Hessenwahl: Grüne siegen im Web 2.0

Die großen Gewinner der Hessen-Wahl sind FDP und Grüne, die beide von den schlechten Ergebnissen der großen Parteien profitiert haben. Einen modernen Wahlkampf haben am ehesten die Grünen geführt, wobei das positive Ergebnis vor allem dem Spitzenkandidaten Tarek Al-Wazir zuzuschreiben ist. Der Grünen-Politiker ist laut Infratest Dimap-Umfrage der populärste Politiker in Hessen und hat sogar ein Facebook-Profil. MEEDIA hat die Digitalstrategien der Parteien verglichen.

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Die MEEDIA-Bilanz der parteipolitischen Web-Strategien:
 
CDU: Bloß nichts falsch machen
Roland Koch setzte auf einen klassischen Wahlkampf und nutzte kaum die interaktiven Möglichkeiten des Web. Erst am 3. Januar wurde die Online-Initiative WebCamp09.de vorgestellt, mit Hilfe dessen man den Dialog mit den Wähler im Netz suche wollte. Doch viel mehr als ein paar müde Online-Videos mit Wahlaufrufen und Besuchen auf dem Bauernhof sind vom alten und neuen Ministerpräsidenten nicht zu finden. Bei der CDU galt offensichtlich die Devise nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten, um ein Desaster wie vor einem Jahr zu verhindern. Der Landesvater bekam damals einen überaus polarisierenden Wahlkampf mit dem Verlust der absoluten Mehrheit quittiert. Bei der Neuauflage der Hessenwahl hatte Koch am Ende leichtes Spiel und brauchte nur zuzusehen, wie die Hessen-SPD verzweifelt gegen den Vertrauensverlust kämpfte.

SPD: TSG hat keine Chance – er muss sie nutzen
Der Spitzenkandidat kam von den hinteren Bänken der SPD-Fraktion. Er hatte kaum Zeit, ein eigenes politisches Profil in der Öffentlichkeit zu entwickeln. TSG nutzte wie kein anderer Spitzenkandidat das Web 2.0. Beim Microblogging-Dienst Twitter zählt er bereits 1700 Follower und stellte mehrmals täglich 140 Zeichen ins Netz – allerdings kaum politische Inhalte, sondern meist Tagebucheinträge, die dokumentieren, wie anstrengend ein Wahlkampf ist. Die nötige Aggressivität beim Stimmenfang war nicht vorhanden. Dafür lud Schäfer-Gümbel ein paar Mal zum Video-Chat auf seiner offiziellen Homepage ein und stellte sich den Fragen der Wähler. Hier punktete TSG mit echter Web 2.0-Kompetenz. Doch die Wahl war längst verloren und das wusste Schäfer-Gümbel. Nach Schließen der Wahllokale blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Sieger zu gratulieren. Das tat er dann auch via Twitter: „Eine Denkzettelwahl. Dank an die ehrenamtlichen Helfer, Mitarbeiter und Unterstützer. Gratulation an Herrn Koch. Morgen beginnt Aufholjagd“, TSG etwa eine dreiviertel Stunde nach der ersten Hochrechnung.

FDP: Hier punktet die Bundespartei
Das verhältnismäßig beste Wahlergebnis hat die FDP erzielt. Die freien Demokraten profitierten bei dem Wahlergebnis aber vor allem von dem schwachen Abschneiden der beiden großen Parteien. Weder ist ihr Spitzenkandidat Jörg Uwe Hahn durch besonderes Charisma in Erscheinung getreten, noch ist der Landesverband durch einen innovativen Wahlkampf aufgefallen. Im Web 2.0 blieb die Hessen-FDP blass. Hier erhielt Hahn Unterstützung von der Bundespartei, die etwa mit ihrem YouTube-Channel bundespolitische Inhalte in Szene zu setzen wusste. Partei- und Fraktionschef Guido Westerwelle wußte das Konjunkturpaket der Bundesregierung lächerlich zu machen.

Grüne: Bester Web-Wahlkampf zahlte sich aus
Grünen-Wahlkampfchef Kai Klose konnte mit einem ordentlichen Online-Wahlkampf überzeugen. Auf Twitter war er sehr präsent und schaffte es – im Gegensatz zu TSG – über den Mikroblogging-Dienst auch politische Inhalte zu transportieren. Während TSG Twitter eher wie ein Online-Tagebuch nutzte, verlinkte Kai Klose wo es nur ging auf politische Inhalte, die im Wahlkampf Stimmung machten. „FAS zu FDP-Hahn: ‚Bei ihm kommt das Äußere eines Verwaltungsfachangestellten mit der Ausstrahlung eines abgehefteten Knäckebrots zusammen.’“, twitterte er noch am Wahltag. Doch mit nur 62 Followern erreichte er kaum mehr als den Vorstand der Grünen Jugend Hessen. Ein Twitter-Account unter dem Namen Al-Wazir hätte sicherlich mehr Onliner erreicht.

Die Linke: Nachholbedarf im Internet
Linkspartei-Kandidat Willi van Ooyen hatte den Traum, mit seiner Linkspartei erneut das Zünglein an der Waage zu spielen. Online muss man ihm und seiner Partei die schlechteste Performance attestieren. Die wegen ihrer kommunistischen Kader und Ex-SED-Mitglieder umstrittene Partei ist im Web 2.0 noch lange nicht angekommen. Zu sehr ist man noch damit beschäftigt, ein demokratisches Image aufzubauen. Was dort wohl keiner kapieren will, ist die Tatsache, dass man mit dem Internet, das demokratischste Medium überhaupt dafür nutzen kann.

Das Internet wird zunehmend wichtiger, entscheidet aber bislang noch keine Wahlen. Trotz der Expertise, die sich SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und Co. in den USA beim Wahlkampf-Team von Barack Obama geholt haben, war die Online-Offensive der Sozialdemokraten hoffnungslos. Dennoch hat sich TSG achtbar geschlagen und konsequent neue Kommunikationswege genutzt. Man kann gespannt sein, welche Rolle das Internet bei der Bundestagswahl Ende September spielen wird. Bis dahin stehen noch einige Landtags- und Kommunalwahlen aus.

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