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Google ist nicht der Gegner der Verlage

„Nur Qualität kann Google schlagen“, schreibt „Spiegel Online“-Autor Christian Stöcker und will den deutschen Premium-Medien Mut machen. Er verweist auf steigende Reichweiten der gedruckten Qualitätsmedien und die Macht der Medien-Marken. Eine Atomisierung der Mediennutzung würde nicht stattfinden. Die Zeitungskrise: nur ein Problem in den USA? MEEDIA meint, diese Sichtweise greift zu kurz. Verlage sollten aufhören, Google als Gegner zu betrachten – ein intelligentes Miteinander ist gefragt.

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Spiegel Online“ hat in einer Analyse dem gedruckten „Spiegel“ und anderen deutschen Medien Mut gemacht. „Nur Qualität kann Google schlagen“, schreibt „SpOn“-Autor Christian Stöcker und verweist auf steigende Reichweiten der gedruckten Qualitätsmedien aus deutschen Landen und die Macht der Medien-Marke. Zeitungskrise? Laut „Spiegel Online“ ein Problem in Übersee. MEEDIA meint, diese Sichtweise greift zu kurz. Verlage sollten aufhören Google als Gegner zu betrachten.

Das Missverständnis vieler deutscher Verlage drückt sich bereits in der Überschrift des „Spiegel Online“-Artikels aus. Es kann für Medienhäuser nicht darum gehen, Google „zu schlagen“. Google ist schließlich kein Anbieter von Inhalten, es ist eine Suchmaschine und ein Anbieter von Online-Services. Verlage und TV-Sender sollten vielmehr nach Wegen suchen, wie Google ihnen nützen kann. Das tun sie ja auch bereits. Nicht umsonst ist die Google-Optimierung von Websites ein beliebter Volkssport geworden. Auf Google zu schimpfen und gleichzeitig hinter den Kulissen SEO-Spezialisten die eigene Website Google-freundlich herrichten zu lassen, das zeigt den zwiespältigen Umgang der klassischen Medienhäuser mit dem Online-Primus.

In der immer wieder aufflammenden Google-Schimpfe zeigt sich eine Art Neid auf denjenigen, der derzeit offenbar als einziger von der Digitalen Revolution profitiert. „Spiegel Online“ zitiert Verleger Hubert Burda auf dessen DLD-Kongress mit den Worten „Wir dachten alle, im Web gäbe es ein gutes Werbemodell, aber es hat nicht geklappt. Google hat alles verändert.“ Stimmt das? Es gibt offenbar ein gutes Werbemodell im Web, bloß keines, dass den Medienhäusern wie gewohnt Geld ins Haus spült. Google vernichte permanent Werte, heißt es bei „Spiegel Online“. Welche Werte? Google bedient sich den Spielregeln des digitalen Zeitalters, und Medien müssen ebenfalls neue Wege finden, ihre Inhalte zu Geld zu machen. Dass dabei noch kein schlüssiges Rezept gefunden wurde ist die eine Sache, dass die Medienhäuser sich als Jammer-Meister gerieren und mit dem Finger stets auf das erfolgreiche Google zeigen eine andere.

Man muss an dieser Stelle mal eine Lanze für Microsoft brechen. Die Software-Firma wird von Google mindestens genauso herausgefordert wie die Medienunternehmen. Google stellt kostenlose Büro-Software ins Netz, konkurriert mit dem offenen Handy-Betriebssystem Android gegen Windows Mobile und bietet seit einiger Zeit mit Chrome sogar einen Browser an, der Microsofts Internet Explorer in die Parade fahren könnte. Man kann über Microsoft-Boss Steve Ballmer vieles sagen, aber ein Jammerlappen ist er nicht. Er krempelt die Ärmel hoch und trimmt Microsoft unerbittlich auf die neue digitale Zeit mit Online-Services und Online-Anzeigenvermarktung. Microsoft versucht sogar, trotz ernüchternder Rückschläge, im Hardware-Geschäft Fuß zu fassen und bastelt weiter an seinem iPod-Konkurrenten Zune und der Spielekonsole Xbox. All dies subventioniert vom immer noch laufenden Geschäft mit gekaufter Software, nämlich Windows und Office. Die Microsoft-Bosse wissen, dass ihre alten Gelddruckmaschinen noch laufen, aber dass ihre Zeit begrenzt ist.

Bei den Verlagen und TV-Häusern läuft das klassische Geschäft auch noch. Es werden noch genügend Zeitungen und Zeitschriften verkauft und Print- und TV-Werbung geschaltet, dass Medienhäuser gut damit leben können. Noch. Die Zeit, die noch bleibt sollte darauf verwendet werden, Experimente zu wagen und nicht mit dem Finger auf Google zu zeigen.

Marissa Mayer von Google sagte beim DLD: „Die atomare Konsumeinheit verändert sich durch die neuen Medien, früher war es ein Album, jetzt ist es, dank iTunes, ein Song. Früher war es eine ganze Zeitung, heute ist es ein einzelner Artikel.“ Wer sieht, wie Leute mittlerweile mit RSS-Readern arbeiten, kann nur sagen: Die Frau hat Recht. Die personalisierte, aus vielen Einzelmedien zusammengesetzte, permanent aktualisierte Tageszeitung ist schon da: Es ist der RSS-Reader. Warum macht sich eigentlich niemand Gedanken, wie man RSS-Feeds vermarkten kann? Weil dort noch nicht soviel Geld zu holen ist? In Zukunft wird dort vielleicht aber Geld zu holen sein und die einzige mir bekannte Firma, die in großem Stil Werbung in RSS-Feeds anbietet, ist Google. Die „Spiegel Online“-Denke, nur Überschriften als Feed herauszugeben, um Nutzer auf die mit Werbung bepflasterte Website zu locken, wird noch eine Weile funktionieren. Im Prinzip ist diese Denke aber genauso dem Gestern verhaftet wie die Fixierung auf die Seite 4c und der Kopf-Banner.

Fast absurd wird Stöckers Argumentation, wenn er sich Tyler Brulés („Wallpaper“, „Monocle“) Ansatz vom Magazin-Mäzenatentum zu Eigen macht. Anspruchsvolle Leser könnten als Förderer von Qualitätsmedien auftreten. Print-Medien haben hoffentlich eine tragfähigere Zukunft statt als Hobby-Medien von einigen reichen Liebhabern.

Die klassischen Medien machen es sich zu leicht, immer nur das alte Lied von der Kraft ihrer Marke, der Haptik des Papiers und ihrem Qualitätsanspruch zu singen. In dem „Spiegel Online“-Artikel muss dann erneut die Media Analyse als Beleg dafür herhalten, dass doch alles nicht so schlimm ist. Die Reichweite des „Spiegel“ ist auf einem Zehnjahreshoch, die „Zeit“ hat auch eine Rekordreichweite usw. Nun sind „Spiegel“ und „Zeit“ gesunde Titel, die auch eine gesunde Auflagenstruktur vorweisen können. Die Media Analyse aber bescheinigt auch Zeitschriften mit permanent sinkenden Auflagen mit schöner Regelmäßigkeit stabile Reichweiten. Wirklich glaubhaft wirkt das schon lange nicht mehr.

Wegen der angeblich stabilen bis steigenden Reichweiten in Print und der steigenden Reichweiten von großen Online-Anbietern, wie eben „Spiegel Online“, versteigt sich dessen Autor Christian Stöcker zur These, dass die Atomisierung der Medienlandschaft Mär sei. Das Problem, so die Schlussfolgerung, sei lediglich, dass die Firmen in der aktuellen Wirtschaftskrise nicht genug Geld hätten, Anzeigen zu schalten. Na prima! Folgen wir der Argumentation und hoffen, dass nach dem Wirtschafts-Winterschlaf in der Werbewelt wieder Milch und Honig fließen. Es könnte ein böses Erwachen werden.

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