„Zeitschriften brauchen Mut zur Qualität“

Axel Ganz gilt als einer der besten Zeitschriften-Macher der Welt. Er gründete über 60 Zeitschriften, vor allem in Frankreich. Von 1978 bis 2005 war er Verleger der Prisma Press, zusätzlich Auslandchef von Gruner+Jahr mit Sitz in Paris. Noch heute sitzt Ganz für Bertelsmann im Aufsichtsrat von G+J. MEEDIA-Herausgeber Dirk Manthey sprach mit ihm über die schwierigen Perspektiven für Zeitschriften, über den „Stern“ und über das Thema „Zentralredaktion“.

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Waren das nicht noch schöne Zeiten, als es noch kein Internet gab und Leute Zeitschriften kauften?

Ich finde, wir erleben heute herrliche Zeiten, wo es all die Zeitschriften, Zeitungen und dazu noch das Internet gibt. Für den anspruchsvollen Konsumenten kann keine Gattung die andere wirklich ersetzen, es sei denn, man reduziert bewusst sein Interesse. Aber wirtschaftlich gesehen stellt die Fragmentierung insbesondere die Verlage vor große Probleme: Die Auflagen sinken seit Jahren.

Wie ist denn Ihr persönliches Verhältnis zum Internet? Sie sind – wenn ich das sagen darf – 71 Jahre alt. Wie intensiv nutzen Sie selbst das Internet?

Ich persönlich nutze alle Medien. Ich bin ein Technologie-Freak.
Telefon, Laptop, Blackberry sind meine ständigen Begleiter. Ich
benutze sie allerdings in erster Linie zur Informationsbeschaffung und zur Kommunikation. Zur Meinungsbildung und zur Entspannung
bevorzuge ich die gedruckte Lektüre.

Wieviel Zeitungen und Zeitschriften lesen Sie heute noch?
In der Regel zwei Tageszeitungen, eine deutsche und eine französische. Zusätzlich unregelmässig eine englischsprachige. Dazu kommen wöchentlich ein bis zwei internationale Nachrichten-Magazine, ferner blättere ich jede Woche zwei bis drei Zeitschriften durch. An manchen Wochenenden einen ganzen Stapel.

Nachdem Sie viele Jahre immense Erfolge im Zeitschriften-Geschäft hatten, war Ihr letzte Launch „Jasmin“ in Frankreich ein Flop. Vielen anderen Neugründungen vor und nach „Jasmin“ ging es nicht besser. Kann man heute überhaupt keine große neue Zeitschrift mehr starten?

Es ist heute in der Tat schwierig geworden, hochauflagige Zeitschriften zu gründen. Vor allem Wochentitel. Das habe ich in der Tat mit meinem Projekt der wöchentlichen Frauenzeitschrift “Jasmin” erfahren müssen. Nahezu unabhängig von der redaktionellen Qualität gelingt es nicht mehr, die für die Wirtschaftlichkeit erforderliche kritische Auflagengröße zu erreichen. Das gewaltige Medienangebot und die damit verbundene Fragmentierung des begrenzten Zeitbudgets der Konsumenten limitieren die Auflagen und damit das Entstehen neuer großer Titel.

Wie geht es mit dem Zeitschriftengeschäft weiter? Ist ein weiterer Niedergang im Internet-Zeitalter nicht vorgezeichnet?

Gedruckte Publikationen wird es immer geben, aber mit geringeren Auflagen. Damit stellt sich für die Verlage vor allem die  Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Und sicherlich gibt es heute zu viele gedruckte Titel mit zu ähnlichen Inhalten. Me-too hat im harten intermedialen Wettbewerb keine Chance mehr. A propos Wirtschaftlichkeit: Im Internet haben bisher vergleichsweise auch nur wenige Sites den Beweis angetreten, dass sie auch wirklich Geld verdienen können.

Das ist sicherlich richtig. Aber nochmal zurück zu den Zeitschriften. Welche Gattung sind Ihrer Meinung nach besonders gefährdet? An erster Stelle alle, die eine jugendliche Zielgruppe ansprechen, weil ja Jugendliche eigentlich nur noch im Internet sind?

Ganz klar ist die digitale Welt mit der schnellen und direkten Kommunikation für junge Menschen faszinierend und effizient. Daher bleibt wenig Zeit und Neigung zum Lesen. Ich bin aber überzeugt, dass junge Leute Gedrucktes lesen und lesen müssen, wenn sie beruflich Verantwortung übernehmen. Daran wird sich auch künftig wenig ändern, denn Meinungsbildung und Leadership spielt sich zum überwiegenden Teil in den gedruckten Medien ab. Diese müssten diese Tatsache sehr viel stärker für sich nutzen.

Andersrum gefragt, welche Gattung wird den Niedergang der Zeitschriften am besten überstehen?

Generell werden die Zeitschriften überleben, die sich über originäre und eigene Inhalte ein unverwechselbares Profil  erarbeiten, das eine ausreichend große und möglichst regelmäßige Käufer-und Leserschaft anspricht. Dies gilt für alle Gattungen.

Wie sehen Sie die Illustrierten? Der „Stern“ in Deutschland hält sich ja vergleichsweise gut, oder?

Dem “Stern” ist genau dies gelungen. Die pure Aktualität, die natürlich vorwiegend von den schnellen elektronischen Medien ohne physische Distribution wahrgenommen wird, wurde durch aktuelle Hintergrundberichte ersetzt, wie sie wiederum von den elektronischen Medien in der Regel nicht geboten und dort vom Konsumenten vielleicht auch nicht erwartet oder gelesen werden.

Sie sitzen für Bertelsmann ja auch heute noch im Aufsichtsrat von Gruner+Jahr.  Schmerzt es Sie, was dort mit den Wirtschaftstitel passiert? Ist eine Zentralredaktion aus Ihrer Sicht ein richtiger Schritt?

Das Wort “Zentralredaktion” hat bei Journalisten heute eine negative Bedeutung, weil es  in jüngster Zeit natürlich meist im Zusammenhang mit Rationalisierungsmaßnahmen  steht. An sich ist eine Zentralredaktion nichts grundsätzlich Abzulehnendes. Es gibt dafür viele gute Beispiele. Es kommt auf die Thematik und die entsprechende Organisation an. Im Verbund mehrerer Wirtschaftstitel gehen alle von dem gleichen “Grundstoff” Wirtschaftsinformation aus: Daten und Fakten. Es macht  also durchaus Sinn, deren Beschaffung und Aufarbeitung zu bündeln und somit bei geringeren Kosten höhere journalistische Effizienz zu erzielen. Wie die einzelnen Titel konzeptabhängig diese Informationen auswerten, ist für mich eine Strukturfrage der Redaktion. Ich glaube aber auch, dass bei sinkenden Auflagen und Anzeigenerlösen alle Optionen zur Kostenoptimierung geprüft werden müssen.

Im Internet findet man ja häufig erstklassige Inhalte kostenlos. Ist das nicht das eigentliche Problem, daß beim Konsumenten das Gefühl aufkommt, gute Inhalte müssen nichts kosten?

Das ist in der Tat ein Problem. Das Internet hat die “Kostenlosigkeit”
geschaffen … und leidet heute selber darunter! Die Print-Verleger haben teilweise durch Preiskämpfe beim Konsumenten das Gefûhl verstärkt, dass Inhalte nichts wert sind. Dieser Eindruck muss geändert werden! Gute Inhalte kosten viel Geld, und ich bin überzeugt, dass der Konsument auf Dauer bereit ist, einen angemessenen Preis zu bezahlen, wenn der Inhalt wirklich gut, d.h. exklusiv und von Qualität ist. Auch dafür gibt es genügend Beispiele. Also: Mut zur Qualität!

Können Sie sich vorstellen, daß Zeitschriften und Zeitungen von morgen ohne Printversion ausschließlich im Internet stattfinden? Entsprechende Ansätze gibt es ja in den USA: z.B. Slate, Gawker oder auch die Huffington Post. Man spart die immensen Druck- und Vertriebskosten, ist schneller beim Leser und kann auch noch Videos integrieren. Das sind doch viele Vorteile?

Nein, das glaube ich nicht!  Natürlich spricht rational vieles für die
Internet-Produkte. Aber Leser-Konsumenten sind Menschen und
haben auch Gefühle. Und welch herrliches Gefühl, morgens beim Frühstück mit einer Tageszeitung zu rascheln oder am Wochenende
in der Hängematte in einer Zeitschrift zu blättern. Ich glaube an das
komplementäre Nebeneinander guter Medienprodukte!

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