„Heuschrecken sind heimisch geworden“

Hans-Peter Buschheuer ist als Chefredakteur der deutschen Kaufzeitungen des umstrittenen Investors David Montgomery verantwortlich für die "Hamburger Morgenpost" und den "Berliner Kurier". Während in anderen Medienhäusern die Spar-Angst umgeht, kann er nur müde lächeln. Seine Zeitungen, sagt Buschheuer, sind bereits an den Rand des Möglichen gespart worden. Ein MEEDIA-Gespräch mit einem, für den die Medienkrise und der Umgang mit "Heuschrecken" schon längst Business as usal ist.

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WAZ, Gruner+Jahr, „Süddeutsche Zeitung“ – alle wollen sparen, alle müssen sparen. Kommen Ihnen die Nöte der Kollegen bekannt vor?
Ich kenne diese Probleme, die andere Print-Medienhäuser nun haben, schon seit Jahren aus eigener Erfahrung. Das alles ja nicht neu. Wir befinden uns schon seit Jahren in einer Zeitungskrise, die in Wellen abläuft. Es gibt Wellen der Entspannung und Wellen der Anspannung. Im Augenblick haben wir eine Welle größter Anspannung. Das bedeutet, die Zeitungs- und Printkrise erreicht Verlage, die bisher noch nicht darunter gelitten haben.

Wird stellenweise auf hohem Niveau gejammert?

Auf alle Fälle. Man muss sich die Frage stellen, ob einige Häuser ihre hohen Rendite-Erwartungen um jeden Preis erfüllen können oder davon in Krisenzeiten nicht ein Stück weit Abstand nehmen müssten. In unserem Fall ist der Kapitalbedarf zur Schuldentilgung aber so groß, dass dem Unternehmen gar nichts anderes übrig bleibt, als an hohen Renditen festzuhalten.

Wird die aktuelle Finanzkrise von dem einen oder anderen auch als Ausrede genutzt, um längst notwendige Strukturanpassungen durchzudrücken?

Für so etwas findet man sich derzeit ein ganz gutes atmosphärisches Umfeld. „Gut“ ist natürlich in Anführungszeichen zu setzen. Von manchen Häusern weiß man, dass die seit Jahren ordentliche Profite machen. Da fragt man sich: Haben die keine Rücklagen? Wo ist die Kriegskasse geblieben? Es kann doch nicht sein, dass jede Delle in der Konjunktur vermeintlich starke Häuser so schnell in Schieflagen bringt.

Worauf müssen sich Print-Redakteure in den kommenden zwei bis fünf Jahren noch einstellen?

Ich glaube, dass es keine grundsätzliche Entspannung der Lage mehr geben wird. Es handelt sich um eine langsame Abkehr von Print und um einen Übergang hin zum Web, in welcher Ausprägung auch immer. Wie schnell das vonstatten gehen wird, weiß ich nicht. Aber der Trend ist seit Jahren unübersehbar und wird so weitergehen.

Glauben Sie denn, dass Tageszeitungen sterben werden?

Einige Zeitungen werden sicher ihr Erscheinen als Print-Ausgabe einstellen. Das ist in den USA bereits jetzt zu beobachten. Welche das bei uns sein werden, weiß ich nicht. Wir haben hier eine Struktur mit regionalen Abozeitungen, die gut im Fett stehen und die von keiner Krise so richtig zu erschüttern sind. Es gibt aber auch Zeitungen mit grenzwertigen Auflagen, die in Krisenzeiten zu klein sind, um zu überleben. Und wenn Werbe-Budgets gekürzt werden, dann merken es die Kleinen als erste.

Neben den Spar-Appellen wird oft gleichzeitig die Qualität beschworen. Geht das überhaupt – sparen und die Qualität steigern?

Das hängt sehr vom Einzelfall ab. Bei unseren eigenen Blättern ist schon längst der Punkt überschritten, an dem man sagen könnte, wir sparen ein und steigern gleichzeitig die Qualität. Uns haben die Synergien zwischen „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Kurier“ geholfen. Die Politikredaktion für beide Blätter wird ab Dezember von Hamburg aus gemacht, das Vermischte kommt für beide aus Berlin. Dadurch wurde nicht an Arbeitskräften gespart, sondern die Potenziale für beide Blätter werden besser genutzt. Das ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ich glaube unsere Blätter sind schon so an den Rand gespart worden, dass ohne echte Qualitätseinbußen nicht mehr weiter gekürzt werden kann. Noch weiteres Drücken der Kosten würde den Niedergang von „Mopo“ und „Kurier“ bedeuten.

Ihr Kollege Ulrich Reitz, Chefredakteur der „WAZ“ hat gerade verkündet, durch die Zusammenlegung der Mantelredaktionen der „WAZ“-Zeitungen das Kunststück vollbringen zu können, gleichzeitig zu sparen und die Qualität zu erhöhen.

Was die Zusammenlegung der Mantelredaktionen bei der „WAZ“ bringt, kann ich nicht beurteilen. Ich bezweifle allerdings generell, dass die Qualität von Zeitungen langfristig gehalten werden kann, wenn der Wettbewerb zwischen den Mantelredaktionen fehlt. Mir kann niemand erzählen, dass das auf Dauer qualitätsfördernd ist. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus bringt immer gerne das Beispiel, dass bei einem Bundesligaspiel im Verbreitungsgebiet der vier Zeitungen der WAZ -Gruppe vier Redakteure im Stadion anwesend sind und über ein und dasselbe Spiel berichten. Es ist eine sträfliche Unterschätzung der Ansprüche der Leser und der regionalen Unterschiede, wenn man glaubt, es reicht aus zu berichten, dass in der soundsovielten Minute ein Tor gefallen ist. Stellen Sie sich das Ruhrderby Schalke – Dortmund vor. Soll der eine verbliebene WAZ-Reporter davon einen neutralen Spielbericht abliefern?

Sie halten also nichts von Zentralredaktionen, warum legen Sie dann Teile der Mantelredaktion von „Mopo“ und „Kurier“ zusammen?

Da, wo redundante Tätigkeiten aufgelöst werden können, bleibt einem manchmal nichts anderes übrig, um die Kernkompetenz der Blätter, nämlich das Lokale, zu retten. Aber es gibt auch Ressorts außerhalb des tagesaktuellen Nachrichtengeschehens, wie Auto, Reise, Service-Ressorts. Wenn zwei ähnliche Zeitungen wie „Mopo“ und „Kurier“ solche Ressorts unterhalten, gibt es keine Qualitätseinbußen, wenn eine Redaktion für beide Zeitungen die Inhalte zu diesen Service-Ressorts zuliefert.

Aber Sie legen ja bei „Mopo“ und „Kurier“ die Politik-Berichterstattung zusammen. Das ist ja nun gerade kein Neben-Ressort…

Beide Zeitungen speisten ihre Politik-Ressorts bisher vorwiegend aus Agentur-Berichten. Unter dem Strich gibt es da eine Menge redundanter Tätigkeiten. Wir hatten auch die absurde Situation, dass unser sehr erfahrener Hauptstadt-Korrespondent durch personelle Engpässen bedingt Redaktionsdienst versieht, statt seine eigentliche Aufgabe wahrzunehmen, nämlich Politiker zu interviewen. Durch die Neuordnung kann der Korrespondent nun für beiden Zeitungen die Tätigkeit ausüben, für die er eingestellt wurde. Wir mussten uns aber auch für die Zukunft neu sortieren. Wir verlieren einige Mitarbeiter durch Altersteilzeit-Regelungen, die wir nicht ersetzen können. Dafür musste ich die Redaktionen neu organisieren. Wenn wir nicht den Glücksfall hätten, mit „Mopo“ und „Kurier“ zwei ganz ähnliche Zeitungen in der Gruppe zu haben, wäre ich mit meinem Latein sehr schnell am Ende.

Heißt das, „Mopo“ und „Kurier“ wären alleine gar nicht mehr lebensfähig?

Jedenfalls nicht mit dieser Performance. Die Sonntagsausgabe der „Mopo“ wäre alleine zum Beispiel nicht zu stemmen.

Haben sich schon mal Leser über abnehmende Qualität der Zeitung beschwert?

Nein, ich sehe keine abnehmende Qualität und der Leser offenbar auch nicht. In den fünfeinhalb Jahren, in denen ich jetzt dabei bin, habe ich nicht feststellen können, dass sich Beschwerden von Lesern häufen.

Was ist für Sie die größte Herausforderung der kommenden Jahre?

Am schwierigsten ist, dass wir den redaktionellen Apparat in Richtung Online umbauen müssen. Schritt für Schritt muss die Print-Redaktion für Online fit gemacht werden. Die gedruckte Zeitung soll darunter aber nicht leiden. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Gibt es bei diesem Prozess Ressentiments von Print-Redakteuren gegenüber Online?

Ablehnung überhaupt nicht mehr. Ängste gibt es sicherlich. Wenn man jahrzehntelang nur Print gemacht hat, muss man sich doch sehr umstellen. Wir haben vier neue Redakteure extra für Online neu eingestellt. Das ist die Kernmannschaft, die unseren Relaunch zum Jahreswechsel steuert. Aber die gesamte Redaktion muss in das neue Medium hineinwachsen. Da gibt es durchaus auch so etwas wie eine Aufbruchstimmung in der Redaktion.

Fühlen Sie sich als Chefredakteur des „Berliner Kuriers“ seit dem Einstieg von David Montgomery als Investor als ein Verwalter des Mangels?

Die Zeitung hatte in der Zeit vor meinem Einstieg einen bedrohlichen Auflagensturz hinter sich. Das hat uns damals schon zu immensen Sparmaßnahmen gezwungen. In den vergangenen fünf Jahren sind die Etats und die Personalstärke stabil geblieben. Die Mangelverwaltung, wenn Sie so wollen, ist bei uns Business as usual.

Finanzinvestoren wurden in jüngster Zeit viel gescholten. Es heißt, Finanzinvestoren können keine Medienhäuser führen. Als Beispiel werden die ProSiebensat.1-Gruppe genannt und eben die Deutsche Zeitungsholding des Finanzinvestors Mecom, zu der auch ihre Titel gehören. Wie sehen Sie die Kritik an ihren Heuschrecken-Bossen?

Jeder weiß, dass ich dem Erwerb von Verlagshäusern durch Finanzinvestoren kritisch gegenüberstehe. Aber die Diskussion, die hierzulande bisweilen geführt wird, hat etwas Heuchlerisches. Wenn das so wäre, dass ausländische Finanzinvestoren keine guten Medienunternehmer sind, was ist dann mit der deutschen WAZ -Gruppe? Und die große „Süddeutsche Zeitung“ muss auch sparen und schließt nicht einmal betriebsbedingte Kündigungen aus. Bei der „Frankfurter Rundschau“ werden massenhaft Arbeitsplätze abgebaut. Dabei hatte man sich dort doch so gefreut, dass Neven DuMont einsteigt und nicht eine ausländische „Heuschrecke“. Gruner + Jahr verdiente über Jahrzehnte ganz ordentlich und überlegt jetzt öffentlich, ganze Titel einzustellen. Das Renditedenken, das ausländischen Finanzinvestoren vorgeworfen wird, ist global und hat längst auch in deutschen Medienhäusern Einzug gehalten. Wenn Sie so wollen, ist die Heuschrecke längst ein heimisches Insekt.

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