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Bartz statt Decker: Yahoos falsche Wahl

Die Würfel sind gefallen: Das Online-Portal Yahoo hat endlich einen Nachfolger für Gründer Jerry Yang gefunden, der das Unternehmen zum zweiten Mal als CEO geführt hatte – bis zuletzt sehr glücklos allerdings. Die Wahl fiel auf die 60-jährige Autodesk-Managerin Carol Bartz, die zwar über viel Routine, aber nicht über die nötige Internetexpertise verfügt. Branchenexperten äußern sich deshalb zurecht kritisch: Fast scheint es, als wolle sich Yahoo damit in die Arme von Microsoft werfen.

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Die Gerüchte haben nicht getrogen: Wie MEEDIA bereits Montag spekulierte, folgt Carol Bartz, vorher Aufsichtsratsvorsitzende von Autodesk, in die großen Fußstapfen von Jerry Yang. Die 60-Jährige, die in der Bush-Administration als Beraterin fungiert hatte, leitete 14 Jahre die Geschicke des weltgrößten Software-Unternehmens für digitales 2D- und 3D-Design. In Branchenkreisen gilt Bartz als absoluter Silicon Valley-Veteran: Auf dem vom ehemaligen Internetaktienanalysten Henry Blodget betriebenen Technologieportal „Alley Insider“ reihen sich seitenweise Lobeshymnen aneinander.

Es gibt aber auch kritische Stimmen – und zwar von Blodget selbst. „Sie ist eine sichere Wahl, aber nicht unbedingt die richtige“, schrieb der Veteran unter den Internetkennern in einer ersten Einschätzung.  „Sie ist talentiert und erfahren genug, um einen Plan für das Unternehmen zu haben. Aber mit ihrer mangelnden Internet-Erfahrung wird sie vielleicht der letzte Teil der Selbstzerstörung des Unternehmens“. 

Die dürfte nämlich nun in der Umarmung mit Microsoft liegen, die mehr als wahrscheinlich ist. „Der Suche-Deal zwischen Yahoo-Microsoft steht damit unmittelbar bevor“, folgert Blodget – und nennt als möglichen Zeitpunkt den 27. Januar, wenn die Quartalszahlen verkündet werden.  Ähnliches berichtet auch die Technologiereporterin des Wall Street-Journals, Kara Swisher.

Damit scheint das Schicksal des Online-Pioniers besiegelt. Ohne das Herzstück der Internetsuche ist Yahoo als eigenständiges Dot.com-Unternehmen kaum handlungsfähig. Der an der Technologiebörse Nasdaq gelistete Konzern wird damit zum Vasallen von Microsoft, der die Kontrolle für einen Bruchteil des einstigen Gebots bekommen dürfte.

Zugleich verliert der einst höchst bewertete Internetkonzern einen Sympathieträger der ersten Stunde. Susan Decker, die lange Zeit, als mögliche Nachfolgerin von Jerry Yang gehandelt wurde, reichte postwendend ihren Rücktritt ein – die einzig halbwegs ehrenwerte Option, um das Gesicht zu wahren.
 
Denn tatsächlich ist die Ernennung von Carol Bartz nicht weniger als eine Demontage erster Klasse. Die mittlerweile 60-Jährige hat sich zwar mit Autodesk als routinierte Software-Kennerin verdient gemacht, lässt aber jegliche Web 2.0-Affinität vermissen.

Genau das aber braucht Yahoo in diesen Tagen so dringend wie vermutlich nichts anderes, um endlich Anschluss zu finden: Es war Decker, die maßgeblich die Übernahmen von Flickr und del.icio.us auf den Weg gebracht hat – und das zu denkbar kleinen Preisen.
Deckers großes Pech liegt jedoch tragischerweise darin, dass sie als Nummer zwei bei Yahoo und als Urgestein des Unternehmens zu schnell mit dem gescheiterten CEO Jerry Yang  in Verbindung gebracht wird. Yangs Fehler werden so implizit zu Deckers Versäumnissen gemacht.

Auf der anderen Seite verliert Yahoo damit jedoch auf einen Schlag das Herz und die Seele des Unternehmens. Ohne Jerry Yang und Sue Decker an der Spitze wird Yahoo, so viel ist klar, nie wieder so sein, wie es mal war. Carol Bartz mag eine fähige Managerin sein – aber es sieht mehr danach aus, als würde sie die Geschicke eines von Microsoft kontrollierten Unternehmens verwalten. Das hätte Yahoo eher – und zu einem deutlich höheren Preis und weniger interner Selbstzerfleischung haben können.

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