„Bild“-Videos: Für den Oscar langt’s nicht

"Der nächste Schritt in der Medienevolution". So kündigte "Bild"-Chef Kai Diekmann die Video-Reporter an. Die Resonanz war zunächst verhalten, der große Ansturm blieb aus. Einen Monat später zieht MEEDIA Bilanz. Ergebnis: Bild.de hat 100 Videos nachgelegt. Neben Haustieren und Kleinkindern tummelt sich allerdings wenig Nachrichtliches auf der Seite. Die Highlights: Jimmy Kelly auf der Straße, Udo Lattek und Erich Ribbeck beim Saufgelage und Pop-Titan Bohlen auf dem Weg zum DSDS-Casting.

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Eine Woche nach dem Verkaufsstart sah es auf Bild.de mit 18 gehosteten Videos mehr als mau aus. Die Anzahl hat sich auf der Videoseite nun mehr als verfünffacht. Brisantes Material, die von Journalismus-Verbänden befürchteten Unfallbilder oder Wackel-Aufnahmen von gehetzten Prominenten sind nicht dabei.

Feucht-fröhliches Geblogge
Im Gegenteil: Dieter‘> agiert gelassen vor der Kamera für ein Video-Tagebuch und die Alttrainer Erich Ribbeck und Udo Lattek lassen sich ungehemmt nach einigen Gläsern zu viel bei einer Aussprache ablichten. Allerdings: das Bohlen-Blog wirkt so, als hätte man sich mit dem Produzenten zum Termin verabredet. Wer glaubt, dass Bohlen sich rein zufällig von einem Fan mit der Kamera hat begleiten lassen? Wenn da mal die Redaktion dem „Leser-Video“ nicht auf die Sprünge geholfen hat…

Das dritte Video mit einem kleinen Promifaktor zeigt Jimmy Kelly, der mittlerweile als Straßenmusiker seinen Unterhalt bestreitet. Das Manko aller Beiträge ist die mitunter miserable Qualität der Bilder. Lattek und Ribbeck sind ohne Untertitel kaum zu verstehen oder zu erkennen. Das Video vom Mitglied der Kelly Family wurde von der Redaktion mit einigen Fotos aufgewertet. Das ist durchaus legitim, aber auch bitter nötig. Denn optisch ansprechende Videos sind nicht so einfach zu produzieren wie die Schnappschüsse der 1414-Leserfotografen.

1414-Aktion bleibt tierisch
100 Videos finden sich unter der Rubrik „1414“. Der Springer-Verlag scheint das Leserreporter-Ressort aber nicht tagtäglich, sondern etappenweise zu bestücken. Denn auch letzte Woche fanden sich die 100 Clips online. Ein Grund dafür könnte die schwierige Klärung der Rechte sein. Der Verlag muss die Bildrechte für jede Person, die auf einem Video zu sehen ist, klären.

Ansonsten würden die Persönlichkeitsrechte der gezeigten Personen verletzt. Ursprünglich war die Leserreporter-Offensive als Ergänzung zur „Bild“-Berichterstattung gedacht. Auf den Seiten tummeln sich aber vornehmlich Tiere (34 Videos) und kleine Kinder. Sicher ganz putzig, aber nachrichtlich noch nicht der Bringer.

Kleinkinder als Leserreporter
Beliebt scheinen auch Stücke von Kleinkindern (26 Videos) à la „So flucht Mama beim Autofahren“ oder „Papa fährt Auto wie ein Fisch“. Nur wenige Videos haben so etwas wie Newswert. Wenn überhaupt, sind es Clips von Bränden (sieben Videos). Technische Neuerungen gibt es zur Zeit nicht. Die Videos sind nicht einbettbar auf die eigene Homepage. Die Vermarktung der Amateurvideos scheint ebenfalls schwer zu laufen. Fand sich im Dezember vor den Clips noch ein Werbespot, starten die Beiträge mittlerweile direkt nach dem Klick.

Das größte Hindernis für eine schnelle und tagesaktuelle Berichterstattung mit den Leservideos dürfte das Medium selbst sein. Im Gegensatz zu den Leserfotos müssen die Videos erst über einen PC oder Mac überspielt werden, an Bild.de geschickt und dort erst überprüft werden. Doch die Leserreporter scheinen nicht so forsch ranzugehen wie – je nach Standpunkt – erhofft oder befürchtet. Fazit bislang: Schöner Versuch, aber für den Oscar langt’s noch nicht.

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