NDR-Intendant stärkt Freie Mitarbeiter

Auf der NDR-Mitarbeiterversammlung im Februar hatte Lutz Marmor versprochen, die Regeln zur Beschäftigung programmgestaltender freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Prüfstand zu stellen. Jahrelang änderte sich nichts, jetzt alles. MEEDIA liegt ein internes Schreiben vor, das allen NDR-Mitarbeitern die künftigen Regelungen vorstellt: ein neues Konzept zur Beschäftigung Freier Mitarbeiter. So fällt unter anderem die zeitliche Obergrenze für Rahmenverträge ersatzlos weg.

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In der internen Mitteilung an alle NDR-Mitarbeiter, die MEEDIA vorliegt, heißt es heute: „Wir haben lange an einem zukunftsfähigen Modell zur Beschäftigung programmgestaltender freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gearbeitet. Das Ergebnis ist ein Konzept, das eine Balance zwischen dem programmlichen Abwechslungsbedürfnis, dem arbeitsrechtlich Machbaren, dem wirtschaftlich Vertretbaren und den Interessen der freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herstellt.“

Der ewige Streitpunkt war die Begrenzung der Arbeitsverträge für Freie auf 15 Jahre. Wer beispielsweise in seinen Dreißigern ein Stelle als Freier Mitarbeiter beim NDR bekommen hat, musste mit Mitte 40 seinen Hut nehmen und vorne beginnen.

In den vergangen 15 Jahren wurden – trotz Ausweitung des Programms – 15 Prozent der Stellen abgebaut und stattdessen unsichere Beschäftigungsverhältnisse geschaffen. Allein die ungesicherten Arbeitsverhältnisse im Programm (Freie Mitarbeiter mit „Rahmenvertrag“) haben von 1996 bis 2007 um fast 80 Prozent zugenommen, aktuell werden 75 Prozent aller Redakteursstellen durch freie MitarbeiterInnen unter vergleichsweise schlechteren Bedingungen (Bezahlung, Arbeitszeit, etc.) ersetzt.

So spart er Kosten für Gehälter, Sozialversicherung, Steuern, Arbeitsplatzausstattung und Altersversorgung. Willkommener Nebeneffekt: Die Belegschaft wird gespalten. Nicht nur in Feste und Freie mit scheinbar unterschiedlicher Interessenlage: Auch das System sogenannter freier Beschäftigung basiert auf extremer Differenzierung und Konkurrenz. Tausende Freie Mitarbeiter arbeiten inzwischen unter diesen Verhältnissen für den NDR: Jederzeit austauschbar, ohne langfristige Perspektive.

Während in den Zeiten der Medienkrise kontinuierlich Redaktionen verkleinert oder aufgelöst werden, gibt sich NDR-Intedant Lutz Marmor nun antizyklisch: Künftig sollen allein der Bedarf, die Leistung und das programmliche Abwechslungsbedürfnis der Redaktionen über Art und Dauer der Beschäftigung freier Mitarbeiter entscheiden. Die dauerhafte Beschäftigung eines Freien soll  aber auch künftig nicht der Regelfall sein.

Die wesentlichen Punkte der Umstrukturierung im Detail:

– Ersatzloser Verzicht auf eine zeitliche Obergrenze für die Gesamtlaufzeit zusammenhängender Rahmenverträge

– Künftig wird der NDR auch unbefristete „Kleine Rahmenverträge“ für maximal 120 Beschäftigungstage im Jahr anbieten, die tendenziell auf eine lange Beschäftigungsdauer angelegt sind.

– Das Verdienstlimit für programmgestaltende freie Mitarbeiter ohne Rahmenvertrag wird auf 20.000 € pro Jahr angehoben.

– Autorinnen und Autoren, die ausschließlich für längere Beiträge (z.B. Features) eingesetzt werden, können unlimitiert beschäftigt werden.

– Die Ressort-, Abteilungs- oder Wellenchefs werden regelmäßig Perspektivgespräche mit ihren freien Mitarbeitern führen. Dabei sollen Erwartungen ausgetauscht, überprüfbare Ziele vereinbart, Leistungsbeurteilungen abgegeben sowie Gründe für die Fortsetzung oder Beendigung der Beschäftigung benannt werden.

– Eine Anlaufstelle für freie Mitarbeiter wird eingerichtet, um Information und Beratung sicher zu stellen. Damit verbunden ist die Einführung einer Jobbörse; sie soll die Beschäftigungsmöglichkeiten im NDR und in der ARD erweitern und verbessern.

Auch künftig soll und werde es, so Marmor, Unterschiede zwischen festen und freien Mitarbeitern geben. Sowohl im Hinblick auf ihren arbeitsrechtlichen Status als auch im Hinblick auf die Verdienstmöglichkeiten. Diese liegen bei Freien Mitarbeitern oft deutlich höher.

Eine Lanze für die Freie Mitarbeit

Die Vorteile und Verbesserungen, die das neue Konzept für die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beinhaltet, liegen auf der Hand. Damit erhöht sich damit die Attraktivität des NDR für gute Journalistinnen und Journalisten. Für den Januar ist eine zentrale Informationsveranstaltung speziell für Redaktionsleiter geplant, um sie mit dem neuen Konzept vertraut zu machen.

Das neue Modell könnte wegweisend für andere Medienunternehmen sein. Denn ein Großteil der deutschen Redaktionen ist auf die Arbeit von Freien Redakteuren, Autoren und Mitarbeitern angewiesen. In dem Memorandum heißt es weiter: „Das neue NDR-Konzept bedeutet nicht, dass künftig die Unterschiede zwischen Festangestellten und Freien verwischt werden. Freie sind wichtige Programmmacher. Wir brauchen ihre Kreativität und Leistungsbereitschaft. Unsere Programme profitieren davon, dass junge und talentierte freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nachrücken können – zum Beispiel auch aus dem Kreis unserer Volontäre“, so der NDR-Intendant.

Versprechen nach zwölf Jahren eingelöst

Vor Umsetzung des neues Modells wird der NDR seine Gremien einbeziehen. Außerdem ist eine Anpassung des Tarifvertrags für befristete Programmmitarbeit erforderlich. Hier geht Marmor von der Unterstützung durch die Gewerkschaften aus. Die neuen Regelungen sollen zunächst zeitlich befristet gelten. Nach drei Jahren wird der NDR Bilanz ziehen und entscheiden, ob sich das Modell bewährt hat.

Damit scheint Ver.di, wenn auch nur etappenweise, sein Ziel erreicht zu haben. Noch im Februar bestand man auf die Erfüllung des im Jahre 1996 geschlossenen Tarifvertrags, der verbindlich festschreibt, „auf organisatorische Regelungen zur Begrenzung der Beschäftigung programmgestaltender freier Mitarbeiter, insbesondere auf die gegenwärtig praktizierte Limitierung, zukünftig zu verzichten“. Für die vielen Freien Mitarbeiter des NDR eine unerwartet gute Nachricht.

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