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Modemagazine erfinden die ‚Recessionistas‘

Erst gab es den „heroine chic“, dann die Anhänger des „lifestyle of health and sustainability“, kurz Lohas. Eine neue Form der modischen Verweigerung wird nun als „recession chic“ gefeiert: Nur wer auf´s Geld achtet, darf es ausgeben. So sieht es auch die Bloggerin Mary Hall. Die kaufkräftige Fashionista schrumpfte infolge sinkender Budgets zur „Recessionista“ – und vermarktet die Krise als neues Lifestylegefühl: „Dieses Blog ist eine Informationsquelle für Mode in Zeiten der Rezession!“

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Hall, die eigentlich als Marketing-Managerin für IBM arbeitet, gibt auch gleich ein Motto aus: „surviving the recession.“ Die Kalifornierin ist nicht die einzige, die diesen Trend bedient. Schaut man sich US-Modeblogs und Fashionportale an, blinkt einem an allen Ecken und Enden der „frugal chic“ (schlichter Schick) entgegen: Hier sparen, dort Coupons abgreifen. Kurz nach den „Lohas“ haben die Recessionistas die Zeichen der Zeit erkannt und geben sich schlicht, genügsam und ganz geerdet. „Frugal“ eben.

Doch was macht das Wesen dieser neuen Entwicklung aus? Geld sparen allein ist es nicht, denn – seien wir ehrlich – all diese Recessionistas werden genug Geld auf dem Konto haben, um sich weiterhin die wöchentliche Pediküre leisten zu können. Das Wesen des Trends liegt eher darin, zu entbehren –  und sich dabei gut zu fühlen. Es ist die selbstauferlegte Sparsamkeit, welche die Enthaltsamen über die anderen erhebt. Tue Gutes und sprich darüber. Oder „do more with less“, wie Hall schreibt.

Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass die Wirtschaftskrise – sieht man von Tageszeitungen und Wirtschaftstiteln ab – vor allem in Frauenzeitschriften und -Blogs abgehandelt wird. Laut einer Studie von Consumer Reports, dem US-Äquivalent der Stiftung Warentest, sind Frauen derzeit eher dazu bereit, Kosten zu sparen und das besonders in den Bereichen, die über die alltäglichen Bedürfnisse hinausgehen. So gaben 63 Prozent der befragten Frauen an, in diesem Jahr vor allem bei Weihnachtsgeschenken aufs Geld zu achten – im Gegensatz zu 36 Prozent der befragten Männer.

Spätestens seitdem die „New York Times“ vor wenigen Wochen einen Artikel über den Aufstieg der Recessionistas brachte, ist auch für die breitere Masse der beschämende Aspekt des Sparen-Müssens dem wohltuenden des Sparen-Wollens gewichen. Das Modewort „Recessionista“ sei daran nicht ganz unschuldig, mutmaßt Sprachforscher Paul McFedries. Man musste nur ein Wort erfinden, „dass die Dinge nicht ganz so schlecht aussehen lässt, wie sie tatsächlich sind.“ Denn letzten Endes geht es ja immer noch darum, Dinge zu verkaufen – auch für die Modemagazine.

Die „New York Times“ war nicht die erste, die das Wort „Recessionista“ gebrauchte – die Zeitung darf sich aber trotzdem über ihr untrügliches Trendgespür freuen: Schon 1872 benutzte die „Grey Lady“ eine ähnlich symbolkräftige Wortschöpfung: Mit „Progressistas“ umschrieb die „NYT“ vor mehr als 130 Jahren ihre jungen, vorwärtsstrebenden Landsleute; die Vorfahren der Recessionistas.

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