Kerner in der Kritiker-Gunst leicht vorne

Im Krisenjahr 2008 spitzte sich auch das Ritual der Fernseh-Jahresrückblicke zu. Kerner vs. Jauch, RTL gegen ZDF. Beide Sender schickten ihre Alles-Moderatoren am selben Sonntag zur selben Sendezeit auf Sendung. „Menschen 2008“ hieß Kerners Rückblicks-Revue im ZDF, „2008! Menschen, Bilder, Emotionen“, hieß Jauchs Pendant bei RTL. Jauch hatte zwar mehr Zuschauer. Bei der Kritik hatte Kerner am Ende hauchdünn die Nase vorne. Was nicht viel heißen muss.

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„Kerner beginnt im ZDF mit einer Katastrophe“, schreibt „sueddeutsche.de“ doppeldeutig. Gemeint ist der Beinahe-Unfall eines Airbus auf dem Flughafen Hamburg im März des Jahres, der bei Kerner bis ins letzte Detail durchgehechelt wird. Die Katastrophe ist also weniger der Beinahe-Unfall, sondern vielmehr die ZDF-Aufbereitung des eigentlich längst vergessenen Themas.

Sportsmann Kerner lässt später die Fußballer Lehmann, Schweinsteiger und Ex-Titan Kahn auflaufen. Letzterer wird von Kerner ausführlich bewienert, „als müsse er nach dem Ende seiner Torwartkarriere mindestens Bundeskanzler werden.“ (FAZ.net)

Kerner schenkte dem jeminitischen Mädchen Nujood Ali, das sich erfolgreich gegen eine Zwangsheirat wehrte, eine Stoffschildkröte und interviewte routiniert den ehemals schwangeren Mann. Leute wurden auf der Straße nach Erlebnissen und vor allem ihrem Hit des Jahres gefragt, den sie dann kurz ansingen mussten. Schon immer der eigentliche Markenkern der ZDF-Sendung „Menschen“.

„Scheinbar brüderlich“, so konstatiert „Focus.de“ seien alle möglichen Gesprächspartner zu den „Top-Themen 2008“ zwischen RTL und ZDF aufgeteilt worden. So konnte Jauch bei RTL immerhin mit den Fußballern Lahm und Ballack (zugeschaltet mit Kaminfeuer) aufwarten. Wobei: „Top-Themen“ abseits von den Sport-Ereignissen Olympia und Fußball-EM fehlten bei beiden Jahresrückblicken. „Bankenkrise – war da was?“, fragt nicht zu Unrecht die Kritik bei „sueddeutsche.de“. Und dann war da doch noch was, oder? Diese Wahl in den USA… „Merkwürdig und angesichts des Medienhypes bei Vorwahlen und der Wahl im November unverzeihlich für einen Rückblick: Die US-Wahl spielte bei Kerner so gut wie keine Rolle. Bei RTL war sie immerhin Teil eines absurden Trailers der Pleiten, Pech und Pannen des Jahres mit Politik, Kriegen und Tragödien mixte“, so DWDL.de. Aber wer braucht schon Obama, wenn man Michael Hirte hat? Jauch kürte den Straßenmusikanten zum Mann des Jahres, weil er die RTL-Show „Das Supertalent 2008“ gewonnen hat. Bei soviel Chuzpe durfte einem schon mal kurz der Mund offen stehen bleiben.

Die beiden TV-Großkritiker Peer Schader und Stefan Niggemeier diagnostizieren bei „FAZ.net“ denn auch zutreffend: „Die RTL-Show spielte in einem viel größeren Maße im RTL-Universum und bemühte sich viel weniger um eine Illusion von Vollständigkeit oder Relevanz.“ Wobei die Betonung auf dem Wort „Illusion“ liegen dürfte.

Bei „sueddeutsche.de“ lautet das Fazit weniger geschliffen formuliert: „Zusammenfassend gab es bei RTL mehr Show und im Zweiten die journalistisch wertvolleren Rückblenden, aber das hätte man sich wohl vorher denken können.“

Kerner hat in der Gunst der Kritiker also leicht die Nase vorne. Weil er im ZDF nicht ganz so penetrant Eigenwerbung machte wie Jauch bei RTL. Weil er mit dem jeminitischen Mädchen und dem schwangeren Mann wenigstens zwei interessante Gesprächspartner hatte, weil er eine Schalte zum TV-Kritiker und Alt-Entertainer Marcel Reich-Ranicki hatte und Jauch bloß eine Schalte zu Ballack und weil Kerner die Leute auf der Straße Liedchen trällern ließ. So banal ist das.

Schader/Niggemeier fassen alle Kritik zu dem durchwachsenen Doppel-Rückblick im allerersten Satz ihres Artikels zusammen: „Es ist nur ein Gerücht, dass ZDF und RTL am Sonntagabend Jahresrückblicke ausgestrahlt haben. Im ZDF lief eine XXL-Version der Talkshow ‚Johannes B. Kerner’, RTL zeigte eine Art ‚Stern TV Ultra’.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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