Grosso-Streit mit Bauer spitzt sich zu

Neue Runde im alten Streit zwischen Bauer Verlag und Presse Grosso. Ende vergangener Woche hat Bauer dem Grossisten Carlsen in Kiel gekündigt. Parallel sind die beiden, von Bauer bereits 2008 abservierten, Grossisten Grade und Mügge vor Gericht gezogen. Sie fühlen sich laut "SZ" ungerecht behandelt, weil Verlage und Grossisten im Jahr 2004 einen Bestandschutz ausgehandelt hatten. Beim Bauer Verlag geht es um jeden Cent. Das Haus ist extrem von den Erlösen seiner Zeitschriften abhängig.

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Alles war kein Problem, so lange das Geld überreichlich floss. Das ist aber nun schon seit einiger Zeit nicht mehr der Fall. Das deutsche Grosso-Modell wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, um Pressefreiheit und Pressevielfalt zu garantieren. Die Republik wurde nach Grosso-Gebieten aufgeteilt, in jedem Gebiet erhielt eine Firma, ein so genannter Grossist, das Recht als Gebiets-Monopolist exklusiv Presse-Erzeugnisse an Kioske und andere Verkaufsstellen zu liefern. Die Grossisten sind an den Vertriebsumsätzen beteiligt und erhielten damit Zugang zu einer bestständig sprudelnden Geldquelle. Umgekehrt sind sie verpflichtet, neutral alle zur Verfügung stehenden Presse-Produkte auszuliefern und zu platzieren. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Großverlage mit ihrer Marktmacht kleinere Medien-Anbieter wegdrängen.

Nun haben sich die Zeiten aber geändert. Die Vertriebserlöse werden wegen der schwächelnden Anzeigenumsätze immer wichtiger. Außerdem frisst sich das Erfolgsmodell des Hauses Bauer – billig produzierte Unterhaltungshefte günstig und massenweise in den Markt drücken – zunehmend selbst auf. Ehemalige Bauer-Manager haben sich genau angeschaut, wie man für wenig Geld dünne Inhalte auf dünnes Papier bringt und haben ihrerseits Zeitschriften gegründet, die den Bauer-Titeln zum Teil wie ein Ei dem anderen gleichen. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie noch billiger zu haben sind. Den inhaltlichen Unterschied zwischen dem Bauer-Heft „Alles für die Frau“ zu 70 Cent und einem Ultra-Billigheimer wie „Von Frau zu Frau“ oder „Illu der Frau“ zu 49 Cent, erkennen selbst Presse-Profis erst auf den zweiten Blick, wenn überhaupt. In der Bilanz merkt die Familie Bauer die Preisdifferenz aber sehr deutlich, denn die angesprochene Konsumentin lässt sich beim Kauf traditionell vor allem vom Preis leiten.

Und diese unliebsame Konkurrenz wird durch das neutrale Grosso-System gleichberechtigt neben den Bauer-Magazinen platziert. Das ist der Grund, warum man bei Bauer nervös und ärgerlich wird und warum Verleger-Tochter und Vertriebs-Chefin Yvonne Bauer im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift „Horizont“ bereits gefordert hat, dass Zeitschriften vom Grosso doch bitteschön gemäß ihrer „Nachfrage- und Umsatzbedeutung“ zu platzieren seien. Im Klartext war das die Aufforderung an das Grosso, die Billigheimer aus dem Kiosk zu schmeißen oder wenigstens schlechter zu platzieren. Das Grosso befindet sich nun in einer Zwickmühle. Einerseits ist das der Auftrag, neutral über die Pressefreiheit und –vielfalt zu wachen. Andererseits hängen sie finanziell am Tropf der vertriebsstarken Großverlage Bauer und Axel Springer. Und die erhöhen den Druck über den Geldhahn oder, wie im Fall Bauer, über Kündigungen.

Ob die beiden Parteien, Verlage und Grossisten, sich selbst einigen können, wird von manchem Branchenkenner bezweifelt. Wo es kriselt in der deutschen Wirtschaft, ist in diesen Tagen die Politik nicht weit, so auch im Mediengewerbe. Laut „Süddeutsche Zeitung“ sind Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bereits über die Verwerfungen im Grosso-System informiert.

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