Lars Hinrichs: Gründe gegen den Rücktritt

Die Spekulationen überschlagen sich: Angeblich steht Xing-CEO Lars Hinrichs kurz davor, die Brocken beim Online-Business-Netzwerk hinzuwerfen. Wirklich? Ein Abgang würde zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn machen. Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen würden – vom großen operativen Erfolg des Online-Business-Netzwerks bis zur Beschädigung des Aktienkurses. Tatsächlich erscheinen die Rücktrittsgerüchte um den Xing-Chef wie ein crossmedialer Geniestreich: Mehr PR als an diesem Vormittag geht nicht.

Werbeanzeige

Die Spekulationen brodeln über: Angeblich steht Xing-CEO Lars Hinrichs kurz davor, die Brocken beim Online-Business-Netzwerk hinzuwerfen.  Wirklich? Ein Abgang würde zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn machen.

1.)    Warum sollte Hinrichs jetzt gehen? Der 31-Jährige hat in den vergangenen Jahren etwas geschafft, was nur wenigen vor ihm gelungen ist: Er hat in bester Comeback-Kid-Manier nach einer krachenden Dot.com-Pleite mit der BöttcherHinrichs AG ein Internet-Unternehmen von bleibendem Wert aufgebaut.

2.)    Und mehr noch: Im Gegensatz zu fast allen Web 2.0-Unternehmen hat Xing den Nachweis der Profitabilität erbracht. Das Business-Modell stimmt. Und es hat seinen Zenit noch lange nicht erreicht. Erst im vergangenen Quartal konnte Xing ein erneut Rekordzahlen vorlegen. Der Nettogewinn in den ersten 9 Monaten wurde auf fast 5 Millionen Euro verdoppelt. Mit 161 Mitarbeitern erwirtschaftet Xing fünfmal so viel Gewinn wie die dreimal so gut besetzte Tomorrow Focus AG. Warum sollte Hinrichs diese Erfolgsstory jetzt beenden?

3.)    Die Frage stellt sich auch vor dem Hintergrund der aktuellen Börsenbewertung. Bei nur noch rund 25 Euro notiert die Aktie nahe ihrem Allzeittief von Anfang des Monats. Das Unternehmen wird auf der Basis mit 130 Millionen Euro bewertet. In der Spitze 2007 waren es einmal fast doppelt so viel. Seitdem haben sich die Geschäfte indes besser entwickelt als abzusehen war. Der gegenwärtige  Abschlag ist dem Marktumfeld geschuldet – nicht Problemen im operativen Geschäft. Mit einem KGV von lediglich 17 für das laufende Geschäftsjahr erscheint die Aktie als Wachstumswert günstig bewertet. Ein Abgang des Unternehmens-Gründers wäre für ein junges Unternehmen, dessen bisheriger Erfolg so eng mit dem omnipräsenten Internet-Entrepreneur verbunden ist, eine echte Belastung. Das zeigt auch die Reaktion der Börse: Die Aktie verliert gegenwärtig 4 Prozent. Mit fast 28 Prozent ist der Xing-CEO noch immer Großaktionär des von ihm gegründeten Unternehmens.
4.)    Hinrich selbst, ein begeisterter und gut vernetzter Web 2.0er, macht bislang kaum den Eindruck, als wolle er den Rücktritt bestätigen. Zunächst machte er sich einen Spaß daraus, die gestern Abend bei Horizont aufkommenden Gerüchte zu kommentieren – natürlich via Twitter: „:-) our policy to rumors is and allways (sic!) will be „no comment“. We are a public company, experiencing excellent growth opportunities right now.“ Als heute so ziemlich jedes Online-Medium Hinrichs‘ Abgang schon als fast sichere Sache  vermeldete, legte der Xing-CEO noch mal nach: Fact: „Rumors create awareness. Recieved over 100 new followers over the last 12 hours. Welcome“. Der Hanseat nimmt es von der humoristischen Seite: So jedoch geht man kaum mit dem eigenen Rücktritt um….
5.)    Schon gar nicht, wenn es sich um ein im Prime Standard gelistetes Unternehmen handelt, das dem Börsenrecht unterliegt. Im Falle eines Rücktritts des CEOs besteht die Pflicht einer Adhoc-Mitteilung. Und die wird, zumal bei einer Personalie, die nicht in den letzten Minuten entschieden worden sein dürfte, dann meist vor Handelseröffnung fällig.

Bleibt die Frage nach einem plausiblen „Warum“? Mögliche Antworten lieferte MEEDIA-Blogger Alexander Becker bereits gestern Abend:
 
a.)    An den Wickeltisch mit nicht mal 32? Hmm.

b.)    Rücktritt für einen internationalen Web-Manager? Kaum, Hinrichs ist gewachsen – und hat nachweisbar Erfolg. Ein Austausch erscheint kaum realistisch.

c.)    Die dritte Option, die dpa-AFX bereits kolportierte, nämlich eine Kontroverse bei der Nutzung von Mitgliederdaten, entzürnte Hinrichs dann doch: „DPA: False bad news sells obviously better than the excellent news we produce since 7 Quarters with consecutive records. It really annoys me“, twitterte er zurück. „We are shooting out a message which addresses the false information from DPA-AFX shortly.“

d.)   Bleibt die vierte und realistische Variante: Ein Rücktritt im Zuge einer Übernahme, die angesichts des ermäßigten Kursniveaus bei anhaltend starken Wachstumsperspektiven nicht ausgeschlossen scheint. Bertelsmann, Springer? Oder doch LinkedIn oder gar Facebook? Nur beim notorisch krawalligen US-Rivalen erscheint ein Rücktritt die notwendige Folge zu sein. Doch warum sollte Hinrichs verkaufen?

Wenn nicht doch irgendwo ein ziemlich faules Ei am Gänsemarkt versteckt ist oder Hinrichs nach fünf Jahren plötzlich die Lust verlassen hat, erscheinen die Spekulationen, die an diesem Freitagvormittag durch das deutsche Web getrieben werden, ähnlich nachhaltig wie der erste Schnee am heutigen Morgen.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige