„New York Times“ in Not: Das Geld geht aus!

Viele halten sie für die beste Tageszeitung der Welt. Darüber kann man streiten. Aber das einflussreichste Blatt der USA ist die „New York Times“ mit ihren 98 Pulitzer-Preisen auf alle Fälle. Und erfolgreich ist sie auch: noch immer verkauft die „Gray Lady“ über eine Million Exemplare, davon sind rund 800.000 Abonnenten. Doch jetzt wurde bekannt, dass die finanzielle Lage des Traditionsblattes dramatisch ist. Bei Schulden von 1,1 Milliarden Dollar beträgt das Cash-Vermögen nur 46 Millionen.

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„NYT“-Verleger Arthur O. Sulzberger: Jetzt
kommen die harten Schnitte

Viele halten sie für die beste Tageszeitung der Welt. Darüber kann man streiten. Aber das einflussreichste Blatt der USA ist die „New York Times“ mit ihren 98 Pulitzer-Preisen auf alle Fälle. Und erfolgreich ist sie auch: noch immer verkauft die „Gray Lady“ über eine Million Exemplare, davon sind rund 800.000 Abonnenten. Doch jetzt wurde bekannt, dass die finanzielle Lage des Traditionsblattes dramatisch ist. Bei Schulden von 1,1 Milliarden Dollar beträgt das Cash-Vermögen nur 46 Millionen.
Doch nun geht ihr das Geld aus. Nur noch 46 Millionen Dollar Cash sollen laut Insidern in der Kasse der New York Times Group sein. Das ist nicht viel für einen Konzern mit rund drei Milliarden Dollar Umsatz. Erschwerend kommt dazu, dass der Traditionsverlag bereits Schulden von 1,1 Milliarden Dollar angesammelt hat. Und es nicht klar ist, ob man überhaupt weiterhin die Zinsen pünktlich bedienen kann. Rating-Agenturen wie S&P oder Moody’s bewerten die Aktie, die in den letzten sechs Monaten über 50% gefallen ist, inzwischen als „Junk“. Neues Geld aufzunehmen ist unter diesen Umständen fast unmöglich. Noch dazu in der heutigen Bankenlandschaft. 
Was bleibt, ist eigentlich nur ein Notverkauf von irgendeinem Asset.. Zur New York Times-Gruppe gehört noch die ebenfalls ums Überleben kämpfende „The Boston Globe“ sowie zwei Dutzend kleinere Regionalzeitungen, von denen einige richtig Geld verlieren, andere halbwegs profitabel sind. Vor einem Jahr hätten man für diese Blätter vielleicht noch ein paar hundert Millionen Dollar erzielt. Aber jetzt? Mitten in der Rezession? Und wer bindet sich heute noch eine Zeitung ans Bein, die im Internet-Zeitalter wie ein sterbender Dinosaurier wirkt…?
Wahrscheinlicher ist, daß die NYT-Gruppe ihren Anteil am „Times Tower“ zu Geld macht, dem schicken neuen Midtown-Verlagsgebäude von Star-Architekt Renzo Piano. Und dann den unteren Teil vom 52stöckigen Gebäude zurückmietet, damit die Redakteure nicht ausziehen müssen. Das sichert erst einmal die Liquidität – für eine überschaubare Zeit.
 
Der neue „Times Tower“ an der
Eighth Avenue zwischen der W 40th and 41th Street.

Aber dann wird es Ernst, dann geht es ans Eingemachte. Dann muß umstrukturiert, gestrichen und gespart werden, sowohl beim Traditionsblatt wie auch im Verlag. Da kann kein Stein auf dem anderen bleiben.
 Erste kleine Schritte sind bereits getan:

  • im Juli hat man den Copypreis von 1 auf 1,25 Dollar erhöht. Das soll 16 Millionen Dollar mehr in die Kassen spülen
  • im August wurde das Format der Zeitung verkleinert. Das spart weitere zehn Millionen Dollar
  • und im September wurden die Teile der Zeitungen gestrafft. Die Sektionen „Metro“ wurde in „News“ integriert, „Sports“ ans Ende vom „Business“-Teil gepackt. Das spart Seiten und noch ein paar Millionen.

Auch wenn einige Redakteure aufmuckten, das waren vergleichsweise schmerzlose Maßnahmen. Denn jetzt muss man ans Herzstück der Zeitung gehen, die Redaktion. Manche sagen, der „Newsroom“ müsse um 30% reduziert werden, andere meinen, mittelfristig müssten mehr als 50% der Redakteure gehen. Dazu muss man wissen, daß die „New York Times“ in der Redaktion die für deutsche Verhältnisse unvorstellbare Zahl von 1.300 Leuten beschäftigt!
Parallel muss der Verlag einen Weg finden, die 1,1 Mrd. Dollar Schulden abzubauen. Man könnte darauf verzichten, Dividenden auszuschütten, hat man jüngst angedeutet. Aber das würde den Aktionären nicht gefallen. Das sind zunächst einmal die Verlegerfamilie Ochs-Sulzberger, die zwar nur knapp 20% der Aktien besitzt, aber fast alle stimmberechtigten Vorzugsaktien. Sie lebt davon, daß sie jährlich von ihrer Zeitung um die 25 Mio Dollar überwiesen bekommt. Wenn das Geld nicht mehr fließt, läuft sie die Gefahr, die Kontrolle über das 1851 gegründete Unternehmen zu verlieren. Denn an der New York Times Company sind neben dem „harmlosen“ mexikanischen Mulitmilliardär Carlos Slim, der 6,4 Prozent hält, vor allem noch zwei aggressive Wall Street-Investmentfirmen beteiligt, die hinter den Kulissen mächtig für Trouble sorgen.
2007 hatte das Unternehmen noch über 200 Millionen Dollar Gewinn erzielt. In diesem Jahr wird es deutlich weniger werden. Im gerade bekannt gegebenen Ergebnissen für das III. Quartal ist der Gewinn um 51% gefallen. Dazu passt die Entwicklung der Aktien. Vor fünf Jahren lag sie noch über 45 Dollar, heute liegt sie um die zehn Dollar. Autsch.
Und die Aussichten werden immer schlechter:

  • Da ist erst einmal die Rezession, von der man hier in den USA sagt, sie könnte die schlimmste Rezession der letzten 25 Jahre werden. Sie dürfte das ohnehin schon schwierige Anzeigengeschäft weiter dezimieren. Und auch Umsätze im Vertrieb kosten
  • und dann ist da die neue Konkurrenz vom „Wall Street Journal“, die inzwischen deutlich frecher und moderner daherkommt als die doch etwas altbackene „New York Times“. Eben Murdoch, nicht Sulzberger.

Dazu kommen die bekannten strukturellen Probleme der Presseindustrie: die lukrativen Kleinanzeigen sind längst ins Internet gewandert und die Jugendlichen, die Zeitungskäufer von morgen, können mit einer „New York Times“ – auf Papier – wenig anfangen.
Bei diesen schwierigen Perspektiven dämmert es allen Beteiligten, dass sie sich die nächsten Jahre mit einem Thema beschäftigen müssen, das für Verlage weltweit die Frage aller Fragen ist: wie lange macht es eigentlich noch Sinn, eine Zeitung auf Papier zu drucken?
Darüber demnächst mehr.

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