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„Abendblatt“ rückt an die „Welt“-Gruppe

Claus Strunz, der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“, will seine Zeitung bei Axel Springer näher an die „Welt Gruppe“ rücken. In einem Interview verkündete er, dass künftig Artikel zwischen „Abendblatt“, „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ ausgetauscht werden sollen. Im Sport und beim Terminkalender soll es sogar weitgehende Kooperationen zwischen „Welt“ und „Abendblatt“ geben. Die Berufung von Strunz zum Sprecher des Gremiums der Chefredakteure erscheint so in neuem Licht.

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Claus Strunz, der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“ will seine Zeitung bei Axel Springer näher an die „Welt Gruppe“ rücken. In einem Interview verkündete er, dass künftig Artikel zwischen „Abendblatt“, „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ ausgetauscht werden sollen. Im Sport und beim Terminkalender soll es sogar weitgehende Kooperationen zwischen „Welt“ und „Abendblatt“ geben. Vor diesem Hintergrund erscheint die Berufung von Strunz zum Sprecher eines Chefredakteur-Gremiums der drei Titel in ganz neuem Licht.

Manchmal ergeben kleine Formulierungen in Pressemitteilungen erst richtig Sinn, wenn man sie in der Rückschau noch einmal liest. So stand in der Pressemitteilung zum Wechsel des „Bild am Sonntag“-Chefredakteurs Claus Strunz zum regionalen „Hamburger Abendblatt“ am 10. Juli 2008:

„Strunz wird gleichzeitig zum Sprecher eines neu gegründeten Chefredakteur-Gremiums, das die Zusammenarbeit der Regional- und Abozeitungen koordiniert.“

Was im Juli vergangenen Jahres noch nach Frühstücksdirektoren-Posten klang, füllt sich zu Beginn 2009 plötzlich mit Inhalten. Weitaus interessanter als die von Claus Strunz ausgerufene „Abendblatt 3.0“-Online-Offensive sind nämlich die Bande, die zwischen seinem „Abendblatt“ und der „Welt“-Gruppe in Berlin geknüpft werden. Strunz hat der Marketing-Fachzeitschrift „Horizont“ erzählt, dass er erwägt, die Terminkalenderbearbeitung von „Abendblatt“ und „Welt“ für den Hamburger Raum zusammenzulegen. Außerdem sollen „Abendblatt“, „Berliner Morgenpost“ und „Welt“ künftig „die jeweils besten Geschichten der jeweils anderen“ übernehmen. Das inhaltliche Zusammenspiel zwischen großen Redaktionen ergibt Sinn und ist in Zeiten angespannter Budgets modern.

Bei Axel Springer darf man sich zu Gute halten, dass der Verlag in Sachen redaktioneller Synergien ein fast visionärer Vorreiter ist. Als die „Welt“ mit der „Berliner Morgenpost“ im Jahre 2001 im Rahmen des Projektes Alpha verschmolzen wurde, hätte kaum ein Beobachter vermutet, dass diese Form des radikal verschlankten Redaktionsmanagements einmal Modellcharakter haben würde. Im Zeichen rückläufiger Anzeigenumsätze und Auflagen, gibt es heutzutage sogar einen Wettlauf in Sachen redaktioneller Synergien. Die WAZ erprobt eine gemeinsame Mantelredaktion für ihre NRW-Zeitungen, Gruner + Jahr zieht seine Wirtschaftsredaktionen in Hamburg zusammen. Das Kölner Zeitungshaus DuMont tauscht Artikel zwischen „Frankfurter Rundschau“ und Kölner Stadt-Anzeiger“ und bald auch der „Berliner Zeitung“ aus. Artikeltauschen und Redaktionen fusionieren sind die neuen Trend-Disziplinen im Verlagsmanagement.

Wäre es da verwunderlich, wenn der Erfinder dieser Sportart sich auch wieder etwas einfallen lässt? Nach MEEDIA-Informationen gibt es in Hamburg bereits eine umfangreiche Zusammenarbeit der Sport-Ressorts der „Welt“-Nordausgabe und des „Hamburger Abendblatts“. Intern wird damit gerechnet, dass die Zusammenarbeit noch weiter ausgebaut wird. Einige Interne rechnen gar damit, dass in Zukunft sogar der überregionale Mantelteil des Abendblatts zumindest teilweise aus der Berliner Zentralredaktion der „Welt“-Gruppe geliefert werden könnte.

Die Geschäftsführung von „Abendblatt“ und „Welt Gruppe“ ist unter Jan Bayer, dem Verlagsgeschäftsführer Regional- und Abozeitungen in Berlin bereits zentralisiert. Offiziell wird bei Springer dementiert, dass es eine Zusammenlegung von Mantelteilen geben könnte.

Für Claus Strunz könnte sich in einer solchen Konstellation sogar eine neue interessante Karriereperspektive auftun. Wenn der „Welt“-Gruppenchefredakteur Thomas Schmid eines nicht allzu fernen Tages in Ruhestand geht (er ist jetzt 63), wird ein mächtiger Posten frei. Aber das sind natürlich nur Gedankenspiele. Als Gedankenspiel ergibt die größere Nähe des „Abendblatts“ zur „Welt“-Gruppe aber in jeder Beziehung Sinn, und zwar aus folgenden Gründen:

-Springer ist dabei seine Minderheitsbeteiligungen an Regionalzeitungen, u.a. „Ostsee Zeitung“, „Lübecker Nachrichten“, „Kieler Nachrichten“ an die Hannoveraner Verlagsgruppe Madsack zu verkaufen.
-Ohne die die anderen Regionaltitel würde das „Hamburger Abendblatt“ ohne Anbindung an eine größere Einheit dastehen.
-Springer würde dann über zwei straff durchorganisierte Zeitungs-Arme verfügen: Erstens die Regional- und Abozeitungsgruppe mit „Welt“, „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendblatt“ sowie „Welt am Sonntag“ und „Welt kompakt“. Zweitens die rote Boulevard.Gruppe mit „Bild“, „Bild am Sonntag“ und „B.Z.“ sowie „Bild.de“.

Es erscheint nur logisch, wenn Springer bei beiden Gruppen die größtmöglichen Synergien schöpfen will, nicht nur auf Verlags- und Vermarktungsseite, sondern auch redaktionell. Somit wundert es auch nicht, dass in der roten „Bild“-Gruppe auch gemunkelt wird, man wolle die Print-Redaktion künftig deutlich stärker mit der Online-Einheit von „Bild.de“ verzahnen.

Der Weg hin zu zwei voll integrierten Zentral-Redaktionen, eine für die Regional- und Abozeitungen mit Online-Angeboten, eine für die Boulevard-Titel samt Online ist vielleicht noch weit. Er scheint aber vorgezeichnet.

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