„Konsequent weg von den Neuen Medien“

Der Führungswechsel beim Satire-Magazin "Titanic" ist auch ein Generationswechsel: Der bisherige Chefredakteur Thomas Gsella (50) wird von dem 26-jährigen Leo Fischer abgelöst - ein Coup? Gsella erklärt seinen Verzicht damit, sich künftig der Lyrik widmen zu wollen. Fischer dagegen lässt durchblicken, dass der Kampf um die Macht auch bei "Titanic" kein Kindergeburtstag ist. Deutschlands wohl jüngster Chefredakteur über persönliche Opfer, Zukunftsstrategien und warum die Anzeigenkrise unwichtig ist.

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Herzlichen Glückwunsch. Sie sind womöglich der jüngste Chefredakteur eines Magazins in der Bundesrepublik. Mussten Sie Gewalt anwenden, um so früh auf diesen Posten zu kommen?

Nicht sehr viel mehr Gewalt, als bei solchen Verteilungskämpfen üblich. Die Kollegen sind alle schon etwas älter und dementsprechend gebrechlicher. Deshalb fehlt es ihnen auch an Widerstandskraft, wenn jemand sich mit einem Mindestmaß an Brutalität auf einen solchen Sessel setzt.

Ist der Wechsel harmonisch verlaufen, war Gsella müde?

Von Müdigkeit möchte ich nicht sprechen. Er sucht jetzt eher die Möglichkeit, sich als Dichter, als Autor zu verwirklichen. Die administrativen Aufgaben, die mit dem Amt des Chefredakteurs einhergehen, waren vielleicht seiner zarten Künstlerseele nicht behaglich. Wahrscheinlich war es auch das viele Geld und die wenige Arbeit, die ihn abschreckte.

War das eine programmatische Entscheidung der Redaktion, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass bei der „Titanic“ nicht die normalen Gesetze der Macht gelten?

Nein. Ich glaube, es geht bloß darum, irgendwelches Frischfleisch als Kanonenfutter an die Front zu werfen, das sich dann möglichst schnell verbrauchen und vernichten lassen kann.

Und Ihre Großzügigkeit reicht soweit, diesem Wunsch voll zu entsprechen?

Richtig. Ich war schon immer sehr gütig.

Angesichts Ihrer Jugend denken viele an einen Generationswechsel bei der „Titanic“.

Es werden natürlich Stellen jetzt neu besetzt. Wir hoffen, dass wir nach den Massenentlassungen bei Gruner+Jahr Leute von „Capital“, „Financial Times“ oder Börse online bekommen. Wir rechnen mit zehn bis fünfzehn Redakteuren allein für das Wirtschaftsressort – wenn wir da qualifizierte Leute bekommen.
Wir sind ja Gott sei Dank von den Einbrüchen im Anzeigengeschäft überhaupt nicht betroffen, weil wir grundsätzlich keine Anzeigen im Heft haben. Deshalb ist „Titanic“ als wahrscheinlich einziges Presseprodukt in der Bundesrepublik weitgehend stabil.


Was werden Sie inhaltlich anders machen als Ihr Vorgänger Thomas Gsella?

Wir wollen uns unbedingt von den neuen Medien wegbewegen: weg vom Internet, weg von Online-Inhalten. Wir wollen verstärkt wieder zum Print-Geschäft zurückkehren und konsequent jede Neuerung ignorieren. Wir haben jetzt eine aufwändige Redaktionsrenovierung hinter uns, haben ein Rohrpost-System legen lassen. Wir wollen weg vom 21. Jahrhundert, zurück in die Zukunft.

Zur Zeit leidet die gesamte Branche unter den Folgen der Rezession, der Anzeigenmarkt ist in der Krise. Wie geht es der „Titanic“?

Wir haben eine Druckauflage von knapp 100.000, die verkaufte Auflage ist natürlich etwas geringer, aber seit Jahren stabil. Wir haben wirklich keinen Grund, uns zu beklagen.

Falls Sie eine Blattkritik am aktuellen Heft durchführen würden – was würden Sie sagen?

Ich finde das ganze Heft großartig, es ist ja schließlich von mir. Das einzige, was ich ein bisschen vermisse, ist etwas frische Luft – eine Reportage, ein Hintergrundbericht, Aktionssatire. Das ist etwas, das in Zukunft wieder verstärkt auftreten sollte.

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