PNP: Die Rückkehr des „Engelmachers“

Eine Zeitung im hintersten Winkel der Republik macht Schlagzeilen in eigener Sache: Mit der Aussperrung der gesamten Lokalredaktion hat die „Passauer Neue Presse“ (PNP) einen Präzedenzfall in der Medienszene geschaffen. Anders als bei der „Münsterschen Zeitung“ gab es hier keine heimlich aufgebaute Service GmbH, die das Blatt übernahm, sondern ein rechtliches Novum: Die fristlos geschassten Redakteure können weitermachen – aber nur, wenn es der neue Lokalchef und ein eigentümlicher Berater so wollen.

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Eine Zeitung im hintersten Winkel der Republik macht Schlagzeilen in eigener Sache: Mit der Aussperrung der gesamten Lokalredaktion hat die „Passauer Neuen Presse“ (PNP) einen Präzedenzfall in der Medienszene geschaffen. Anders als bei der „Münsterschen Zeitung“ gab es hier keine heimlich aufgebaute Service GmbH, die das Blatt übernahm, sondern ein rechtliches Novum: Die fristlos geschassten Redakteure können weitermachen – aber nur, wenn es der neue Lokalchef und ein eigentümlicher Berater so wollen.

Die Verlagsgruppe Passau ist nicht irgendein regionales Medienunternehmen. Das Haus hat beste Kontakte zu deutschen Spitzenpolitikern, gewichtige Beteiligungen und Verlagseigentum in Tschechien, Polen und der Slowakei, bescherte den Gesellschaftern Jahrzehnte lang beste Renditen. Doch die Auflage siecht. Der neue Lokalchef Michael Koch hat Boulevard-Erfahrung und soll die Berichterstattung auf Vordermann bringen. Vorgänger Helmuth Rücker wurde nach 30 Jahren vor die Tür gesetzt. Offiziell hat er „Urlaubstage genommen“.

Unterstützt wird der neue Lokalchef von einem PNP-Veteran: Rudolf Kollböck wurde 2002 als Chefredakteur entlassen und tritt seither als Chefredakteur und Herausgeber von eher weltfernen Hokuspokus-Heften wie der „Astrowoche“ oder dem „Engelmagazin“ (das gibt’s tatsächlich) in Erscheinung. USP des „Engelmagazins“ sind u.a. „tägliche, persönliche Engelsbotschaften“ und Tipps, wie man „vom Engel im Alltag beschützt wird“. Der 64-Jährige erhielt einen Beratervertrag. Sein Auftrag, in allen 15 Lokalredaktionen „auszumisten“, trug ihm schon den Beinamen „der Engelmacher“ ein. „Wunder vollbringen kann ich auch nicht“, zitiert ihn der die Passauer Website Bürgerblick.

Was am Ende zum Entschluss führte, die Redaktionsräume menschlich zu entkernen, erschließt sich Außenstehenden nicht recht. Im Bürgerblick wird gemutmaßt, dass eine „Melange verschiedenster Zutaten“ bei der Geschäftsführung zu einer Unzufriedenheit geführt habe, „die sich jetzt entlud“. So seien neben sinkenden Abonnenten-Zahlen auch unkritische und fehlerhafte Berichte und Kommentare beanstandet worden.

Tatsächlich sind die Passauer Verhältnisse ein Lehrstück für die aufziehende Krise der Regionalverlage und deren Unfähigkeit, in Erfolgszeiten antrainierte Sicht- und Verhaltensweisen der neuen Situation anzupassen. Im Mittelpunkt steht die gegenseitige Entfremdung: Die Verlagsstrategen haben die Bindung zum Leser verloren, die Redaktion die zum Verlag und wohl auch zum Leser. Der Verlag holte einen stellvertretenden Redaktionsleiter von N24 als Chefredakteur. Der versteht vielleicht viel von Merkel und der großen Politik, aber wenig von Niederbayern. Vieles, was vor Ort bewegte, fand im Blatt nicht statt. Die Folge: eine Spirale stetig sinkender Auflagen.

Christian Jakubetz, Journalist und Dozent an der Deutschen Journalistenschule, schreibt in seinem Blog über die Hintergründe: „Die PNP macht seit vielen Jahren all die Fehler, die auch viele andere Regionalblätter machen – allerdings in einer exzessiven Form: Sie schreibt mit bemerkenswerter Konstanz an den Lesern vorbei. Sie macht ein Blatt von Journalisten für Journalisten. Sie berauscht sich an ihrer eigenen Bedeutung und vergisst darüber völlig ihr Publikum. Sie lädt Helmut Schmidt, Angela Merkel, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl zu Veranstaltungen nach Passau ein und dampft gleichzeitig die Lokalteile ein. Sie widmet kulturellen Veranstaltungen, die häufig von der Verlegerin initiiert werden, ausführliche Strecken und ignoriert, was in ihrem engsten Umfeld passiert.“
Jakubetz, der selbst mal bei der PNP Redakteur war, beschreibt auch die „fatale Gegenreaktion“ der Verlagsspitze auf den schleichenden Auflagenverlust: „Man spart. An Seiten, an Personal, an Quantität wie an Qualität. Ein akzeptables Online-Angebot geschweige denn so etwas wie eine Digitalstrategie existiert nicht. Häufig hat das Blatt während der Woche inzwischen nicht mehr als 28 oder 32 Seiten, man kann sich abzüglich von Politik, Meinung, Wirtschaft, Sport, Kultur, Sonderseiten und anderem Plunder und Anzeigenseiten leicht ausrechnen, wie viel Platz noch für Lokales und Regionales bleibt.“
Vermutlich ist dies viel ursächlicher für den Niedergang des Blattes als die Fehler von Lokalredakteuren. Passau ist nicht Münster. In der deutschen Zeitungslandschaft könnte Passau überall sein.

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