Josef D. – ein deutsches Medienphänomen

Tag eins nach Montgomery. In Berlin und Hamburg atmeten viele auf, einer nicht: Josef Depenbrock. Er ist der große Verlierer des Verkaufs der Mecom-Titel an DuMont, denn damit dürfte auch seine bizarre Vorstellung einer Ämter häufenden publizistischen Ein-Mann-Armee dauerhaft beendet sein. Der 47-Jährige gab so hingebungsvoll das Raubein der Zeitungsszene, als sei die Rolle des meistgehassten Chefredakteurs eine Auszeichnung. Abgesang auf ein deutsches Medienphänomen.

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Seine unbestrittene Leistung vorweg: Als Chefredakteur der „Hamburger Morgenpost“ bewies der Westfale 2000, dass ein chronisch defizitäres Blatt profitabel gemacht werden kann. Aber wie: Er sparte am Verwaltungsapparat, bald aber auch im Redaktionellen. Korrektoren hielt er für überflüssig, die Foto-Redaktion wurde abgeschafft, Online an eine Fremdfirma outgesourced. Das marode Redaktionssystem blieb.

Es wundert nicht, dass David Montgomery an diesem Mann Gefallen fand und ihn in den Folgejahren förderte und beförderte. „Monty“, dem der Spruch „Money talks“ auf den schmalen Leib geschneidert zu sein scheint, interessierte sich nur für die Rendite. Verlegerische Vorgaben gab es nicht, und sie wären auch kaum nach dem Geschmack seines wichtigsten Soldaten gewesen. Depenbrock ist ein gelernter Producer, der vor seiner „Entdeckung“ Chef vom Dienst beim „Berliner Kurier“ war.

Als Montgomery in Deutschland auf Einkaufstour ging, brauchte er Statthalter wie Depenbrock, die keine überflüssigen Fragen stellten und für die ein „No“ keine Antwort war. Man könnte ihn für einen Überzeugungstäter halten. Aber das würde voraussetzen, dass er Überzeugungen hätte. In seiner Zeit in der Hamburger Griegstraße eroberte er sich den Respekt von Abgesandten des Burda-Verlags, der damals Verleger Hans Barlach unterstützte. „Der meist unterschätzte Mann in der Branche“, urteilte ein Burda-Manager über Depenbrock, den Chef der „Mopo“. Man bewunderte, wie er sein Blatt (und seine Angestellten) kompromisslos auf die von ihm vorgegebene Linie trimmte.

Diese Konsequenz fehlte in seiner Berliner Zeit. Depenbrock wurde zum Ankündigungsweltmeister. Das bewirkte vor allem bei Mitarbeitern der ambitionierten „Berliner Zeitung“ lähmendes Entsetzen. Doch zur Umsetzung der gepredigten Einschnitte kam es zumindest in der Redaktion nicht wirklich. Statt der 90 Redakteure, die Depenbrock behalten wollte, sind es nach wie vor 130. Eine Entlassungswelle blieb aus. Wahrscheinlich fehlte selbst dafür das Geld. Geradezu peinlich wirkte der von ihm Ende 2008 verlautbarte Reisekosten-Stopp für alle Abteilungen, der in der Branche postwendend als „Recherchestopp“ interpretiert wurde.

Am Dienstagmorgen, Stunden nach dem die Betriebsräte ihr Triumphgefühl über den Rückzug der Mecom in Pressemeldungen verpackt hatten, saß Josef Depenbrock Mitarbeitern zufolge einsam, aber nicht unzufrieden in seinem Büro. Der Chefredakteur und multiple Geschäftsführer ist Realist genug, um zu wissen, dass dies irgendwie sein letzter Arbeitstag sein würde, auch wenn es vielleicht noch Wochen dauert, bis er formell abgelöst wird. Schon an den Verkaufsverhandlungen war er nicht mehr beteiligt; jetzt wartet er auf Ansagen aus Köln.

Die Gelassenheit kommt nicht von ungefähr: Finanziell ist er unabhängig, seit er seine Anteile an der „Morgenpost“ an die Mecom verkauft hat. Es ist davon auszugehen, dass er sich um seine (umstrittenen) Immobiliengeschäfte kümmern wird sowie um sein Kreuzfahrt-Magazin „Azur“, das er als Privatinvestor herausbringt. In der Welt der Großverlage dürfte Depenbrock seine Hoffähigkeit verspielt haben. Eigentlich. Aber im Medienjahr 2009 sollte man niemals nie sagen.

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