischen-Zeitungen vorstellen. Haben Sie ein paar Beispiele?

Ja, ich glaube fest daran. Man sollte dieses hervorragend funktionierende Tool der Gogol-Medien, Gogol ist die Mutter-Firma von Myheimat.de, auch für andere Nischenkonzepte nutzen, zumal die technologischen Möglichkeiten hinsichtlich Druck und Vertrieb immer mehr Möglichkeiten bieten. Wir können es in fast beliebiggranulare Einheiten runterbrechen und so immer dichter an die Bedürfnisse der Leser/Bürger heranführen.

Ist eines dieser Projekte schon konkret?

Ja, aber mehr kann ich dazu leider nicht sagen.

Ist die Zukunft von Print der Rückzug in die Nische?

Nein, das ist nur eine von sehr vielen notwendigen Maßnahmen auf dem Weg zum sich verändernden Printmediums. Jedes Aufspüren einer attraktiven Nische führt auch zu Veränderungen in den Kernmärkten. Ein aus meiner Sicht noch wichtigerer Faktor ist die redaktionelle Qualität und die Fokussierung auf die zur jeweiligen Marke passenden Themenschwerpunkte. Ich bin mir sicher, das der hier praktizierte Bürgerjournalismus die Arbeit unser Redakteure unterstützen kann. Dies setzt aber einen offenen Umgang mit sich verändernden Medien und einem sich deutlich verändernden Nutzungsverhalten voraus.

Madsack gilt als Haupt-Interessent für die zum Verkauf stehenden Regionalzeitungs-Beteiligungen der Axel Springer AG. Wie man hört, sollen die Verhandlungen kurz vor einem Abschluss stehen. Lohnt sich ein solches Engagement in solchen schwierigen Zeiten?

Wenn wir kein generelles Interesse an anderen Zeitungen hätten, wie sollten wir dann authentisch den Glauben an unsere eigenen Publikationen verkörpern können. Ich glaube an Marken und an deren Bedeutung und Werte – daher interessieren wir uns auch für andere Märkte.

Das Hauptproblem der Gattung Tageszeitung ist, dass keine jungen Leser nachkommen. Wie wollen Sie dem begegnen?

Wir sollten nicht die Jugendlichen und deren Beziehung zu Zeitungen an den Pranger stellen, sondern die Attraktivität unserer Titel für diese Zielgruppe stärker hinterfragen. Vergleichen Sie nur die technologischen Entwicklungsstufen der letzten zehn Jahre mit den dagegen eher rudimentär erscheinenden Veränderungen von Zeitungen.

Aber nochmal: Wie kann die Branche das Ihrer Meinung nach in den Griff bekommen?

Wir müssen dichter an die Bedürfnisse unserer Kunden heranrücken. Dabei müssen wir ein besseres Verständnis und Gefühl für die bisherigen und die auf uns zukommenden Veränderungen entwickeln. Dies können wir nur, wenn wir noch offensiver experimentieren und nach innovativen und zeitgemäßen Produkten suchen.

Also am Ende doch nur der Weg in die Nische für die gedruckte Zeitung?

Wenn die Anzahl und die Gesamtgröße der Nischen größer als das aktuelle Geschäft sind, so ist das doch ein interessanter Markt. Hierfür gibt es übrigens in diverse erfolgreiche Beispiele in anderen Branchen, nehmen Sie nur die Automobilbranche.

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