Phantom-Debatte: Die Rolle des Wirtschaftsjournalismus in der Finanzkrise

Seit jeher wird viel geredet in den Medien. Untereinander, aber am liebsten: übereinander. Was aber, wenn ein ganzes Segment in Sippenhaft genommen wird und sich dem Vorwurf stellen muss, kollektiv versagt zu haben? Das war in den letzten Wochen des öfteren zu hören – und wurde dann genauso leidenschaftlich dementiert. Doch fest steht: Wirkungstreffer sind […]

Werbeanzeige

Seit jeher wird viel geredet in den Medien. Untereinander, aber am liebsten: übereinander. Was aber, wenn ein ganzes Segment in Sippenhaft genommen wird und sich dem Vorwurf stellen muss, kollektiv versagt zu haben?

Das war in den letzten Wochen des öfteren zu hören – und wurde dann genauso leidenschaftlich dementiert. Doch fest steht: Wirkungstreffer sind geblieben. Das wurde nicht zuletzt gestern auf der Verleihung des Ernst-Schneider-Preises deutlich.

Die Stimmung vor dem Festakt des hochkarätigsten Preises der deutschen Wirtschaftspublizistik, der zum 37. Mal von den Industrie- und Handelskammern ausgeschriebenen und in insgesamt 9 Kategorien vergeben wurde, war in Moll gehüllt.

Prügelknabe Wirtschaftsjournalismus: Die Finanzmarktkrise zu spät erkannt?

Die Republik steckt seit einigen Wochen offiziell in der Rezession – vermutlich der schwersten seit dem zweiten Weltkrieg –, der Dax nimmt momentan Kurs auf das schlechteste Börsenjahr seit Bestehen des Index, und in den Wirtschaftsredaktionen der Republik grassiert seit Wochen eine massive Spar- und Kündigungswelle.

Zeit also für die Branche, sich Mut zu machen. Das war gestern der unverkennbare  Tenor in der Hamburger Handelskammer. Entsprechend standen die Arbeiten im Fokus, die die kommende Krise vor ihrem Ausbrechen bereits thematisiert hatten – allen voran Stern-Autor Kasten Lemm, der in seinem im April 2007 erschienenen Artikel  „An diesem Haus hängt unser Wohlstand“ die absurden Realitäten auf dem US-Immobilienmarkt beschrieben hatte und dafür im Bereich „Wirtschaft in überregionalen Printmedien“ ausgezeichnet wurde.

Als Ritterschlag wurde dem US-Korrespondenten dann die Ehre zuteil, die Abschlussrede der Veranstaltung zu halten, die nicht nur zu lang geriet – sondern auch daran scheiterte, Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Die Krise als Chance: Warren Buffet kauft Aktien in Milliardensummen nach, Forbes bringt sich selbst auf das Cover seines Magazins und verkündet, wie er den Kapitalismus rettet, und die führende Finanzwebsite TheStreet.com erzielt neue Reichweitenrekorde.

Allgemeine Verunsicherung: Hat der Wirtschaftsjournalismus versagt?

So weit, so banal. Die reflexartig hervorgebrachten Hoffungsträger vergangenen Wochen offenbaren, wie tief die Verunsicherung einer Branche ist, die sich seit dem Aufkommen der Finanzmarktkrise dem unterschwelligen Vorwurf ausgesetzt sieht, versagt zu haben. Was ist von dieser Unterstellung, die – mal mehr,  mal weniger stark – durch die öffentliche Debatte geistert, zu halten?

Mit einem Wort: Sehr wenig – nämlich gar nichts. Verlagsübergreifend wurde das Aufkommen der Subprime-Krise in den vergangenen 18 Monaten thematisiert, analysiert und kommentiert – sei es von Henrik Müller im Manager Magazin, Gabor Steingart im Spiegel, in vielen gut recherchierten Artikeln in der „Wirtschaftwoche“, „FTD“ oder „Handelsblatt“.

Die Grundhaltung, die bei dieser Unterstellung mitschwingt, lautet: Journalisten müssten nicht nur die genauen Symptome unserer Zeit beschreiben. Sie sollten am besten auch als Seher dafür gut sein, den Leser vor kommendem Unheil fernzuhalten: also Journalist, Analyst und Fondsmanager in Personalunion sein. Dabei wird gern übersehen, dass dieser anlegerorientierte Journalismus in anglo-amerikanischer Form in der deutschen Medienlandschaft wenig Tradition hat.

TV-Preis an Stefan Aust für den Dreiteiler „Wettlauf um die Welt“

Und doch scheint das unterschwellig erwartet – zumindest im Nachhinein hofiert zu werden. Stefan Aust, der gestern für seinen sehenswerten Dreiteiler „Wettlauf um die Welt“ ausgezeichnet wurde, zollte dem Kollegen Lemm Tribut, als er erklärte: Er habe das Ausmaß der Krise im März 2007 nicht in dem Maß kommen sehen wie der Kollege vom Baumwall. Und mit ihm Tausende Journalisten, Fondsmanager und Millionen Anleger nicht.

An der Börse – das wusste bereits André Kostolany – ist 2+2 niemals 4, sondern oft: 5-1. Was wir in diesen Tagen eines veritablen Jahrhundertcrashs erleben, kommt eher ein Gleichung von 10 – 6 gleich. Nichts ist, wie es früher war: Die alten Regeln – sie gelten nicht mehr. 

Die Wirtschaftspresse tut gut daran, in diesen Krisentagen weiter so sorgfältig, spitzfindig und investigativ zu berichten, wie es sich für guten Journalismus gehört. Aber sie muss sich nicht  unbedingt dazu berufen fühlen, als Portfoliomanager prophetisch mit dem Ausmaß der Krise zu jonglieren wie mit Derivaten, fünf Prozent vor der Knockoutschwelle.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige