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Vor dem Sparpaket: die „WAZ“-Blattkritik

Bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, Deutschlands größter Regionalzeitung, scheint der Reformdruck mächtig groß zu sein. Obwohl das Blatt auch 2008 eine beträchtliche Rendite abwirft, wurde der Seitenumfang im Sommer von 48 auf 32 heruntergefahren. Ein massiver Stellenabbau sowie die Einführung eines zentralen Newsrooms („Content Desk“) ist beschlossen. Und trotz eines noch laufenden Vertrages mit der […]

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Bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, Deutschlands größter Regionalzeitung, scheint der Reformdruck mächtig groß zu sein. Obwohl das Blatt auch 2008 eine beträchtliche Rendite abwirft, wurde der Seitenumfang im Sommer von 48 auf 32 heruntergefahren. Ein massiver Stellenabbau sowie die Einführung eines zentralen Newsrooms („Content Desk“) ist beschlossen. Und trotz eines noch laufenden Vertrages mit der Deutschen Presse-Agentur verzichtet die Zeitung seit Anfang der Woche auf dpa-Meldungen.
Dass Sparen kreativ machen kann, ist eine alte Blattmacher-Weisheit. Wir bei MEEDIA waren neugierig, wie eine dpa-freie Zeitung daherkommt und haben uns die „WAZ“ am Bahnhofskiosk besorgt. Das Ergebnis war ernüchternd, und leider hat das mit der dpa gar nichts zu tun. Um sicher zu gehen, haben wir unser Leseexperiment wiederholt – und kamen zum gleichen Schluss: Das Flaggschiff der WAZ-Gruppe befindet sich qualitativ in ganz schwerem Fahrwasser.
Grund eins ist die drastische Verringerung der Umfänge. Dabei geht es nicht nur um den Verlust an Nettoseiten, sondern um die verschachtelte Blattstruktur. Die „WAZ“ ist in 4 Bücher à 8 Seiten aufgeteilt. Die verteilen sich auf Mantel, Sport, Lokales und Kultur. Diese Struktur wirkt wie ein Korsett. Während der Sportteil weitgehend anzeigenfrei bleibt, quillt das Lokale in der Vorweihnachtszeit von großflächiger Werbung über. Für Redaktionelles bleibt auf solchen Seiten kaum Platz, auf Bebilderung könnte auf vielen Seiten getrost ganz verzichtet werden, denn sie würde sowieso optisch von Discounter-Motiven erschlagen. Das 4 mal 8 Konzept führt auch dazu, dass Leser den Wirtschaftsteil von hinten nach vorne lesen müssen, da die Börsenkurse und das Kleingedruckte vor der Aufmacherseite stehen. Da scheint es nur konsequent, dass man bei der „WAZ“ auf Seitenzahlen (Paginierung) ganz verzichtet. Auch das Weglassen der dpa-Meldungen erscheint nur konsequent, weil auch der Platz fehlt, die teuren Agentur-News zu drucken.
Grund zwei ist die redaktionelle Qualität im Lokalteil, eigentlich die Königsdisziplin einer Regionalzeitung. Die Essener „WAZ“-Ausgabe bringt am Mittwoch als Aufmacher den Fall „südländisch aussehender Frauen“, die angeblich in Kirchen Handtaschen stehlen. Das ist bitter für die Diebstahlsopfer und zugleich peinlich für eine große Regionalzeitung. Eine Nachricht, die wohl eher in die Polizeimeldungsspalte gehört, wird für eine Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern zur Hauptsache. Ist da wirklich nicht mehr zu holen? Am Donnerstag lautet die Headline des Lokal-Aufmachers „Schulen wollen Küchen“, die Spitzen-News ist „Anlaufstelle für Familien öffnet probeweise“. Lokalteile, die so daher kommen, sind ein journalistischer Offenbarungseid. Fällt das niemandem auf? Oder ist es egal, solange die Kunden ihre Anzeigen schalten?
Grund drei ist der Mantelteil. Die Schlagzeile am Donnerstag „Shopping-Schecks für alle?“ greift eine Forderung der SPD-Linken Andrea Nahles auf, die zur Ankurbelung der Konjunktur Geldgeschenke des Staats an alle Bundesbürger verteilen will. Ein solcher Nonsens hat nicht mal in der Partei Aussichten, die 5%-Hürde zu überspringen und wurde von Finanzminister Steinbrück als „absurder Unsinn“ abgetan. Die „WAZ“ aber bringt dazu neben dem Aufmacher und einer Umfrage unter Prominenten vier weitere Artikel auf den Seiten zwei und drei. Warum so viel Mühe, wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit der zugrunde liegenden Forderung bei null komma null liegt? Dass jedes vierte Autohaus in Deutschland (und damit auch in Essen) in seiner Existenz gefährdet ist, liest der „WAZ“-Abonnent nur klein. Dass ein Maschinenbautechniker bei einer Zeitarbeitsfirma zum Stundenlohn von 2,71 Euro brutto arbeiten sollte, ist der Redaktion lediglich eine Meldung wert. Und interessiert doch vielleicht mehr Leser als die politische Seifenblase von Frau Nahles. Dafür bekommt die Reportage über den „Knastladen“, in dem Gefangene Dekoratives basteln (in der aber kein Gefangener zu Wort kommt) eine halbe Zeitungsseite – ein merkwürdiges Ziehharmonika-Prinzip, bei dem Wichtiges komprimiert und Belangloses aufgeblasen wird.
Vielleicht ist es keine schlechte Idee, beim Sparen die Qualität nicht zu vergessen. Denn die scheint bei der „WAZ“ eine gefährdete Art zu sein – und das, wie der Blick in die aktuellen Ausgaben zeigt, schon vor den Sparmaßnahmen.

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