WAZ-Insider

Wie fühlen sich rund 900 Redakteure, wenn sie gesagt bekommen, dass es für knapp ein Drittel von Ihnen (261) bald keine Arbeit mehr gibt? Im Blog Medienmoral-nrw.de schütten sie ihre Herz aus, analysieren die Hintergründe und Hintermänner der vertrackten WAZ-Situation und lassen ihrer Wut freien lauf. Der Eintrag zur Betriebsversammlung in der Essener Lichtburg trägt […]

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Wie fühlen sich rund 900 Redakteure, wenn sie gesagt bekommen, dass es für knapp ein Drittel von Ihnen (261) bald keine Arbeit mehr gibt? Im Blog Medienmoral-nrw.de schütten sie ihre Herz aus, analysieren die Hintergründe und Hintermänner der vertrackten WAZ-Situation und lassen ihrer Wut freien lauf.

Der Eintrag zur Betriebsversammlung in der Essener Lichtburg trägt die Überschrift „Überwiegend Enttäuschung: Kündigungen nicht von Tisch.“ Dann schildert der anonyme Autor seine Eindrücke: Bodo Hombach versicherte ein „Maximum an Sozialverträglichkeit“, er sagt aber nicht, dass es keine Betriebsbedingen Kündigungen geben würde und auch nicht welche Redaktionen geschlossen werden sollen. „In der Versammlung wurden zwei Modelle zur Konsolidierung gegenübergestellt. Das Modell der Unternehmensberatung Schickler ist vom betriebswirtschaftlichen Ansatz dominiert und stellt ein reines Zahlenfeuerwerk dar. Verblüffend offen wurde zugegeben, dass das angestrebte Sparziel von 30 Mio. Euro pro Jahr die Marschrichtung vorgab und nach den Vorstellungen der Beraterfirma mit der Trennung von rund 270 Mitarbeitern erkauft werden müsse. Eine aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht nahe liegende Option sei gewesen, die Redaktion der Westfälischen Rundschau aufzugeben. Dieses, so sagte Berater Lafrenz, sei von der Geschäftsführung ausdrücklich nicht gewünscht“, erzählt das Blog

Nach der Präsentation der externen Berater, stellten die Betriebsräte ihr Model vor. Bis Ende Januar 2009 wollen die Verlagsmanager zusammen mit den Arbeitnehmervertretern versuchen, eine gemeinsame Regelung zu finden.

So viel zum offiziellen Posting. Dann folgen die Kommentare und in ihnen schlägt das Herz der Belegschaft.

„WAZler“ beschäftigt sich mit der Frage, was passiert wäre, wenn klar gesagt worden wäre, welche Lokalredaktionen geschlossen werden: „Was hätte es heute für Aufschreie gegeben, wären die einzelnen Redaktionen durchdekliniert worden. Aber die Salamitatik geht auf, schön Scheibchenweise, dann wird es vom Fußvolk auch besser verdaut. Mal eben in der Lokalredaktion deren Exitus bekannt zu geben, da findet nicht der große Aufschrei statt.
Leute, die Pläne für das Lokale müssen auf den Tisch, der Schwebezustand ist doch längst unerträglich.“

„Traumwandler“ schreibt: „Ich dachte bislang, dass wir Mitarbeiter kaum was bewegen können. Nun staune ich: Offenbar haben die Herren in der Geschäftsleitung die Hosen voll! Herr Reitz sass still und züchtig auf seinem Platz, Herr Hombach will es harmonisch haben, ein Reitz-freier neuer Chef für die WR… und weil die offenbar richtig Angst hatten, jemand könne mit Tomaten nach ihnen werfen, engagieren sie noch die Security.“

„Wir im Lokalen gehen seit Wochen am Stock. Hoch motiviert sollten wir nach Hause gehen, meinte Bodo H.. Haha. Diese Ungewissheit macht einen doch völlig fertig. Ich kenne mehrere Kollegen, die haarscharf am Rande einer Depression entlangschrammen. Ist das eigentlich erlaubt, so mit Menschen umzugehen? Ach, nee, wir sind ja Kostentreiber. Hatte ich einen Moment lang aus den Augen verloren. Soll nicht wieder vorkommen“, postet „shusl“

„Aussteiger“ dagegen ruft zum unbefristeten Streik auf. Denn: „Betriebsbedingte Kündigungen von dem Ausmaß kommt zwischen Rhein und Ruhr einem berufsverbot gleich: Wo sollen denn die Kollegen neue Jobs finden ? Der Markt gibt keine neuen Redakteursstellen her.“

Die Diskussion beschäftigt sich aber auch mit der Frage, dass die Verlagsmanager in den letzten Jahren zu viele Marketing-Fehler gemacht hätten und die immer mehr den lokalen Fokus – den USP der WAZ – Kaputtgespart hätten. „Wenn mit dem Endprodukt dann was nicht stimmt, der Kunde es nicht mehr attraktiv genug findet um es zu kaufen, muss das Produkt eben wieder attraktiv gemacht werden: Wieder in die Fläche und in die Tiefe gehen, mehr statt weniger Lokalseiten (deswegen kaufen die Leute doch ‘ne Tageszeitung, den Inhalt des Mantels könnten Sie in weiten Teilen auch in der FAZ oder SZ finden“, meint „VogelfreierKnipser“.

Auch den Öffentlichen Auftritten des WAZ-Chefredakteurs Ulrich Reitz erregen sich die Gemüter: „Dann ließe sich sicherlich gut an seinen reitzenden Auftritten sparen … noch so eine Zahl, die kursiert: ein Selbstdarstellungs-im-Presseclub-sitzen-so-viele-Kompetentere-die-mir-die-Schau-stehlen-Wirtschaftsforum koste im sechsstelligen Bereich für Diskutanten, die nur gegen Honorar mit ihm aufs Podium stiegen, Einladungskarten, Location, Catering, Sicherheit, Organisation – und mal ehrlich: Die Bilder dutzender leerer Stuhlreihen beim Forum in dieser Woche werfen schon Fragen nach der Sinnhaftigkeit auf“, schreibt „reitz.klima“.

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