Die größten Dot.com-Gewinner 2008

2008 war das Jahr, in dem die große Finanzmarktkrise die Wirtschaft mit voller Wucht traf. Auch die Wachstumsbranche Internet bekam die Auswirkungen des einbrechenden Werbemarktes und versiegenden Venture Capitals zu spüren. Nichtsdestotrotz gab es in der Krise auch Gewinner: Dazu zählen eine Online-Zeitung, ein Mikroblogging-Dienst, ein Social Network und ein Smartphone, die die Marktführerschaft eroberten – und nicht zuletzt der neue US-Präsident, der dank seiner Internetstrategie die Massen mobilisierte.

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5. Gewinner: Die Huffington Post

Der Hunger der Internet-Gemeinde ist schier unstillbar: Immer mehr News wollen gelesen werden – immer schneller, immer vielfältiger, immer exklusiver. Diesen Anspruch erfüllt 2008 wohl kein anderes Angebot besser als die HuffingtonPost, die unbestrittene Content-Erfolgsstory des Jahres, die inzwischen zu den zehn erfolgreichsten Nachrichtenseiten der USA zählt.

In atemberaubendem Tempo feuert die HuffPo, die „für die Internet-News sein will, was CNN fürs TV ist“ (CEO und Mitbegründer Kenneth Lerer) ihre Storys raus. 46 Redakteure und eine wahre Armada von 1000 Bloggern schreiben, verlinken und aggregieren, was das Zeug hält – und das Medium hergibt.

Macherin der „Internet-Zeitung“ (Selbstverständnis) ist die 58-jährige gebürtige Griechin Arianna Huffington. „Die Dame der Schickeria“ („taz“), die früher mit dem Öl-Millionär Michael Huffington verheiratet war, besitzt angeblich „mehr als tausend gut vernetzte Freunde“. Das sieht man der boomenden Netz-Postille an: In mehr als 1800 Blogs berichtet die „Huffington Post“ so schnell und umfassend wie zurzeit wohl kein zweites Nachrichtenangebot über das Weltgeschehen. Vor allem während der US-Wahl brillierte die HuffPo mit Breaking News rund um die Uhr.   

Zum Ende eines enorm erfolgreichen Jahres dann die Krönung: Mitten in der tiefsten Finanzmarktkrise, die die Werbewirtschaft dramatisch in Mitleidenschaft ziehen dürfte, konnte sich die „HuffingtonPost“ Anfang Dezember über das üppige Investment von 25 Millionen Dollar Venture Capital freuen – komplett gegen den Markttrend. Diese Summe stellte der Risikokapitalgeber Oak Investment in einer zweiten Finanzierungsrunde bereit, die die Online-Publikation inzwischen mit  stolzen 100 Millionen Dollar bewertet.

4. Gewinner: Twitter

Am Anfang war es nur eine Idee, um auf dem Laufenden zu bleiben: Die SMS an alle. Jack Dorsey, Evan Williams und Biz Stone schufen dafür vor zwei Jahren eine Plattform, die eigentlich eine Applikation war und punktgenau den Zeitgeist der geschwätzigen und notorisch exhibitionistischen Web 2.0-Generation traf: In 140 Zeichen der Welt mitteilen, was man gerade macht, denkt oder fühlt.

2008 sind die Tweets längst so selbstverständlich geworden wie Vogelgezwitscher im Frühling: Jeder, der etwas zu sagen hat – oder auch nicht -, tut das im Mikroblogging-Dienst Twitter kund. Am liebsten mobil via iPhone oder Blackberry, schließlich passiert das echte Leben eben nicht nur vom PC.

Auch immer mehr Prominente haben das neue Kommunikationsmedium längst für sich entdeckt: US-Präsident Barack Obama informierte über Wahlveranstaltungen, Britney Spears über den neuesten Videodreh und Tour de France-Comebacker Lance Armstrong über seinen Trainingsplan. 

Doch Twitter ist längst mehr als ein gekonnt eingesetztes PR-Tool. Die Bewährungsprobe schlug bei den wirklich bedeutenden zeitgeschichtlichen Ereignissen des Jahres: Der US-Wahl oder authentischen Augenzeugen-Berichten von Tragödien wie den Anschlägen von Mumbai. „Das Instrument Twitter wurde zur schnellsten Nachrichtendrehscheibe für Meldungen aus Bombay“, befand Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer, dem intern allerdings selbst der unangemessene Einsatz des Kommunikationsmediums vorgeworfen wurde. Auch mitten in der Entlassungswelle bei Yahoo wurde eifrig getwittert. 

So viel Präsenz und Zuspruch (Techcrunch-Gründer Michael Arrington: „Twitter is emerging as a major force in breaking news“) weckt Begehrlichkeiten.  So wurde erstmals auf dem Web 2.0 Summit in San Francisco im November kolportiert, das Social Network Facebook könnte Interesse an einer Akquisition des Mikroblogging-Dienstes haben. Was läge auch näher als das: Die Synergien zwischen den beiden Web 2.0-Angeboten sind groß. Längst twittern viele Facebook-Benutzer, um die 140-Zeichen langen Statusmeldungen dann auch in Echtzeit in ihren Facebook-Feed einfließen zu lassen.

Der notorisch zugeknöpfte Facebook-CEO Mark Zuckerberg zeigte sich voll des Lobes für das erst vor zwei Jahren gestartete Social Network:  Er wäre „wirklich beeindruckt“, was Twitter bis heute geleistet habe, zollte Zuckerberg Tribut. Twitter habe ein „sehr elegantes Modell“.  Angeblich wurde ein Deal in letzter Minute aber abgeblasen – von Twitter. „Wir bleiben unabhängig“, betonte Mit-Begründer Evan Williams noch zu Beginn des Monats gegenüber MEEDIA. Es wird spannend zu beobachten sein, wie lange das gerade Mal zweieinhalb Jahre junge Startup, das bislang keine Umsätze verzeichnet, im nächsten Jahr in der Finanzmarktkrise den Verlockungen des Kapitals widerstehen kann.

3. Gewinner: Facebook

Es ist die bislang wohl größte Erfolgsgeschichte der Web 2.0-Ära. Gerade einmal viereinhalb Jahre nach dem Start als Studenten-Community ist Facebook zum größten sozialen Netzwerk unserer Zeit aufgestiegen, das rund um den Globus genutzt wird. Dabei wollte Harvard-Student Mark Zuckerberg zunächst nur bekannte Gesichter auf dem Campus bewerten. Über Nacht wurde sein Network zum Hype – erst an den Unis, dann in der ganzen Welt.

Mitte des Jahres war es so weit: Nach eindeutigen Besuchern überholte Facebook den jahrelang schier überlebensgroßen Rivalen MySpace schließlich und wurde damit einem Teil der Vorschusslorbeeren gerecht, mit dem das Superstartup spätestens seit dem Microsoft-Investment im vergangenen Herbst überschüttet worden war. Seinerzeit investierte der Software-Riese 240 Millionen Dollar in den Emporkömmling aus dem Silicon Valley – für 1,6 Prozent der Firmenanteile.

Doch auch die Finanzmarktkrise und der damit einhergehenden Kreditklemme ging an Facebook nicht spurlos vorbei. Zum Jahresende häuften sich die schlechten Nachrichten in Palo Alto: Unternehmensaktien für Mitarbeiter, die nur noch für ein Viertel der 15-Milliarden-Dollar-Bewertung im Zuge des Microsoft-Deals veräußert werden durften, stießen von institutioneller Seite kaum mehr auf Interesse. Noch verdächtiger: Ende November wurde CFO Gideon Yu in Dubai gesichtet – mutmaßlich auf der Suche nach neuen Investorengeldern.

Während erste Technologieexperten bereits unken, Facebook werde das Opfer seines immensen Wachstums, das hohe Instandhaltungskosten produziere, bleibt das Potenzial des letzten unabhängigen großen Web 2.0-Players immens: Für den früheren Netscape-Gründer Marc Andreesen ist Facebook „einer der größten Meilensteine in der Technologiebranche in diesem Jahrzehnt“.

2. Gewinner: Das iPhone 3G

Das gilt wohl erst recht für einen anderen ganz großen Gewinner des Internet-Jahres. Und das ohne reinrassiges Internet-Angebot: Das vermutlich meist gehypte Gadget des Jahrzehnts stellt den Zugang zum WWW tatsächlich erst her – und das in revolutionärer Weise, nämlich zum mobilen Internet, das es nun buchstäblich in die Westentasche geschafft hat.

Angefangen hat alles am 30. Juni vergangenen Jahres mit der ersten Version von Steve Jobs’ vermutlich größter Produkteinführung aller Zeiten – der ersten Generation von Apples iPhone. Die kam jedoch mit einigen Makeln daher: Das Gerät war in der Debütversion für viele Nutzer schlicht unerschwinglich  (Startpreise von 599 Dollar bzw. 399 Euro) – und zu langsam (Datenübertragungsstandard Edge).

Am 11. Juli, just ein Jahr nach der Einführung der ersten Generation, verzückte Apple die Fachwelt mit einem Launch der überholten Version, die dank des neuen Mobilfunkstandards 3G (UMTS) das mobile Internet in der Spitze dreimal so schnell auf den Touchscreen holte, dabei aber nur noch die Hälfte des Vorgängermodells kostet. Mit einem Wort: Das iPhone war reif für den Massenmarkt, der mit einem weltweiten Launch in 22 Ländern auch angesteuert – und schnell erreicht wurde.  

Abverkäufe von enormen 7 Millionen Geräten konnte Jobs den verblüfften Analysten im Ende September zu Ende gegangenen vierten Geschäftsquartal präsentieren – erstmals mehr als Research in Motion mit seinem Blackberry. Fünf Quartale nach seinem Debüt hat das iPhone damit die Marktführerschaft übernommen: ein Welterfolg, der Jobs’ große Coups mit iMac und iPod fast noch in den Schatten stellt.

Maßgeblichen Anteil hat daran nicht zuletzt eine ungewöhnliche Abkehr von Apples Produktpolitik. Erstmals in seiner zusammengerechnet mehr als zwei Jahrzehnt währenden Regentschaft bei Apple sprang der Controlfreak Jobs nämlich über seinen Schatten und öffnete die Apple-Plattform für Entwickler.

Der wahre Erfolg des iPhone 3G ist tatsächlich der iPhone Software 2.0 geschuldet, die für Entwickler geöffnet wurde. Das Ergebnis ist in dem boomenden App-Store zu beobachten, in dem ein halbes Jahr nach der Eröffnung bereits mehr als 10.000 Anwendungen heruntergeladen werden können. Diese Applikationen machen das iPhone erst zu dem, was es ist: Die ultimative Startrampe zum mobilen Internet.   

1. Gewinner:  Barack Obamas Internet-Wahlkampf

Es ist fraglos die größte Erfolgsstory des Jahres: Der phänomenale Aufstieg des demokratischen Senators Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, gleichzeitig dem ersten afro-amerikanischen. Die Superlative könnten größer kaum ausfallen: Vor vier Jahren noch war Obama der talentierte Nachwuchspolitiker aus Chicago, der eine engagierte Rede auf dem Nominierungsparteitag von John Kerry gehalten hatte. Dann machte Obama Ernst mit seiner Bewerbung um die Präsidentschaft – und schaltete nacheinander Hochkaräter der Demokraten aus, zuletzt die haushohe Favoritin Hillary Clinton, die die meisten Amerikaner längst insgeheim als nächste Präsidentin gesehen hatten.

Einen maßgeblichen Anteil am überwältigenden Erfolg Obamas, der es wie kein zweiter Kandidat verstanden hat, die Massen mit einfachen Botschaften („Yes, we can“) zu mobilisieren, hat das Internet. Erstmals nach den acht zermürbenden Jahren der Bush-Administration, die auch beim Einsatz des WWWs als Kommunikationsmittel hoffnungslos reaktionär erschien, hat ein Politiker die Möglichkeiten des Mediums entdeckt – zumal der nächsten Generation, der Web 2.0-Ära.

Und die bietet schließlich enormes Potenzial: Mehr als die Hälfte der amerikanischen Internet-User nutzten die Websites der Kandidaten zu Informationszwecken. Der Löwenanteil davon surfte die Webpräsenz Obama.com an, über die der passionierte Blackberry-Nutzer Wahlspenden in bislang nicht gekannten Dimensionen einsammelte – vor allem unter Kleinspendern.  So verzeichnete die aufwendig gestaltete Website laut comScore zum Ende des Wahlkampfes mehr als 300 Millionen Zugriffe. Auf der Internetranking-Seite Alexa.com stieg die Website schnell unter  die Top 1000 weltweit auf – JohnMcCain.com rangierte dagegen nicht mal unter den ersten 3500 Plätzen.

Auch sonst beherrschte Obama konsequent das Spiel auf der Web 2.0-Klaviatur: Mit täglich neuen Updates über Wahlkampf-Rallyes, Podiumsdiskussionen oder sonstige Veranstaltungen wurde Obama zum uneingeschränkten Twitter-König. Kein anderer Nutzer auf dem Planet wird beim Mikroblogging-Dienst so oft „verfolgt“ wie Obama. Auch bei Facebook kann sich der Hawaiianer vor Fans kaum retten: Mehr als 3,5 Millionen „Freunde“ hat Obama bereits auf dem beliebten Social Network.

Fairerweise muss man einräumen: Barack Obama hätte vermutlich auch ohne Twitter, Facebook und MySpace gewonnen – zu überlegen und überlegt wurde sein Wahlkampf geführt, zu entschlossen war sein Auftreten, zu brillant seine Rhetorik. Wenn Obama nur die Hälfte dieses Potenzials im Weißen Haus ausspielen kann, bekommen die USA den besten Präsidenten seit Jahrzehnten. Angesichts der Herkulesaufgaben, die in den nächsten Jahren auf die USA warten, muss Obama allerdings auch schnell in diese Rolle hineinwachsen.

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