YouTube: Warner Music zieht den Stecker

Publishing Kehrtwende bei Warner Music: Die Plattenfirma hat sich überraschenderweise dafür entschieden, ihre Musikvideos umgehend von der beliebten Plattform YouTube zu entfernen. Grund dafür sind derzeit nicht überbrückbare Differenzen bei der Beteiligung an den Werbeumsätzen. Immer klarer wird damit, dass auch Google irgendwann die Geduld bei seiner defizitären Video-Tochter zu verlieren scheint: Zwei Jahre nach der Übernahme konnte YouTube nämlich bislang nicht den Beweis der Profitabilität antreten.

Werbeanzeige

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass YouTube die Herzen der Webwelt im Sturm eroberte. Maßgeblichen Erfolg hatte nicht zuletzt ein mädchenhaftes Gesicht, das Internet-Nutzer rund um den Globus faszinierte – Jessica Rose alias Bree alias lonelygirl15.

So schien modernes Fernsehen zu funktionieren: Halbwegs authentische Selbstinszenierungen – oder solche, die danach aussehen – im 3-Minuten-Format ins WWW pusten, und schauen, was passiert. Und wenn das zu anstrengend war, blieben immer noch die unzähligen Schnipsel aus Film, Sport und Musik, die sich schnell immer größerer Beliebtheit erfreuten.

Doch das an der Grenze der Legalität. Schließlich wurden hier von Nutzern exklusive Inhalte  ins Netz gestellt – und die ohne Erlaubnis der Verleger verbreitet. Entsprechend schnell musste YouTube Regelungen mit den Inhalteanbietern finden, um existenzfähig zu bleiben.

Bye, bye, YouTube:  Madonna, R.E.M., Red Hot Chilli Peppers verschwinden

Als erstes Majorlabel war Warner Music bereit, für eine Umsatzbeteiligung aus Werbelösen mit YouTube sein vollständiges Musikarchiv zu öffnen. Videos von Warner-Künstlern wie Madonna, R.E.M., den Red Hot Chili Peppers oder Avril Lavigne waren so ohne Bedenken im Netz zu sehen. “Es ist für uns viel besser, innovativ zu sein, und dieses Phänomen zu stärken, anstatt zu versuchen, es aufzuhalten”, erklärte Warner Music Vize-Präsident Alex Zubillaga seinerzeit fast euphorisch.

Davon ist bis heute nicht viel geblieben. Nach dem Motto „First in, First out“ zieht sich nämlich ausgerechnet Warner als erste große Plattenfirma zurück.  
„Wir können keine Bedingungen akzeptieren, die die Musikproduzenten nicht angemessen für ihre Arbeit entschädigen“, erklärte Warner zum angekündigten Ausstieg.

Und setzt ihn prompt in die Tat um: Seit Samstag hat Warner damit begonnen, die Videos seiner Künstler von YouTube zu nehmen, was angesichts der enormen Anzahl dauert. Viele Videos von Ikonen wie Madonna sind bereits nicht mehr verfügbar.  

Unrentables Geschäftsmodell: Google verliert Geld mit Musikvideos

Hinter vorgehaltener Hand zeigte sich Warner frustriert, dass die Erlöse nicht so hoch ausgefallen wären wie bei anderen Web-Angeboten – etwa bei AOL oder MySpace – berichtet das „Wall Street Journal“.  Doch es könnte auch sein, dass die Auflösung der Partnerschaft durchaus im beidseitigen Interesse sein, wie das „WSJ“ vermeldet. („While Warner says it removed the content on its own, a statement from YouTube implied that the Web site, not the record label, may have made the decision to remove the content from YouTube.“)

Der Hintergrund: YouTube Mutterkonzern Google verliert mit jedem Video Geld, wie Tech Reporter Peter Kafka herausstellt. Tatsächlich werden die Plattenfirmen nämlich für  jeden Clip, der geklickt wird, entlohnt – ganz gleich, ob er mit Anzeigen  gekoppelt ist oder nicht. Bis zu 100 Millionen Dollar soll Universal etwa in diesem Jahr durch die Bereitstellung von Videos einnehmen – der Löwenanteil, so mutmaßt Kafka, kommt von YouTube.

Neuverhandlungen: YouTube und die Musikindustrie brauchen einander

Das multipliziert mit den drei anderen Major Labels, wird auch für die Geldmaschine Google in diesem Marktumfeld zu einem zu teuren Zuschussgeschäft. Das Problem:  Alle Deals wurden Ende 2006 vor dem Hintergrund eines möglichen Börsengangs bzw. der dann folgenden Google-Übernahme ausgehandelt – zu den Konditionen eines heiß laufenden Bullenmarktes.

Google versucht nun die jetzt bzw. im nächsten Jahr auslaufenden Verträge  auszuhandeln – allerdings zu Bedingungen, die den Plattfirmen nicht schmecken dürften. Klar ist jedoch: Beide Partner brauchen einander. YouTube verliert ohne lizensierte Musikvideos für die jugendliche Zielgruppe ihren beliebtesten Inhalt, während die schwindsüchtige Musikindustrie den hippen Vertriebskanal als öffentliche PR-Plattform benötigt.  Nachverhandlungen: sehr wahrscheinlich.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige