Glänzers „Facebook für Wissenschaftler”

Stefan Glänzer ist ein Mann der Tat: „Es geht nur darum, eine richtig gute Idee und eine ebensolche Exekution zu haben." Er weiß ganz genau, wie man erfolgreich Visionen und Geschäftsmodelle entwickelt. Glänzer ist einer der wenigen Deutschen, die im Internet auch auf internationaler Ebene Erfolg gehabt haben. Im MEEDIA-Interview erklärt der ehemalige Last.fm-Chairman und Ricardo-Gründer sein aktuelles Projekt „Mendeley". Das Social Network soll ein neues „Facebook für Wissenschaftler“ werden.

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Stefan Glänzer ist ein Mann der Tat: „Es geht nur darum, eine richtig gute Idee und eine ebensolche Exekution zu haben“. Er weiß ganz genau, wie man erfolgreich Visionen und Geschäftsmodelle entwickelt. Glänzer ist einer der wenigen Deutschen, die im Internet auch auf internationaler Ebene Erfolg gehabt haben. Im MEEDIA-Interview erklärt der ehemalige Last.fm-Chairman und Ricardo-Gründer sein aktuelles Projekt „Mendeley“. Das Social Network soll ein neues „Facebook für Wissenschaftler“ werden.
Der gebürtige Hamburger, der jetzt in London lebt, bezeichnet sich gerne als “Serial Entrepreneur”. Er hat das Auktionshaus Ricardo und die Blogging-Plattform 20six mitgegründet, die später mit Myblog.de fusioniert wurde. Danach hat der ehemalige Discjockey als Chairman bei Last.fm gearbeitet und das Unternehmen im letzten Jahr für 280 Mio. Euro an CBS verkauft. MEEDIA sprach mit ihm über sein neuestes Projekt. 
Herr Glänzer, seit kurzem zeichnen Sie als Executive Chairman von „Mendeley“, das Sie gerne als eine Art “Last fm” für wissenschaftliche Publikationen bezeichnen. Was unterscheidet Mendeley von all den anderen Unternehmen, die auch ein „Facebook für Wissenschaftler“ werden wollen?
In allererster Linie dadurch, dass wir Wissenschaftler einen echten Mehrwert bieten, der nicht auf dem Netzwerkeffekt beruht. Alles in der Wissenschaft startet mit Research, dass heisst am Anfang steht die Auseinandersetzung mit der Literatur. Genau da setzt Mendeley an. Durch einfaches „drag & drop“ der eigenen Literaturfolder in die Mendeley-Software wird die Literaturverwaltung automatisiert und stark vereinfacht. Der Wissenschaftler hat also mehr Zeit, sich mit dem interessanten Teil der Arbeit zu beschäftigen. Metadaten wie Autor, Artikelname, Erscheinungsjahr, Publikation sowie sämtliche Zitationen werden automatisch extrahiert und zur weiteren Arbeit mit der Literatur aufbereitet.  
“Mendeley” ist also ein einfacher Weg, wissenschaftliche Arbeiten zu verwalten…  

Ja, der häufig nervige Teil am wissenschaftlichen Arbeiten – die Verwaltung der immensen Literaturberge – wird stark vereinfacht und verbessert im Vergleich zur heute gängigen Praxis. Mendeley scrobbelt dann im nächsten Schritt alle Metadaten und transferiert sie in das Profil des jeweiligen Wissenschaftlers online – von dort aus startet die Magie von Mendeley. Durch Einsatz von Techniken wie Collaborative Filtering sind wir in der Lage, dem jeweiligen Wissenschaftler personalisierte Empfehlungen zu geben, u.a. zu neuen Artikeln aus seinem aktuellen Forschungsgebiet, Wissenschaftlern mit ähnlichen Interessens- und Forschungsgebieten bis hin zu Konferenzen. Shared Groups, interessante Statistiken sowie alle gängigen Tools eines digitalen Networks – daran wollen wir gemeinsam mit unserer Community in den kommenden Jahren arbeiten. Anders gesagt – was Last.fm mit dem scrobbeln von MP3’s gemacht hat, macht Mendeley mit PDF’s. 
“Mendeley” ist ja nicht Ihre Idee. Wie sind Sie denn an das Projekt gekommen?
Ich habe zwei der Gründer, Victor Henning und Jan Reichelt, 2003 im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der WHU kennengelernt, wo die beiden eine Fallstudie zu meinem Buch „Erfolgsfaktoren schnell wachsender Unternehmen“ geschrieben haben. Das Seminar zu Entrepreneurship scheint ihnen gefallen zu haben, anderenfalls hätten sie mich wahrscheinlich nicht als ersten kontaktiert, als sie ihre Idee zu www.mendeley.com nebst einem ersten Prototypen fertig gestellt hatten. 
Und was machen Sie jetzt konkret bei “Mendeley”? Was muss man sich unter einem „Executive Chairman“ vorstellen? Eine Art Aufsichsratvorsitzenden?
Das englische Unternehmensrecht unterscheidet sich stark von dem Deutschen. Hier wird keine Trennung von Vorstand und Aufsichtsrat vorgenommen, es gibt nur Direktoren, die entweder „executive“ oder „non-executive“ sind. Aber vereinfacht kann man schon von einer Art Aufsichtsratvorsitzender sprechen, aber mit wesentlich stärkerer operativer Einbindung. Konkret – ich versuche meine weniger werdenden Haare zu leveragen, sprich meine Erfahrungen und mein Netzwerk einzubringen. Das fängt bei der Finanzierung an, geht über Human Ressources zu Produkt- und Business-Development – halt alles, was so bei schnell wachsenden Start-ups nötig ist. 
Stichwort Finanzierung: Wieweit investieren Sie bei diesem Projekt persönlich mit? Was kostet “Mendeley”?
Als Founding Investor habe ich die Seedrunde 2007 getragen und werde auch bei der aktuellen ersten Finanzierungsrunde mit investieren, die wir in Kürze bekanntgeben werden. Da sind eine Menge interessanter Menschen dabei, die alle voller Leidenschaft sind daran mitzuarbeiten, die Möglichkeiten, wie Wissenschaftler heute arbeiten, zu verbessern. Wir sind mittlerweile ein Team von 8 Entwicklern plus 3 Gründer, und mittlerweile stecken über 150 Mannmonate an technischer, mathematischer und statistischer Entwicklung in Mendeley, da kommt schon ein bisschen was zusammen. Die Community hilft uns sehr aktiv, Mendeley weiter zu entwickeln – wir haben gestern abend die neue Beta0.6.0 releast.

Ist es angesichts der Krise nicht ein etwas schlechter Zeitpunkt, ein neues, ambitioniertes Internet-Projekt zu starten? 
Wann ist eine gute Zeit, wann ist eine schlechte? Darum geht es nicht und ist es auch in der Vergangenheit nicht gegangen. Last.fm und Skype sind in der Krise 2001/2002 gegründet worden, Xing 2002 – und die Liste liesse sich beliebig verlängern. Es geht nur darum, eine richtig gute Idee und eine ebensolche Exekution zu haben – unabhängig wie das von den sogenannten Experten auch immer aktuell beurteilt wird. Nehmen Sie doch nur mein altes Unternehmen Ricardo. Als wir 1997 die Idee hatten und Finanzierungsgespräche führten, war das Feedback einheilig: Online Auktion funktioniert in Deutschland nicht, keiner will flexible Preise. Heute ist Deutschland der zweitgrösste Markt für ebay. 
In den USA ist die Bereitschaft von Investoren, in Internet-Startups zu investieren, erheblich abgekühlt. Sehen Sie das generell für Europa auch so? 
Ja – da gibt es nichts zu beschönigen. Leider.  
 
An welchen Internet-Firmen sind Sie noch beteiligt?
Da ist schon was zusammengekommen in den vergangenen Jahren, ca. 20 Beteiligungen in Deutschland, UK, Frankreich, Schweden und zunehmend Osteuropa. Moviepilot.de in Berlin ist ein schönes Beispiel, die arbeiten mit extrem viel Leidenschaft und Talent an einer wunderbaren Filmcommunity. Amiando.com verändert die Organisation von Events, und gerade habe ich mich an der Neugründung kaufda.de beteiligt.

Und was kommt als nächstes? 

Was Neues aus der Welt der Musik reizt mich immer, da bin ich dran. 

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