Twitter: Der Aufstieg zum News-Medium

Die ARD sendete Serien und CNN war noch mit dem Politik- und Börsen-Geschehen beschäftigt, als „Vinu“ twitterte: „heard live loud gun shots and it seems grenades were thrown from the terrace onto the petrol bunk!“. Die ersten Augenzeugen-Berichte aus Mumbai rasten durchs Web. In diesem Moment wurde Twitter zu einer ernsthaften Nachrichtenquelle. Mittlerweile checkt CNN regelmäßig den Microblogging-Dienst. Die Seite ist aber auch ein Tummelplatz für Trittbrettfahrer geworden.

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Der erst Twitter-Star, den die Terror-Nacht hervorbrachte, war der indische Blogger Vinukumar Ranganathan, kurz „Vinu“. Direkt aus Mumbai berichtet er über das Geschehen. Vinu verbreite via Flickr Bilder des Grauens und postete über Twitter seine beängstigenden Eindrücke: „ne thing I will definitely remember is the blood around the scooter and a cellphone ringing somewhere inside the debris!“.

Zur zweiten Twitter-Heldin von Mumbai wurde „Dina“. In Rekordgeschwindigkeit entwickelte sie sich zur zentralen Anlaufstelle im Web. Die Social Media-Beraterin lebt in Mumbai, und ohne offiziellen Auftrag startete sie schnell ein Blog mit Notfallnummer und rief via Twitter zu Blutspenden auf.

Im Vergleich zu den klassischen Medien haben Twitter und Flickr einen entscheidenden Vorteil: beide lassen sich via Handy bedienen. Bei Flickr muss man nur schnell auf den Auslöser drücken, ein Foto machen und es hochladen, und bei Twitter schreibt man lediglich einen 140-Zeichen lange Nachricht. Die meisten SMS sind heute sogar länger.

Vinu und Dina gehören einer neuen Generation an. Sie sind keine Nerds. Trotzdem sind sie immer online, in sozialen Netzwerken zuhause, aber in der realen – anstatt in der virtuellen Welt – geerdet. Menschen wie sie sind dafür verantwortlich, dass „Handelsblatt“-Reporter Thomas Knüwer schreibt: „In der vergangenen Nacht wurde aus dem Kopfkonstrukt Bürgerjournalismus schlichte Realität. Das Instrument Twitter wurde zur schnellsten Nachrichtendrehscheibe für Meldungen aus Bombay.“

Später wird man den Moment, in dem Twitter zu einem ernsthaften Massenmedium wurde, an diesem Satz von Vinu festmachen können: „CNN (US) just called me up – she said she saw my twitter and then flickr. Spoke to her for 10 mins. She might call me back again!“ Der indische Blogger Amit Varma wurde sogar von Larry King live in CNN interviewt.

Doch nicht alles, was Twitter & Co. über die Terrorwelle berichten, ist auch richtig. „Viele vermeintliche News sind chaotisch oder bloße Kopien – und manche sind schlicht falsch, schreibt Christian Stöcker bei Spiegel Online. Er zitiert Blogger Tom: „Wenn man sich Twitter ansieht, findet man dort Leute, die von einem Angriff auf das Marriot-Hotel im Mumbai berichten.“ Das Gebäude wurde aber nie attackiet. Twitter steht also auch in der Gefahr, schnell ein Medium für Trittbrettfahrer zu werden.

Auf einen weiteren Aspekt wies MEEDIA bereits gestern hin. Bei der aktuellen Geschwindigkeit, in der Kurz-Postings zum Thema veröffentlicht werden, ist es schlicht unmöglich, die Echtheit und Relevanz einer Information zu prüfen. Die Nachrichten sind roh.

Die Anschläge von Mumbai bescheren dem Nischenangebot Twitter sicherlich einen Wachstumsschub und machen aus dem Dienst eine ernsthafte Nachrichtenquelle. Das Phänomen, dass sich Breaking-News und vor allem Schreckensbilder im Web schneller verbreiten als über die klassischen News-Networks, ist jedoch nicht neu. Beispiele hierfür sind Krisen wie die Tsunami-Katastrophe Weihnachten 2004.

Für die klassischen Medien bedeutet diese Entwicklung, dass es dank Twitter, Flickr & Co. ein leichtes ist, an Live- und Augenzeugen-Berichte ranzukommen. Weit schwerer wird es hingegen reale Eindrücke von Fakes Trittbrettfahrern zu unterscheiden.

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