Nach WAZ-Kündigung: DPA und AFP streiten

Schlechter Verlierer oder berechtigter Ärger? Nach dem Verlust des Großkunden WAZ-Gruppe ärgert sich DPA-Geschäftsführer Michael Segbers in der „Welt“ über den Rivalen AFP. Auf die Dienste der günstigeren französischen Agentur wollen die Essener Zeitungsmacher nämlich nicht verzichten. Der Vorwurf: Durch staatliche Subventionen kann die AFP ihre Inhalte billiger anbieten als der Hamburger Konkurrent. Die DPA-Kritik kontert nun AFP-Chef Pierre Louette in einer Richtigstellung.

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Aktueller Stein des Anstoßes ist ein Bericht des NDR-Medienmagazins Zapp. Die Reportage beschäftigt sich mit der Weigerung der WAZ-Gruppe, den auslaufenden Vertrag mit der Deutschen Presse Agentur (DPA) für seine NRW-Tageszeitungen zu verlängern. An ihrem Vertrag mit dem günstigeren Konkurrenten Agence France-Presse (AFP) halten die Essener jedoch fest.
Zapp bereichtet, dass die staatliche französische Nachrichtenagentur pro Jahr 108 Millionen Euro  an Subventionen erhalte. Damit hätte der DPA-Rivale einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber den genossenschaftlich organisierten Hamburgern.
Eine unabhängige Agentur – wie die DPA – ist international jedoch eher eine Ausnahme als der Standard. „Etwa 120 der weltweit 140 Nachrichtenagenturen gehören dem Staat“, sagte DPA-Geschäftsführer Michael Segbers gegenüber der „Welt“. Die gesamte Branche ist eng mit den jeweiligen nationalen Regierungen verbandelt, was die EU angeblich bislang auch davon abgehalten haben soll, gegen die ungleichen Wettbewerbsbedingungen vorzugehen. Deshalb wollte auch die Deutsche Presse Agentur noch nicht vor dem europäischen Gerichtshof klagen. „Sollte die Entwicklung so weitergehen, werden wir unsere bisherige Linie überdenken“, zitiert die „Welt“ Segbers.
Mit der AFP hat es Segbers mit einem vor Selbstbewusstsein strotzenden Gegner zu tun. Denn die Agence France-Presse gilt als ist eine der am schnellsten wachsenden Agenturen. In der Branche hält man sie überwiegend für solide und günstig, zumindest weit billiger als die Deutsche Presse Agentur. Durch die Kündigung der WAZ-Gruppe verlieren die Hamburger jährlich nun rund zwei Millionen Euro.
Auf den Zapp-Bericht reagierten die Franzosen schnell und konsequent. Weil er einige Zusammenhänge falsch dargestellt sah, drohte  AFP-Chef Pierre Louette gleich mit einer Klage und veröffentlichte zeitgleich eine Art offen Brief. In ihm stellt er klar, dass die AFP tatsächlich subventioniert wird. „Der Anteil der mit staatlichen Stellen in Frankreich erzielten AFP-Umsätze am Gesamterlös steigt nicht, sondern sinkt kontinuierlich.“ In den vergangenen 30 Jahren ging der Anteil der Pariser Subventionen von ehemals 70 Prozent auf inzwischen knapp 40 Prozent zurück.

Darüber hinaus weisst Louette daraufhin, dass die deutschen AFP-Dienste kein Geld aus Paris erhalten, sondern sogar Überschüsse erzielen und ihre Inhalte trotzdem zu Marktpreisen anbieten. „Die von AFP auf dem deutschen Markt erzielten Preise sind mit denen der Mitbewerber vergleichbar. Dass der deutsche AFP-Textdienst im Preis-Leistungsvergleich unabhängiger Untersuchungen immer wieder sehr gut abschneidet, liegt an einer schlanken und leistungsstarken Redaktions- und Managementstruktur und an der vorausschauenden Diversifizierungsstrategie der AFP GmbH in Berlin“, schreibt Louette.
Hinter dem Streit der beiden Nachrichtenproduzenten verbirgt sich zusätzlich auch ein Kampf der Systeme. Denn während die AFP dem französischen Staat gehört, basiert die Deutsche Presseagentur auf einem genossenschaftlichen Modell. So sind fast alle deutschen Verlage an der Agentur beteiligt.
In der aktuellen Finanz- und Verlagskrise sehen jedoch immer mehr Beobachter diesen Presse-Solidar-Pakt als gefährdet. Der Publizistikwissenschaftler Jürgen Wilke glaubt sogar die gesamte “ Medienkultur in diesem Lande“ betroffen.
Der Agentur-Experte Peter Zschunke schreibt in seinem Blog dazu: „Das Genossenschaftsmodell hat versucht, den gemeinsamen Nutzen und die Kosten der Nachrichtenbeschaffung in Balance zu halten. Doch während die Kosten tendenziell steigen, sinkt der gemeinsame Nutzen durch die Verfügbarkeit von Nachrichten auch außerhalb des Stroms, der 140 Jahre lang von den Nachrichtenagenturen kanalisiert wurde.“

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