„WAZ“-Sparhammer: Der Countdown läuft

Ein Medienkonzern unter Hochspannung: Heute unterrichtet die WAZ-Geschäftsführung Betriebsräte der vier Tageszeitungen über die Maßnahmen zur drastischen Kostensenkung. Aller Voraussicht nach wird es auch hunderte betriebsbedingte Kündigungen geben, die Rede ist von bis zu 300 Stellen. Alarmstimmung herrscht bei den Redakteuren. Diese sollen erst am 5. Dezember erfahren, wie viele Jobs wirklich gestrichen werden.

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Unklar sind auch die Auswirkungen auf Druckereien und Service-Töchter des Konzerns. Diese Firmen sind bereits durch die Verringerung der Umfänge aller Regionalzeitungen getroffen. Seit einigen Wochen erscheinen die Blätter nur noch mit 32 statt 48 Seiten. Mitarbeiter aus den Redaktionen berichten von zahlreichen Abo-Kündigungen, die darauf hin eingegangen seien. Eine Lokalredakteurin zu MEEDIA: „Die Stimmung ist auf dem absoluten Tiefpunkt. Jeden Tag werde ich vom Bürgermeister darauf angesprochen, wie es bei uns weitergeht. Dabei weiß ich es selbst nicht.“
Es gebe Gerüchte, dass der Konzern in allen Regionen nur noch auf den jeweiligen Marktführer setzen wolle. Für die Lokalredaktionen der kleineren WAZ-Titel könnte das die Schließung zur Folge haben. Gewinner dürfte die auflagenstarke und gewinnbringende „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ sein. „Westfälische Rundschau“, „Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung“ und „Westfalenpost“ hätten das Nachsehen, zumal alle drei rote Zahlen schreiben. Fest steht, dass mit Ausnahme der „Westfalenpost“ alle WAZ-Blätter eine zentrale Mantelredaktion bekommen.
Die Betriebsräte gehen mit dunklen Vorahnungen in die Gespräche mit den Geschäftsführern Bodo Hombach und Christian Nienhaus. Informationen über das von der Hamburger Unternehmensberatung Schickler geschnürte Sparpaket haben sie bislang keine. Es könne sein, dass es zu 300 Kündigungen komme, heißt es, ebenso könnten es aber auch 400 sein oder nur 100. Die Betriebsräte und Gewerkschaften haben jedoch Widerstand angekündigt, falls es zu betriebsbedingten Kündigungen kommt. Im WAZ-Konzern haben die Gewerkschaften mehr Einfluss als in anderen deutschen Großverlagen. Sie wollen mit ihren Protesten auch dafür sorgen, dass die Pressevielfalt in der Region gewahrt wird.
Der freie Autor und Verdi-Blogger Frank Biermann rechnet mit weiteren Maßnahmen, als bislang angenommen: „Es kann neben dem Verlag auch noch die vielen Service-Töchter und die Druckereien treffen.“ Seit Bekanntwerden des WAZ-Sparkurses betreibt Biermann das Blog Medienmoral-NRW. „Ich bin überrascht, auf welch hohem Niveau dort diskutiert wird.“ Allerdings hätten WAZ-Mitarbeiter Hemmungen, sich dort zu äußern: „Sie sorgen sich, dass die Geschäftsführung das mitlesen könnte.“ Die WAZ-Führung hat konterte inzwischen mit einem eigenen Blog.
Für die WAZ, das drittgrößte deutsche Verlagshaus, geht es aber vor allem darum, in Zeiten sinkender Auflagen und einbrechender Anzeigenerlöse die Gewinne für die Gesellschafter zu sichern. Lange Zeit galt der Konzern als die renditestärkste Mediengruppe Deutschlands.

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