„Ein harter Winter für die Medienbranche“

Die dramatischste Wirtschaftskrise der vergangenen Jahrzehnte zieht immer weitere Kreise. Vor allem die zyklische Medienbranche ist vom Abstieg in die Rezession besonders hart betroffen. MEEDIA sprach mit Friedrich Schellmoser, Vice President Global Research bei der bayerischen HypoVereinsbank (HVB), über das Ausmaß der Krise und wie es um die größten börsengelisteten Medienunternehmen – allen voran ProSiebenSat1. und Premiere – bestellt ist.

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MEEDIA: Wir erleben in diesen Tagen den Beginn der vermeintlich schärfsten Wirtschaftkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Aktienmärkte befinden sich auf einer dramatischen Talfahrt, die Rezession hat gerade  begonnen. Wie schlimm trifft es die Medienbranche?

Friedrich Schellmoser: Ökonomen gehen davon aus, dass es die schwerste Wirtschaftkrise seit dem Zweiten Weltkrieg werden könnte. Ob es so schlimm kommt, weiß ich nicht. Fest steht für mich jedoch: Dies ist das Anfangsstadium des konjunkturellen Abschwungs, der die Wirtschaft bis weit in das nächste Jahr hinein begleiten dürfte.

An der Börse sind die Marktteilnehmer gerade dabei, die Rezession einzupreisen. Zwar wäre eine Gegenreaktion logisch, ich glaube aber nicht, dass wir schon die Tiefstkurse gesehen haben. Insofern muss man jetzt nicht kaufen. Allerdings glaube ich auch nicht, dass wir die Tiefs von 2003 bei 2200 Zählern noch mal sehen werden.  

Wie sicher sind Sie, dass wir 2009 in einer Rezession bleiben und eine große Medienkrise erleben werden?

Werbeeinnahmen verlaufen immer in Zyklen. Es kann hier sehr schnell zu großen Einbrüchen kommen, weil es für Großkonzerne der einfachste Weg ist, schlagartig Kosten zu reduzieren. Gerade auch im Bereich von Nichtabonnements dürften die Einbrüche zu spüren sein – Tageskäufe können schnell zurückgehen.

Andererseits könnten zum Jahresende prozyklische Werbeeinahmen stützen. Viele Anzeigen sind im Vorfeld gebucht worden, und gerade die Finanz- und Autoindustrie versucht vor dem Weihnachtsgeschäft und der Einführung der Abgeltungsteuer noch aktiv zu werden.  

Dieser Effekt läuft aber schnell aus. Was erwarten Sie für 2009, welche Unternehmen dürfte der konjunkturelle Abschwung besonders hart treffen?

Das ist sehr unterschiedlich zu beurteilen. In den verschiedenen Segmenten des Mediensektors als auch hier bei den einzelnen Unternehmen. RTL z.B. hat bei den jüngst veröffentlichten Quartalszahlen deutlich gemacht, dass die Krise das Unternehmen bislang kaum getroffen hat. Anders sieht es bei ProSiebenSat.1 aus – die Aktien würde ich derzeit nicht mit der Kneifzange anfassen.

Warum?

Bei  ProSiebenSat.1 belasten in allererster Linie die immensen Schulden, die durch die Übernahme der Private Equity-Gesellschaften Permira und KKR entstanden sind. Per Ende des dritten Quartals belaufen sich die Verbindlichkeiten auf immense 3,85 Milliarden Euro – damit ist der Schuldenstand in den zurückliegenden drei Monaten noch einmal um 160 Millionen Euro angewachsen. Allein 250 bis 260 Millionen Euro müssen pro Jahr für die Bedienung der Zinsen aufgebracht werden. Die Lage ist also höchst prekär.   

Und was ist bei Premiere?

Premiere ist nicht nennenswert von der Krise betroffen. Hier sind es andere Probleme, die mich von einem Kauf der Aktie abhalten. Mit dem Zuschlag für die Bundesligarechte in der vorletzten Woche hat das Unternehmen zumindest die Grundvoraussetzung für eine Sanierung erfüllt. Das war auch notwendig, denn ohne die Bundesligarechte hätte es kein Szenario für das dauerhafte Überleben des Unternehmens gegeben – Premiere ist in erster Linie der Bezahl-TV-Sender, der die Bundesliga ins Wohnzimmer holt.

Trotzdem glaube ich, dass das Unternehmen bis 2010 ein dreistelliges Minus schreibt. Die Fantasie der Aktie lebt derzeit in erster Linie von Übernahmespekulationen.

Sie meinen Rupert Murdoch?


So sieht es zumindest der Markt. Sein Medienkonglomerat NewsCorp. hält inzwischen 25,01 Prozent an der Gesellschaft – genug, um Spekulationen für eine komplette Übernahme aufkommen zu lassen.

Sie glauben nicht daran?

Warum sollte Murdoch das tun? Er hält eine Sperrminorität, dominiert den Aufsichtsrat, und seine Mitarbeiter sitzen in allen wesentlichen Führungspositionen des Unternehmens. Diese Position kann ihm kein weiterer Interessent an Premiere streitig machen. Zudem ist er, rechtlich gesehen, nicht verpflichtet, ein Übernahmeangebot abzugeben, selbst wenn er die 30%-Schwelle überschreiten würde, da Premiere rechtlich als „Sanierungsfall“ gilt. Dieses Label würde einen (potenziellen) Bieter von der ansonsten obligatorischen Übernahmepflicht befreien.

Und selbst wenn Murdoch diese Ausnahmeregelung nicht ziehen sollte, wird es für ihn mit jedem Tag billiger, ein Übernahmeangebot abzugeben. Schon in den nächsten Wochen wird der relevante Mindestübernahmekurs (volumensgewichteter Durchschnittskurs der letzten 90 Tage) unter den gegenwärtigen Aktienkurs fallen.

Und was ist mit dem Einstieg vom italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi?

Der hält über sein Unternehmen Fininvest SpA nun 3,13 Prozent an Premiere, aber das bedeutet nicht, dass er jetzt gegen Murdoch gegenhalten will und sich ein Wettbieten liefert. Ich glaube, er setzt entweder auf ein Übernahmeangebot oder zumindest auf eine langfristige Sanierung des Unternehmens durch Murdoch. Also: entweder er ist Spekulant oder „Mitläufer“.

Welche Entwicklungen sehen Sie sonst noch in der TV-Landschaft?

Dass wir vor einem harten Winter stehen! Nehmen sie Vizrt, ein norwegischer Mediensoftwarekonzern, der  seit vielen Jahren ein beeindruckendes Wachstum hingelegt hat und im dritten Quartal immerhin noch  um 19 Prozent gewachsen ist. Was passiert jetzt?  Die haben in einigen Bereichen nun hohe Einbrüche im Auftragseingang und zudem hohe Stornierungsquoten. Nicht weil die Produkte schlechter sind – im Gegenteil. Aber weil die Angst in den Medienkonzernen umgeht und nun schlagartig gespart wird, wo gespart werden kann.

Wann rechnen Sie mit einem Ende der Krise?

Das ist seriös nicht abzuschätzen. Um aber die Vergangenheit zu bemühen: Bärenmärkte enden selten in einem Rutsch. Ich glaube nicht, dass sich die konjunkturelle Lage vor 2010 merklich verbessert. Auch ist der Sättigungsgrad der Medienbranche seit dem letzten zyklischen Abschwung (2001/2003) weiter vorangeschritten, was dieses Mal einen noch stärkeren Einbruch erwarten lässt. Noch düsterer ist die jüngste Prognose der Rating-Agentur Fitch, die sogar vor 2011 keinen Aufschwung sieht.

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