SZ, WAZ und G+J: Die Woche der Wahrheit

Für drei große deutsche Medienhäuser ist es die Woche der Wahrheit. Am Dienstag erfahren Mitarbeiter der „Süddeutschen Zeitung“ Details der Sparpläne für 2009. Am Freitag werden die Kollegen von der WAZ-Gruppe informiert. Und bei Gruner + Jahr wird sich zeigen, wie der Vorstand mit den Protesten des Betriebsrats und der „Stern“-Redaktion gegen anstehende Kürzungen umgehen wird. Überall Krisenstimmung. Doch so sehr sich die Bilder auf den ersten Blick gleichen, so groß sind auch die Unterschiede.

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Für drei große deutsche Medienhäuser ist es die Woche der Wahrheit. Am Dienstag erfahren Redakteure und Mitarbeiter der „Süddeutschen Zeitung“ Details der Sparpläne für 2009. Am Freitag werden die Kollegen von der WAZ-Gruppe informiert. Und bei Gruner + Jahr wird sich zeigen, wie der Vorstand mit den Protesten des Betriebsrats und der „Stern“-Redaktion gegen anstehende Kürzungen umgehen wird. Überall Krisenstimmung.
Doch so sehr sich die Bilder auf den ersten Blick gleichen, so groß sind auch die Unterschiede. Und auch wenn die Sparmodelle allesamt vor der Folie der weltweiten Finanzkrise präsentiert werden, so sind die tatsächlichen Hintergründe und Ursachen vielschichtiger und kaum mit einander zu vergleichen. Sehen wir genau hin:

Dem Management der „Süddeutschen Zeitung“ kann man zuallererst glauben, dass es von der Flaute im Anzeigenbereich kalt erwischt wurde. Geschäftsführer Karl Ulrich hat dies auf den Münchner Medientagen sehr plastisch beschrieben. Seit Mai brechen die Erlöse dramatisch weg. Damals war von einer weltweiten Krise noch keine Rede. Die Ursachen scheinen komplexer zu sein. Allerdings sind die Verluste so hoch, dass sie selbst von einer leicht steigenden Auflage nicht im Ansatz ausgeglichen werden können.
Da ist Sparen die natürliche und logische Konsequenz, zumal der neue Mehrheitsgesellschafter, die Südwestdeutsche Medien-Holding (SWMH) ehrgeizige Renditeziele hat. Dass „SZ“-Chefredakteur Hans Werner Kilz die anstehenden Maßnahmen relativ gelassen kommentiert, lässt vermuten, dass die Einschnitte aus redaktioneller Sicht zu verschmerzen sind. Es kommt ja immer darauf an, auf welchem Kostenniveau der Rotstift ansetzt. Offenbar setzt die „SZ“ zudem auf sozialverträglichen Stellenabbau. Auf Deutsch: Mitarbeiter, die mehr oder weniger freiwillig gehen, werden vergleichsweise komfortabel abgefunden. Jeder erfahrene Redakteur weiß, dass dies für viele in Routine erlahmte Ressorts und Abteilungen auch befreiend wirken kann.

Anders stellt sich die Lage bei der WAZ-Gruppe dar. Da werden nicht Budgets heruntergefahren, hier wird der komplette Workflow neu definiert. Eine Revolution von oben, wenn man so will, aber natürlich auch eine, bei der ein deutlicher Spareffekt einkalkuliert ist. Aber täuschen wir uns nicht: Mit der Finanzmarktkrise hat das primär herzlich wenig zu tun. Eher schon mit der Verpflichtung von Christian Nienhaus als Co-Geschäftsführer. Der ehemalige „Bild“-GF überträgt das Erfolgsmodell von Springers größter Cash Cow auf den regionalen Markt.
Und das mit einigem Recht: Wer die derzeitigen Mantelteile der WAZ-Blätter vergleicht, fragt sich doch, warum drei Redakteure dieselbe dpa-Meldung bearbeiten, warum drei Sportreporter aus demselben Bundesligastadion berichten. In diese Richtung hat sich Christian Nienhaus schon sehr deutlich geäußert, als die Finanzmarktkrise noch fern war. Er weiß, wovon er redet. Anders als viele Zeitungsgeschäftsführer versteht Nienhaus nicht nur etwas von Zahlen, sondern auch vom Produkt. Dieser trotz aller Erfolge noch immer von vielen unterschätzte Verlagsmanager leidet mit, wenn Redaktionen im Konkurrenzvergleich das Klassenziel nicht erreichen. Und er würde Qualität nicht leichtfertig gegen kurzfristige Mehrerlöse tauschen.
Die Schaffung eines gemeinsamen Newsrooms für die Mantelteile der WAZ-Titel ist ein nachvollziehbarer, wenn man so will, seit Jahren fälliger Schritt. Viel fahrlässiger wäre es, die einzelnen Redaktionen weiter am Agentur-Tropf siechen zu lassen – im Internet-Zeitalter eine verhängnisvolle Entscheidung.
Nein, bei der WAZ standen die Zeichen schon länger auf Sturm und Veränderung. Dass der Wind nun global aus der gleichen Richtung weht, beschleunigt die Veränderungen; die Ursachen aber liegen im Home Market und in der Kompromisslosigkeit der Geschäftsführung. Wer weiß, vielleicht wird diese konsequente Linie im Nachhinein anders bewertet, als es die zahlreichen Proteste und Kritiken heute vermuten lassen. Vor allem dann, wenn es gelingt, beim Umbau die regionale Kompetenz zu stärken.

Die klare Linie ist genau das, was dem Sparprogramm von Gruner + Jahr fehlt. Geschlossen prangert die Redaktion des „Stern“ per Votum an die Vorstandsadresse an, dass die „Rasenmäher“-Methode beim Sparen als Zeichen „hilflosen Managements“ zu werten sei. Eine Breitseite gegen Vorstandschef Bernd Kundrun, dem der Wind inzwischen aus allen Seiten ins Gesicht weht. Selbst wenn er seine pauschale Kürzung der Etats um 20 Prozent gegen alle Widerstände durchsetzt, dürfte das die Probleme am Baumwall kaum lösen. Sparen allein macht ein Medienhaus nicht fit für die Zukunft.
Genau da liegt aber das Problem. Vorläufig wird G+J das Auslandsgeschäft vor größerer Not bewahren. Doch die Sanierung der kränkelnden Magazin-Bereiche erweist sich heikle und teure Mission. Schon die Idee, leistungsschwachen Mitarbeitern mit Vorstands-Deckung überaus lukrative Abfindungen anzubieten, zeugt nicht gerade von Führungsstärke. Es wäre aber falsch, dieses Problem allein dem amtierenden Vorstand anzulasten: Strukturen mit völlig überteuerten und zum Teil kaum mehr steuerbaren Abteilungen sind über Jahrzehnte entstanden. Vierzehn Monatsgehälter, Gewinnbeteiligung, Betriebsrente, Bildungsurlaub: Für manchen bei G+J ist das eine Selbstverständlichkeit. Man versteht nicht, dass dies nach all den Jahren anders kommen soll. Es ist die Tragik der aktuellen Führungscrew, diese Schieflage jetzt schnell und entschlossen lösen zu müssen. Und es ist ihr Problem, dass manche Entscheidung zu lange aufgeschoben wurde.
Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Betriebsrat unter dem „Erbhof-Syndrom“ zu leiden scheint. Schon der öffentliche Protest vorm Verlag in der vergangenen Woche war eine Kampfansage. Wer hörte, was dort gesagt wurde, ahnt, dass ein konstruktives Miteinander bei der Umsetzung von Sparmaßnahmen wenig wahrscheinlich ist: Betriebsräte, die Karl Marx zitierten, sich internationaler Solidarität sicher glauben und auch sonst den Anschein erweckten, von den Realitäten der Branche und der Lage im eigenen Haus mental meilenweit entfernt zu sein.
Dass die Kontroverse öffentlich ausgetragen wird, kratzt am guten Ruf des Hamburger Traditionsverlages. Es braucht nicht viel Phantasie zu der Feststellung, dass Bernd Kundrun ein ungemütlicher Winter ins Haus steht. Und der Druck aus Gütersloh wird gewaltig sein.

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