Don Alphonso bloggt bei der „FAZ“

Don Alphonso alias Rainer Meyer ist der böse Bube der Blog-Szene. Er denkt schnell, beleidigt noch schneller und bohrt in den Wunden der Medien- und Internetszene. Jetzt hat er bei FAZ.net, einem von ihm gerne mit Häme übergossenen Mainstream-Medium, ein neues Blog gestartet. Das Projekt heißt "Stützen der Gesellschaft" und befasst sich mit der Oberschicht in Oberbayern. Dort kennt er sich mindestens so gut aus wie im Internet. Der Don ist im realen Leben ein Sohn aus gutem Hause. Ein Porträt.

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Im ICE von Würzburg nach Ingolstadt klingelt das Handy. Don Alphonso am Apparat. Don Gnadenlos fragt an, ob der Gast Kaffee oder Tee bevorzuge. Ob er von einer wie auch immer gearteten Allergie geplagt sei. Nein? Schön! Dann kann der Don ja die Dachterasse richten. Der Zug hat eine Dreiviertelstunde Verspätung. „Macht nix“, sagt die sanfte Stimme am Ohr, „ich bin da…“ Wo gibt es sowas noch?

Don Alphonso ist in der Blogger-Szene umstritten. Manche sagen: verhasst. Er ist so etwas wie eine bloggende Bulldogge. Ein Wüterich an der Laptop-Tastatur. Unmöglicher Typ, ein Arsch, feige, eklig. Sagen die, über die er einmal oder öfter seinen Kübel verbaler Bösartigkeiten ausgekippt hat. Meistens, wenn an Kneipentischen oder in Redaktionsstuben über den bösen Don geschimpft wird, gibt es aber auch einen oder vielleicht zwei, die leise meinen, dass er in der einen oder anderen Sache nicht ganz Unrecht hat.

„Wer glaubt, dass bei einem Beitrag groß nachrecherchiert wird, hat noch keine Redaktion von innen gesehen. Die Textproduktionsbedingungen in Deutschland sind nicht anders als das Turnschuhnähen in Zentralchina: Billig, schnell, landet morgen ohnehin alles auf dem Müll. Nur so macht man Profite, Qualität kostet mehr, als sie einbringt.“ – Don Alphonso

Don Alphonso heißt mit bürgerlichem Namen Rainer Meyer, stammt aus dem gehobenen Bürgertum Ingolstadts und war mitten drin im Getümmel beim Aufstieg und Fall der New Economy Ende der 90er Jahre und nach 2000. Als Buffetjournalist, wie es im Klappentext seines 2003 erschienenen New-Economy-Romans „Liquide“ heißt. Don Alphonso ist dabei weniger Pseudonym als Kunstfigur. Der nette Herr Meyer redet über den ungezogenen Don wie von einer anderen Person. Don Alphonso und er hätten rein gar nichts miteinander zu tun, sagt er, während er auf seiner Dachterasse warme Baguettes, Bergbauernbutter und Tee aus der Silberkanne serviert. So treuherzig wie er dabei dreinschaut, könnte er das tatsächlich ernst meinen mit der Kunstfigur.

Ein paar Dinge haben der nette Herr Meyer und der böse Don aber doch gemeinsam. Beide sind im wohlhabenden Ingolstadt aufgewachsen. Beide stammen aus derselben großbürgerlichen Familie und ihnen wurden früher beim Essen Bücher unter die Achseln geklemmt, damit sie lernen, gerade bei Tisch zu sitzen. War die Mahlzeit ohne herunterpolternde Lektüre geschafft, durften die Bücher behalten werden. Einen Buch-Tick hat Rainer Meyer heute noch. Manche Bücher hat er sich sogar doppelt gekauft, damit er in jeder seiner zeitweise drei Wohnungen den richtigen Lesestoff immer greifbar hat. „Wenn ich nachts ein Buch brauche…“ Klingt ein wenig nach Sucht und riecht nach Koketterie. Seine Wohnung in Ingolstadt ist vollgestopft mit Antiquitäten, Spiegeln, Figürchen, Stühlen, Geschirr und eben Büchern, vorzugsweise alten. Dinge von Wert haben es ihm angetan. Auf dem Sofatisch liegt eine Ausgabe „Architektur & Wohnen“, auf dem Boden Mottenpapier. Vier Tage im Jahr verbringt er mit dem Putzen seines Silbers. „Ich bin ja reaktionär“, sagt er gerne und oft. Damit man es ja nicht überhört. Jaja, früher war alles besser. Die Stuhlpolsterungen aus Rosshaar, die Medien dicke Folianten, die jungen Leute wussten sich zu benehmen. Alles war für die Ewigkeit gemacht, hatte Bestand.

In solcher Geisteshaltung offenbart sich wohl der Bürgersohn und studierte Kunsthistoriker. Gearbeitet hat er dann aber als Journalist und Berater in der Zeit des schnellen Geldes Ende der 90er Jahre. Don Alphonso nennt es mit einer Mischung aus Sehnsucht und Verachtung das „Goldene Zeitalter“. Jene Zeit, als die Büffets noch üppig waren. Die ganze Verlogenheit, das viele Geld, der Zynismus und die Heuchelei in der Branche mögen ihn an gewisse Zwänge und Engstirnigkeiten seiner Herkunft erinnert haben. Als es 2001 bergab ging mit dem „Goldenen Zeitalter“ trat Don, der Gnadenlose, erstmals auf den Plan.

Bekannt wurde er in der Internet- und Medienszene als Schreiber des Gemeinschafts-Weblogs „Dotcomtod“, das ab 2001 den Niedergang der New Economy publizistisch im Internet begleitete. Bei Dotcomtod hatten die Autoren lustige Kunstnamen und bezeichneten sich selbst als Sentinels, also Wächter. Wie Superhelden ohne Strumpfhosen dafür mit Laptop. Die Gründerin der Website, der Begriff Weblog war damals noch nicht geläufig, nannte und nennt sich Lanu. Rainer Meyer nannte und nennt sich Don Alphonso. Es gab noch andere: che2001, noergler, Porschekiller und viele mehr. Sie erreichten aber nie die Popularität des Dons. Dotcomtod war gemein, schmutzig und oft wahr. Don Alphonso schrieb und schrieb. Er schien bei den Investoren und CEOs unterm Schreibtisch zu hocken und mit zu notieren, so gut waren oft die Informationen. Glück für die Macher von Dotcomtod war, dass die Firmen zu jener Zeit so große Probleme mit sich selbst hatten, dass lange keiner auf die Idee kam, Dotcomtod zu verklagen. Das änderte sich 2004. Nach juristischen Streitereien wurde die Website geschlossen.

Für den Don war das nicht schlimm. Wie bei Popgruppen üblich, hatte der Frontmann von Dotcomtod längst eine Solo-Karriere gestartet. Sein eigenes Weblog hob er mit dem Namen „Rebellen ohne Markt“, kurz „Rebellmarkt“, aus der Taufe. Vielsagender Untertitel, „…denn sie wissen nicht was sie tun sollen.“ Gemeint waren wohl die gefallenen Helden der New Economy. Man kann es aber auch auf den Autoren selbst beziehen. Die Essenz seines Wirkens bei „Dotcomtod“ hat Don Alphonso in seinem Roman „Liquide“ aufgeschrieben. Ein Schlüsselroman zur New Economy, der mit über 400 Seiten üppig ausgefallen ist, aber die damalige Szene treffend und mit gewohnter Bosheit zusammenfasst.

Ist er nie zu weit gegangen mit seinem Beschimpfungen, tut ihm gar nichts Leid? Der Don alias Rainer Meyer lacht. Naja. Er habe ja lange Zeit für Redaktionen gearbeitet und da sei es Usus gewesen, dass der Chefredakteur 50 Prozent der Bosheiten aus einem Text wieder rausstreicht. Darum habe er sich angewöhnt, von vorneherein doppelt so fies zu schreiben, damit am Ende ja noch genug Pfeffer drin ist. Bei Weblogs falle diese Kontrollinstanz nun weg, sein Schreibstil sei aber der gleiche geblieben. Reine Gewohnheit. Er zuckt mit den Schultern. Eine Sache tut ihm dann aber doch aufrichtig Leid. Das war, als er zu Zeiten der New Economy in München über eine Tochter aus gutem Hause schrieb, die sich in den Irrungen und Wirrungen des ersten Internet-Hypes verstrickte. Geld, Partys, Anzugträger, Autos, Börsengänge, Drogen und so weiter und so fort. Er hat versucht ihre Herkunft in seinen Geschichten zu verschleiern, nannte sie „die Prinzessin“. Hat nicht geklappt. Die „Prinzessin“ erkannte sich selbst in seinen Texten und war wohl ziemlich sauer. Heute würde er das nicht mehr so machen, sagt er. Er würde Privates privat lassen, das Objekt seiner Texte besser schützen. Das Schreiben über Erlebtes ist ein schmaler Grat, raunzt der Don.

Lassen will und kann er es aber natürlich nicht, das Schreiben. Vor kurzem hat er sich eine 65-Quadratmeter-Wohnung in Gmund am Tegernsee gekauft. Da, wo die richtig Reichen wohnen. Ein Thema, dass ihm am Herzen liegt: die Reichen! Wobei „reich“ nicht mit „Geld haben“ gleichzusetzen ist. Dynamiker mit dicken Uhren und ebensolchen Autos sind nicht sein Fall. Beim Don muss der Reichtum eine gewisse Patina haben und alt sein. So wie seine Wohnung, seine Bücher, sein Geschirr und einige seiner Ansichten. Und so wie die Oberschicht aus Oberbayern, die er nun mit seinem „FAZ“-Blog „Stützen der Gesellchaft“ aufs Korn nehmen will. Vermeintliche Zentralorgane der besseren Gesellschaft wie „Vanity Fair“ oder das schlimme und längst wieder eingestellte „Rich“ verachtet er. Die hätten keine Ahnung, wie die Reichen wirklich ticken. Um die Reichen ins rechte Licht zu rücken, würde er gerne wieder ein Buch schreiben, sagt er. Nun ist es erstmal ein Blog geworden: Die Welt der Reichen aus der Sicht des Don. Mit Reichen meint er unter anderem die Leute, die er in seinem neuen Sommerfrische-Domizil am Tegernsee im Café beim Tortekaufen beobachtet.

Damit kennt er sich aus und tischt dem Gast neben Tee und Spezereien ein Stück Havanna-Torte auf. Eine Ingolstädter Spezialität, die wie Stadt und Wohnung reichlich fett und etwas überladen daherkommt. Dick Rum ist drin. Torte essen gehört dazu, sagt der Don und greift beherzt ein zweites Stück. In seinen Kreisen und am Tegernsee sind zwei Stück Torte am Nachmittag Pflicht. Dass seine Familie irgendwann aus der engen Altstadt weggezogen ist in die für bessere Kreise reservierte Weststadt, war auch normal. Irgendwann haben die Ingolstädter dann eine Mauer gebaut, die die vermeintlich feine Weststadt vom Rest der Welt beschützt. Rainer Meyer spricht davon mit einem Anflug von Verachtung. Wie jeder kann auch er nicht abschütteln, woher er kommt. Der Vater war Stahlbauingenieur, die Schwester ist Anwältin in München. Der junge Rainer hat mal bei der Audi gearbeitet und dort, wie er sagt, Perfektion gelernt. „Will ich ein Auto fahren, das von Audi gebaut ist oder eins, das Sascha Lobo gebaut hat?“, fragt er und grinst. Seine Berufung als Online-Wüterich ist jedenfalls auch eine kleine Rebellion gegen die vorgezeichnete Pfade einer allzu bürgerlichen Existenz.Besagte Weststadt wird auch in seinem neuen Blog wieder eine Rolle spielen. Sie taucht als Westviertel gleich im Grußwort auf:

„Dass sich der lokale Ölmogul als Betrüger erwies, dass der Playboy später auf der Strasse endete, sind Hinweise des Schicksals, bieder unter seinesgleichen zu bleiben; und wenn man vor hundert Jahren die besten Häuser in der Stadt hatte, wohnt man heute wieder zusammen – im Westviertel.“ – Don Alphonso

Der Don legt Wert darauf, dass er für seinen Lebensunterhalt richtig arbeitet, was in seiner neuen Nachbarschaft in Gmund nicht unbedingt selbstverständlich sei („Waaas? Sie arbeiten?“). Für Geld schreibt er profane Dinge wie einen Finanzen-Newsletter oder einen Text für die Lifestyle-Zeitschrift „U_mag“ und auch sein neues „FAZ“-Blog. Internet-und Medienthemen finden bei den „Rebellen ohne Markt“ immer noch ihren Platz, aber hier geht es zunehmend auch um andere Dinge. Um Geschirr, Stuck, Stuhl-Bepolsterungen, Gesellschaftsbeobachtungen aus den gehobenen Kreisen. Wer den „Rebellmarkt“ verfolgt, erfährt, welches Auto der Don und Rainer Meyer fahren (Fiat Barchetta), wo sie wohnen, was sie essen (vegetarisch!),was sie auf Flohmärkten kaufen (Leuchter, Stühle, Bücher). Hier treffen sich Don, die Kunstfigur, und Rainer, der nette Sohn. Alles worüber er schreibt, gibt es wirklich. Das Auto sieht nur etwas verbeulter aus in echt. Das alte Bürgerhaus mitten in der Altstadt ist sogar in der Wikipedia erwähnt. Es ist das Haus, in dem 1632 Johann t’Serclaes von Tilly, Heerführer der Katholischen Liga, berühmter Feldherr des Dreißigjährigen Kriegs, starb. Nur das Hoftor ist nicht original. Das stammt von der früheren Nazi-Kommandantur der Stadt. Das ist Ironie, die Rainer Meyer, der lange für die jüdische Zeitung „Aufbau“ geschrieben hat, schätzt. Für den Don wäre das wahrscheinlich zu subtil.

Die New Economy gibt es nicht mehr, das Internet lebt fort. 2004 veröffentlichte Don Alphonso gemeinsam mit Kai Pahl als Herausgeber das Buch „Blogs!“, in dem 15 Texte aus Weblogs versammelt waren, um die Bandbreite dieses neuen Mediums vorzustellen. Gemeinsam mit dem Buch startete die „Blogbar“ als begleitendes Weblog. Mittlerweile ist aus der „Blogbar“ ein beachtetes Meta-Blog über Kultur und Zustand der deutschen Blog-Szene sowie Un-Kultur und Zustand der deutschen Medienszene geworden. In der „Blogbar“ lebt der Geist des alten Wüterichs Don fort. Mit unbändiger Energie und bemerkenswerter Rechercheleistung hat er dort beispielsweise geschmackliche Entgleisungen und datenschutzrechtliche Bedenklichkeiten bei der Studenten-Community studiVZ aufgedeckt und er wird nicht müde, Versuche klassischer Medienhäuser zu geißeln, die sich bei der Blogger-Szene anbiedern wollen, weil sie dort eine vermarktbare Zielgruppe vermuten. Er genießt es, dass ihn Agenturen anrufen und fragen, wie sie die Websites eines Kunden „Don-Alphonso-sicher“ machen können. „Schreibt einfach keinen Scheiß“, würde er auf so eine Frage vermutlich sagen.

Allerdings kann er auch überraschend sanft sein. Als der stellvertretende „stern“-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges anlässlich der Vorstellung des Buches „Alpha Journalisten“ Weblogs als „Dreck von unten“ geißelte, löste das beim Don, für Manche überraschend, keinen Beißreflex aus. Er fragte nach und rückte das Zitat in einen relativierenden Kontext. Jörges könnte ja nicht pauschal die ganze Szene gemeint haben, sondern nur gewisse extremistische Auswüchse. Don Alphonso zu unterstellen, dass er auf Knopfdruck verbal wild um sich schnappt, greift also zu kurz.

„Gehet hin und schaltet den Mist ab, wenn ihr es nicht könnt, krepieren ist immer noch besser als mit solchen Nummern auf Knien zu vegetieren. Das AAL-Prinzip, Andere Arbeiten Lassen ist durch, Qualität kostet Geld, mit zwei, drei Monaten bloggen erreicht man absolut nichts außer ein paar popliger Klicks, und wer wegen seiner rein kommerziellen Ausrichtung nichts auf die Reihe bekommt, soll einfach nicht die Blogosphäre mit seiner Existenz verschonen.“ – Don Alphonso

Wenn er will kann er noch so schimpfen wie früher. Er verachtet die grassierende Spar-Wut in Medienhäusern und Content-Klitschen. Wenn Jungredakteuren 1.000 Euro für ihren ersten Job nach dem Volontariat angeboten bekommen, hat er das passende Zitat aus den Bremer Stadtmusikanten parat: „Hey, etwas besseres als den Tod findet ihr überall.“ Der Don hätte ja viele Ideen für die jungen Leute, die „was mit Medien“ machen wollen. Alle kreisen um die Publikationsform Weblog: ein Blog zu historischen Ausgrabungen, ein Blog zu Scheidungen, ein Blog zu Möbeln, eines für Auktionshäuser. Der Don kann halt nicht aus seiner Rainer-Meyer-Haut. In klassischen Medien sinken seiner Meinung nach Niveau und Umsätze im Gleichschritt. Sein Rezept: Man müsse wieder dahin kommen, dass die Leute für Inhalte bezahlen. Wie so oft vertritt er auch hier keine Meinung, die als modern gilt.

Seit 2006 betreibt er mit unbändiger Schreiblust zusätzlich das „GT Blog“, in dem es ums Reisen, um Kultur, Autos, Gepäckstücke und solche Dinge geht. Bloß nicht um Medien und das Internet. Auf Dons Kopf eine Schiebermütze mit Rennfahrerbrille, an den Händen Rennfahrer-Handschuhe. Hier schreibt er auch mal einen oder zwei Sätze über seine langjährige Freundin, die er sonst aus dem Medienzirkus raushält. Alles so very nostalgisch in diesem GT Blog. Wer glaubt, dass dieser Don Gnadenlos eine ganz und gar hassenswerte Figur ist, sollte sich dieses dritte Weblog einmal anschauen. Einer, der so beherzt über Lederkoffer und Italien schreibt, kann kein wirklich Schlechter sein.

Der vorliegende Text ist eine Vorveröffentlichung aus dem Buch „Alpha-Journalisten 2.0 – Deutschlands neue Wortführer im Portrait“ (Hg: S.Weichert, C.Zabel), das Ende März in der Herbert von Halem Verlagsgesellschaft erscheint.

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