Das zweite Leben der „St. Pauli Nachrichten“

Vom Kiezmagazin zum Schmuddelblatt und wieder zurück: Die bewegte Geschichte der „St. Pauli Nachrichten“ wird am 20. November um ein weiteres Kapitel ergänzt. Dann nämlich erscheinen die einst legendären Hamburger Kiez-Nachrichten als cooles Lifestyle-Magazin. Die JDB-Gruppe hat dafür die Namensrechte vom SPN-Verlag erworben, dessen Sex-Postille jedoch weiterhin unter gleichem Titel vertrieben wird. Beide Hefte setzten auf Erotik - Verwechslungsgefahr besteht jedoch nicht.

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Zugegeben, das Konzept ist reizvoll: 40 Jahre nach Gründung des legendären links-anarchistischen Kiezmagazins startet der JDB-Verlag eine Neuauflage der „St. Pauli Nachrichten“. Das Blatt wurde 1968 vom „Spiegel“-Fotografen Günter Zint als Persiflage auf die „Bild“-Zeitung gegründet und erreichte mit seiner seltsamen Mischung aus linker Gesellschaftskritik, Satire und nackten Frauen bald eine Millionenauflage. Zudem brachte das Heft so manch eine Journalistenkarrieren auf den Weg: Ex „Spiegel“-Chef Stefan Aust, Publizist Henryk M. Broder und Enthüllungsjournalist Günther Wallraff waren allesamt Autoren des Kiezmagazins.

Mitte der 70er Jahre wurde das Blatt eingestellt, nachdem sich der kleine Verlag mit einer täglichen Erscheinungsweise übernommen hatte. Zehn Jahre später kaufte die Großdruckerei Evers den Titel dann aus der Konkursmasse auf. Seitdem erscheinen die „St. Pauli Nachrichten“ bei der Evers-Tochter SPN als monatliches Sex-Blättchen, das ganz auf Hausfrauen-Erotik setzt.

„St. Pauli ist eine coole Marke, die Besseres verdient hat“, dachte sich Jens de Buhr, Geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger JDB-Gruppe, die ihr Geld sonst mit Corporate Publishing, PR und der Produktion von Special-Interest-Titeln („DVD Magazin“) verdient. Er kaufte kurzerhand die Namensrechte, um ein „Lifestyle- und Genuss-Magazin“ zu konzipieren, das geographisch im Kiez verortet ist.

„Das Heft soll das Lebensgefühl St. Paulis widerspiegeln – mal schick, mal schräg, ästhetisch und kreativ, mit einem Schuss Frivolität und Dreistigkeit“, sagt de Buhr. Zielgruppe sind „lust –und genussorientierte Frauen und Männer zwischen 20 und 40“. Doch nicht nur Kiezbewohner hat de Buhr im Auge: „Die Marke St. Pauli und die Faszination des Kiez setzten bundesweit Trends.“ Die erste Ausgabe (Auflage 100.000 Exemplare) wird demzufolge ab 20. November zum Preis von 3,50 Euro in ganz Deutschland verkauft. Ab März ist dann eine zweimonatliche Erscheinungsweise geplant.

Auf den ersten Blick erinnern die neuen „St. Pauli Nachrichten“ optisch ein wenig an eine Mischung aus „Prinz“ und der eingestellten Zeitschrift „Max“. Auch inhaltlich scheint man auf Altbekanntes zu setzen: Erotische Fotostrecken, Porträts schräger Kiez-Bewohner, und jede Menge Ausgehtipps –die Mischung wirkt weit weniger spannend, als man erwarten könnte.

Da erzählt Schauspieler Jan Fedder –wie immer- recht unverblümt, was er alles auf dem Kiez schon so erlebt hat („Mit zehn Jahren wusste ich, was eine Nutte treibt, mit elf habe ich meine erste Zigarette geraucht, mit 13 hatte ich mein erstes Mal in einem Partykeller, mit 15 meinen ersten Tripper und die erste ungeklärte Vaterschaft“). Berühmte Orte, wie das legendäre Kiezlokal „Ritze“, werden buntbebildert vorgestellt. Es gibt ein FC St. Pauli-Quiz, einen Camcorder-Test („Die neuen Scharfmacher“) und fünf Barkeeper verraten ihre liebsten Cocktail-Rezepte. So weit, so langweilig.

Ein bisschen frischer muten die Ideen an, das noble „Empire Riverside Hotel“ auf seine Tauglichkeit als Stundenhotel zu testen und Prostituierte zu fragen, welchen deutschen Moderator sie scharf finden (unglaubliches Ergebnis: Kai Pflaume!). Man merkt: das Blatt möchte mehr sein, als bloßer Veranstaltungskalender. Viel eher geht es darum, ein Stück St. Pauli in die Welt zu tragen. Und wenn das nicht funktionieren sollte, holt man die Welt einfach in den Kiez: Amy Winehouse, bislang nicht dafür bekannt irgendeine Beziehung zu St. Pauli zu haben, wird kurzerhand zur „Ehrenbürgerin“ erklärt. Ein wenig spät vielleicht. Die Pop-Diva hat ihr edel-verruchtes Image schon lange verloren und geisterte zuletzt nur noch als unterernährtes, drogenabhängiges Schreckgespenst durch die Boulevardpresse.

Auch wenn sich der Verlag mit seinem Heft gerne in die Tradition des alten, anarchistischen Kiezblattes stellen möchte ­– herausgekommen ist nicht mehr als ein buntes Stadtmagazin, dass höchstens durch den aufregenden Ort unterhaltsam wird und nicht durch die Kreativität der Macher. Touristen und Einheimische dürften sich sicher über den aufklappbaren Kiezplan und die vielen Empfehlungen freuen. Gemessen aber an dem hohen Anspruch ein „Lifestyle-und Genuss-Magazin“ für ganz Deutschland zu sein, ist das Ergebnis enttäuschend. Ein Magazin, das Themen aufwärmt, die schon vor zehn Jahren in „Max“ und „Prinz“ abgehandelt wurden, wird niemanden interessieren – weder auf dem Kiez, noch im Rest der Republik.

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