G+J: Der Tag nach dem Knall am Baumwall

Tag eins nach der Detonation: Gestern erlebte Gruner + Jahr seinen "Schwarzen Mittwoch". Erst informierte Vorstand Bernd Buchholz bei „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ 121 Mitarbeiter über deren bevorstehende Kündigung. Dann waren „Park Avenue“ sowie die niederländischen „Gala“ und die russische "Life & Style" an der Reihe. Alle drei Titel werden eingestellt. Bei den Wirtschaftsmedien ist die Lage angespannt: Angeblich machte allein die „FTD“ 2007 acht Mio. Euro Verlust.

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Ab sofort soll am Baumwall alles wieder seinen normalen Gang gehen. Der Spuk dauerte genau einen Tag. So erklärte Vorstand Buchholz die Portfolio-Bereinigung „soweit“ für abgeschlossen. „Alle anderen Titel von Gruner + Jahr konnten zeigen, dass sie auch in schwierigem Umfeld eine gute Perspektive haben“.

Als Grund für die Einstellung des Premium Magazins „Park Avenue“ sagte Buchholz: „Auf Basis der werbekonjunkturellen Aussichten für 2009 und 2010 ließ sich eine belastbare wirtschaftliche Perspektive für ‚Park Avenue‘ nicht mehr darstellen.“

Ähnlich argumentierte der Verlag auch bei den Wirtschaftstiteln. Auch bei ihnen sollen die
Anzeigen-Krise sowie die hohen Personalkosten den Verlag zum Handeln gezwungen haben. Der Stellenabbau stellt sich im Detail so dar: Bei „Capital“ werden 48 Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt, bei „Börse Online“ sind es 45 Angestellte, bei „Impulse“ 18, sowie zehn Stellen bei der „FTD“ und 23 Mitarbeiter bei „Park Avenue“

Den insgesamt 121 Beschäftigten bei „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ wird gekündigt und die Standorte Köln und München aufgegeben. In Hamburg entsteht ab März 2009 – in einer noch zu gründenden GmbH – eine Zentralredaktion unter Leitung von FTD-Chef Steffen Klusmann, bei der sich Entlassene zu schlechteren Bedingungen bewerben können. Die neuen Jobs in Hamburg, werden die Kölner bzw. Münchner Mitarbeiter zu wohl wesendlich schlechteren Konditionen antreten müssen. Denn die „FTD“ hat im Gegensatz zu den drei anderen Titeln keine Tarifbindung.

In Hamburg entsteht so ein gigantischer Newsroom, indem rund 250 Redakteure für die gesamte Wirtschaftspresse Titelübergreifend arbeiten. Ursula Weidenfeld, die Chefredakteurin von „Impulse“, Stefanie Burgmaier von „Börse Online“ und der noch zu bestimmende Nachfolger von „Capital“-Macher Klaus Schweinsberg behalten zwar die inhaltliche Verantwortung für ihre Marken, sind jedoch ab sofort Klusmann unterstellt. Bislang verteilten sich die vier Wirtschaftstitel des Verlagshauses auf die Standorte Köln („Capital“ und „Impulse“), München („Börse Online“) und Hamburg („FTD“).

„Die Maßnahme stellt für viele Mitarbeiter einen harten Schnitt dar. Dieser ist aber unausweichlich, um allen Titeln des G+J-Wirtschaftsportfolios Ausbau- und Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen“, erklärte Ingrid M. Haas, Verlagsgeschäftsführerin G+J Wirtschaftsmedien.

In der „FTD“-Redaktion wird die Maßnahme kritisch gesehen, obwohl die Zeitung im Vergleich u den Magazinen noch relativ glimpflich davonkommt. „Da bleibt die Eitelkeit und die Konkurrenz der Journalisten untereinander unberücksichtigt“, sagt ein Mitarbeiter der Wirtschaftszeitung, „warum sollte ein ‚Capital‘-Kollege eine Info an die Zeitung weitergeben, die er selbst Tage oder gar Wochen später in seinem Monatsmagazin verwenden würde?“ Die Führungsetage hat die Maßnahmen innerhalb der „FTD“ offenbar mit der Zentralredaktion der „Welt“-Gruppe bei der Axel Springer AG verglichen. „FTD“-Redakteure empfinden den Vergleich aber als wenig zutreffend: „Die einzelnen Titel bei uns sind zu unterschiedlich. Und bei der ‚Welt‘-Gruppe wurden die Redakteure dazu verdonnert, für alle Objekte der Gruppe zu arbeiten. Genau das soll bei uns aber nicht der Fall sein. Sehr zweifelhaft, ob das klappt“, so ein „FTD“-Redakteur zu MEEDIA.

Die Maßnahme kommt nicht von ungefähr: Die Auflagenentwicklung aller drei von den Umzugsplänen betroffenen Titel ist seit Jahren rückläufig. „Impulse“ verlor in den vergangenen fünf Jahren neun Prozent im Gesamtverkauf (Einzelverkauf: minus vier Prozent).
 
„Capital“ büsste im Gesamtverkauf zwar nur drei Prozent ein, steigerte in den letzten fünf Jahren jedoch seine sonstigen Verkäufe um 15 Prozent, um sein 25 Prozent-Minus beim Einzelverkauf auszugleichen. Auch „Börse Online“ präsentiert ähnlich schlechte Zahlen. Der Gesamtverkauf verzeichnet ein Minus von sechs Prozent und der Einzelverkauf von minus 20 Prozent. Einziges Plus im Fünf-Jahres-Trend: Die sonstigen Verkäufe mit 23 Prozent.

Zuletzt hatte Park Avenue publizistisch stark an Kontur gewonnen und auch bei der Auflage für ein kräftiges Plus gesorgt. Die Gesamtauflage lag zuletzt bei 102.534 Exemplaren. Das ergab im Zwölf-Monats-Trend ein Plus von 14 Prozent. Am Kiosken gingen zuletzt 22.436 Hefte des Premium Magazins über die Theken.  
 
Am 27. November muss der Gruner + Jahr-Aufsichtsrat noch über die Maßnahmen befinden. Die „Stern“-Redaktion will sich nach Informationen der „FAZ“ jedoch mit einer Resolution dafür einsetzen, „dass die nun zentralisierten Titel der Wirtschaftskollegen voneinander unabhängig bleiben.“

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