Was Steve Jobs sagt – und was nicht

Die Erleichterung war groß. Nicht die Rückkehr des Krebses, sondern „eine Störung meines Hormonhaushalts hat mir Proteine ‚geraubt‘, die der Körper braucht, um gesund zu sein“, schrieb der 53-jährige Apple-Gründer Steve Jobs gestern im Offenen Brief zu seinem Gewichtsverlust.  „Moderne Bluttests haben diese Diagnose  bestätigt.“ So weit, so groß das Aufatmen. Doch bei näherer  Betrachtung  […]

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Die Erleichterung war groß. Nicht die Rückkehr des Krebses, sondern „eine Störung meines Hormonhaushalts hat mir Proteine ‚geraubt‘, die der Körper braucht, um gesund zu sein“, schrieb der 53-jährige Apple-Gründer Steve Jobs gestern im Offenen Brief zu seinem Gewichtsverlust.  „Moderne Bluttests haben diese Diagnose  bestätigt.“ So weit, so groß das Aufatmen. Doch bei näherer  Betrachtung  kommen Fragen.  Nämlich diese:

Warum kam die Absage zur Keynote der MacWorld Expo so spät?
 
Apple verkündete  das Fernbleiben Steve Jobs’von der MacWorld am 16. Dezember, exakt 3 Wochen vor der heutigen Keynote.  Das ist sehr spät. Im Klartext bedeutet das, dass Apple bis zuletzt gehofft hat, dass Steve Jobs doch rechtzeitig für das Key-Event des Jahres wieder fit wird. Als das offensichtlich nicht der Fall war, zog man die Notbremse.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Steve Jobs sah offenbar so schlecht aus,  dass sein Auftritt in der Öffentlichkeit nicht mehr tragbar erschien  – also offenkundig noch schlechter als bei der letzten Vorstellung der neuen MacBooks im Oktober. Im Umkehrschluss bedeutet das auch:  Gizmodo hatte offenbar tatsächlich recht mit der Einschätzung des sich rapide verschlechternden  Gesundheitszustands.

Warum sprach Apple im Juni erst von einem „common bug“, wenn es sich jetzt um Hormonstörungen handelt?

Steve Jobs ist nicht erst seit gestern krank. Er musste sich aufgrund eines Tumors einer Bauspeicheldrüsenoperation im Juli 2004 unterziehen,  im Zuge deren Teile des
Verdauungstraktes entfernt werden. Entsprechend erklärt sich der stufenweise Gewichtsverlust, der in den vergangenen Jahren beim Apple-Gründer zu beobachten war und aufgrund dessen eine zweite Operation im vergangenen Jahr durchgeführt wurde.  Den Gewichtsverlust erklärte Apple jedoch zunächst mit einem „common bug“, mit einer gewöhnlichen Infektion also. Das erschien schon im letzten Sommer schwer nachvollziehbar.

Nun werden also Hormonstörungen („Eine Störung meines Hormonhaushalts hat mir Proteine ‚geraubt‘, die der Körper braucht, um gesund zu sein“) angeführt, ohne diese näher zu beschreiben. Das erscheint medizinisch plausibel, inhaltlich aber doch merkwürdig. Natürlich: Die Diagnose wäre erst jetzt gestellt worden, erklärt Jobs. Doch schon in den vergangenen Jahren erschien es absehbar, dass nicht ein „gewöhnlicher Virus“ dahinter stecke. Vielmehr sieht es nach einer Salami-Taktik von Apples PR-Abteilung aus:  So wurde Ende Juli nach vehementen Gerüchten über eine Rückkehr der Krebserkrankung die Erklärung zu den Ernährungsstörungen verbreitet.

Nun wiederholt sich die Geschichte: Erst auf Nachdruck der Öffentlichkeit, die über eine „sich rapide  verschlechternde Gesundheit“ mutmaßt, hat sich Steve Jobs zu einer Erklärung über Hormonstörungen durchgerungen, die wiederum weitere Spekulationen eröffnet – nämlich:

Wie schwer ist die Erkrankung wirklich?

Offenbar so schwer, dass Apple dem 53-Jährigen die 90-minütige Keynote nicht mehr zumuten wollte. „Zum ersten Mal in mehr als einem Jahrzehnt befinde ich mich in diesen Tagen im Urlaub, statt die Keynote vorzubereiten“, erklärte der CEO des Technologieunternehmens im Offenen Brief.   

Gleichzeitig habe Jobs mit einer Therapie zur Lösung des Nährstoffproblems begonnen, die „relativ einfach und überschaubar“ wäre. Sogar einen Zeitraum der Genesung kann Jobs benennen – nämlich „Ende Frühjahr“. Damit setzt sich der Apple-CEO gehörig unter Druck, denn buchstäblich die ganze Welt wird im Sommer noch genauer auf Jobs schauen.   

Kann Steve Jobs noch dem Alltag als Apple-CEO gerecht werden?

Die Frage kommt unweigerlich nach dem Verzicht auf die Keynote. Klatschpostillen wie Valleywag veranstalten bereits reißerisch einen Abgesang auf Jobs („Steve Jobs gibt zu: zu krank, um zu arbeiten„) und sogar offen seinen Rücktritt fordern („It’s time for his company to act like he’s gone“) Das ist nicht neu, wiegt jedoch schwer auf der Aktie, wie jeder Rücksetzer nach jedem neuen Gerücht beweist.  

Ist Jobs als CEO schon eine Belastung für Apple geworden?

„As far as investors are concerned, Jobs is already dead to them“, macht Valleywag Stimmung. Diese Einschätzung ist nicht nur ziemlich geschmacklos – sie ist auch ziemlich aus der Luft gegriffen. Nach dem Offenen Brief von Jobs kam es gestern zu einer regelrechten Erleichterungsrallye an Wall Street – die Apple-Aktie legte um 5 Prozent zu.  Fakt ist: Steve Jobs ist für Apple so wichtig wie je zuvor. Er ist Apple. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen damit anfällig, sollte Jobs wirklich einmal gezwungenermaßen abtreten müssen.

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