Gruner + Jahr: Warum Kundrun gehen muss

Publishing Manchmal signalisiert Stille Gefahr. Wie im Fall des Gruner + Jahr-Vorstandschefs Bernd Kundrun. Dessen Pressestelle schweigt zu seinem Ausscheiden aus dem Vorstand von Bertelsmann und verweist nach Gütersloh: Die Angelegenheit sei Sache des Mutterkonzerns. Bei Bertelsmann gibt es nur die Bestätigung der Mandatsniederlegung. Und den Zusatz, dass man sich „zu gegebener Zeit äußern wird“. Wortkarger kann man es nicht ausdrücken: Bei Gruner + Jahr ist die Ära Kundrun unwiderruflich vorbei.

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Manchmal signalisiert Stille Gefahr. Wie im Fall des Gruner + Jahr-Vorstandschefs Bernd Kundrun. Dessen Pressestelle schweigt zu seinem Ausscheiden aus dem Vorstand von Bertelsmann und verweist nach Gütersloh: Die Angelegenheit sei Sache des Mutterkonzerns. Bei Bertelsmann gibt es nur die Bestätigung der Mandatsniederlegung. Und den Zusatz, dass man sich „zu gegebener Zeit äußern wird“. Wortkarger kann man es nicht ausdrücken: Bei Gruner + Jahr ist die Ära Kundrun unwiderruflich vorbei.
Eiszeit zwischen Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski und seinem Hamburger Statthalter. Doch unter der in Sprachlosigkeit erstarrten Oberfläche brodelt ein Vulkan. Es geht um die Zukunft Kundruns, um das Renommee von Bertelsmann und um die schlichte Frage, wie es im Zeitschriftenhaus am Baumwall, bei dem Bertelsmann mit knapp 75 Prozent Hauptgesellschafter ist, in den kommenden Wochen überhaupt weiter gehen soll. Und hinter den Kulissen tobt eine „Off the record“-Schlacht um Ursache und Wirkung, um Täter und Opfer bei der spektakulärsten Personalie der Printbranche in den vergangenen Jahren.
Aus dem Umfeld der Gütersloher Führungsspitze ist zu hören, dass man die Entscheidung des Hamburger Spitzenmanagers als Affront, die damit verbundenen Spekulationen über seine Beweggründe gar als rufschädigendes Verhalten für den Gesamtkonzern wertet. Offenkundig wirft man Kundrun Lobbyismus in eigener Sache vor und schreibt ihm die Verantwortung für ein Lancieren von Medienberichten zu, wonach Bertelsmann aufgrund hoher Schulden Gruner + Jahr ehrgeizige Renditevorgaben mache und damit kreatives Wachstum bremse.
Dass der einst hoch gehandelte Manager nach acht Jahren als G+J-Chef auf diese Weise seinen Rückzug rechtfertige (und seinen sicheren Rauswurf provoziert), werde in Gütersloh in den Bereich der Legendenbildung sortiert. Ein mit höchsten Unternehmenskreisen vernetzter Insider zu MEEDIA: „Klar ist: Kundrun ist nicht der Akteur, sondern der Getriebene.“ Seit Monaten habe der gespürt, dass es für ihn unter dem seit Januar 2008 amtierenden Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski immer enger geworden sei. Dieser verlange von seinen Managern mehr Einsatz, Führungsstärke und eine klare Wachstumsstrategie. Auch Kundrun habe „unter Beobachtung“ gestanden. Die Ablösung von Peter Olson, Chef des New Yorker Buchverlags Random House, sei auch ein Warnschuss für den Hamburger gewesen, von dessen unternehmerischem Elan man bei Bertelsmann nicht mehr rückhaltlos überzeugt gewesen sei. „Da muss man sich entscheiden“, so ein Branchenkenner, „ob man das Tempo mitgehen kann und will oder nicht.“
Doch gerade mit dem Versuch, es dem argwöhnischen Mutterkonzern zu zeigen, begann für Kundrun die Misere. Für Kopfschütteln sorgte bei Entscheidern in Gütersloh Kundruns Ankündigung einer „Portfolio-Bereinigung“ und drastischer Sparmaßnahmen per E-Mail an Verlags-Angestellte. Die „Todesliste“ für defizitäre Magazine machte wochenlang die mediale Runde und brachte Kundrun den Vorwurf der „Kamikaze-Kommunikation“ ein. Auch die Kündigung aller Mitarbeiter von „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ wurde als Bruch mit der Unternehmenskultur gewertet, auf die man in Gütersloh traditionell hohen Wert legt.
Das war im November. Kundrun war angeschlagen, aber noch nicht gefallen. Das Ende kam mit der peinlichen Enthüllung, dass der Hamburger Verlags-Boss in Zeiten der Krise und der Unternehmens-Sanierung über eine Führungsposition bei ProSiebenSat.1 verhandelte. Dass diese Indiskretion in die Öffentlichkeit gelangte, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit Bertelsmann-Kreisen zuzurechnen. Dies traf Kundrun mit voller Wucht, und es dürfte, als er dieses realisiert hatte, die emotionale Kraft freigesetzt haben, seinen Vorstands-Rücktritt einen Tag vor Heiligabend per Fax nach Gütersloh zu senden. Fairplay war gestern. Einmal, so scheint es, wollte er es den Intriganten zeigen. Wo immer sie auch sitzen.
Ein „Fest der Hiebe“ sieht Hans-Jürgen Jakobs von der „Süddeutschen Zeitung“ in den Auseinandersetzungen. In der Boxersprache gibt es einen Ausdruck für Kämpfer, die gegen einen dominierenden Gegner plötzlich nach vorne gehen: Angstschläger. Die besondere Gefahr dabei ist, dass sie alle Konventionen und erlernten Techniken vergessen, blind zuschlagen und deshalb unberechenbar sind. Man könnte im Fax von Bernd Kundrun einen solchen Verzweiflungs-Hieb vermuten. Der haut Bertelsmann nicht um, aber er trifft: Wie wird es bei Gruner + Jahr jetzt weitergehen? Er stellt Ostrowski und seinen Aufsichtsratchef Gunter Thielen vor die schwierige Aufgabe, in kurzer Zeit eine tragbare Nachfolge-Entscheidung zu treffen. Wer soll das Unternehmen führen, jetzt und auf lange Sicht?
Kundruns zweiter Mann Bernd Buchholz ist offenbar ebenfalls umstritten. Ihm wird in Gütersloh u.a. die zu hemdsärmelige und schroffe Umsetzung und Kommentierung der jüngst verkündeten Massenentlassungen nachgesagt. Zudem ist seine Bilanz als Zeitschriften-Vorstand durchwachsen. Andererseits: Wenn das Problem an der Führungsspitze nicht schnell gelöst wird, könnte Gruner + Jahr in eine ernste Schieflage geraten.
Bernd Kundrun, daran gibt es keinen Zweifel, wird in kürzester Zeit von seinem Amt entbunden werden. Für ihn geht es nur noch um die Modalitäten und die Höhe der Abfindung. Man muss ihm bescheinigen, dass er den Verlag über Jahre erfolgreich geführt hat. Und dass er zu vielem, was ihm jetzt vorgeworfen wird, seine eigene Version hat. Ob die der Wahrheit entspricht, dürfte allerdings alsbald niemanden mehr interessieren. Fest steht: Jemandem, der seinem Konzern so lange die Treue gehalten hat, muss (zumindest subjektiv) Einiges zugestoßen sein, damit die Vorgänge der vergangenen Tage rational nachvollziehbar werden.
Auf seinen Nachfolger wartet viel Arbeit. Pikant ist dabei der in Gütersloher Kreisen zu vernehmende Vorwurf, dass die jüngst von Kundrun betriebenen Strukturmaßnahmen bei Gruner + Jahr vor allem dazu gedient hätten, sich bei Verhandlungen mit den Gesellschaftern von ProSiebenSat.1 als knallharter Sanierer zu empfehlen. Der kriselnde TV-Konzern wird von den Private Equity-Firmen Permira und KKR, landläufig „Heuschrecken“, gelenkt. Es ist eine spannende Frage, ob es etwa bei dem überaus ehrgeizigen Projekt einer gigantischen zentralen Wirtschaftsredaktion bleiben wird, gegen das in diesem speziellen Fall (zumindest meiner Meinung nach) neben unternehmenskulturellen auch betriebswirtschaftliche Gründe sprechen.
Der vielzitierte Ausspruch von Zeitschriften-Vorstand Bernd Buchholz, wonach der Kapitän eines Kreuzfahrtsschiffes bei einer nahenden Riesenwelle dafür sorgen müsse, dass die Leute auf dem Sonnendeck Drinks und Liegestühle beiseite räumen, erscheint zu Weihnachten in einem neuen Licht: Gütersloh ist die Kommandobrücke, die Hamburger Verlagsspitze das Sonnendeck.

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