G+J: Wer zu wenig leistet, soll gehen

Mit einer Kundgebung haben Mitarbeiter und Gewerkschaften am Mittwochmittag gegen das Sparpaket des G+J-Vorstands protestiert. Rund 250 Teilnehmer versammelten sich vor dem Haupteingang am Baumwall. Konzernbetriebsrat Thomas Thielemann warf dem Management "mangelnde verlegerische Kompetenz" vor und forderte Vorstandschef Bernd Kundrun auf, "endlich mit offenen Karten zu spielen". 70 Mitarbeiter seien bereits zur Kündigung gedrängt worden.

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Mit Blick auf die Stimmungslage bei Gruner + Jahr sprach Thielemann von „Demotivation und Verunsicherung in der Belegschaft“. Viele Mitarbeiter hätten Angst vor „Abstufung und Arbeitsplatzverlust“. Dabei gehe man davon aus, dass der Druck auf die Beschäftigten „von Monat zu Monat steigen“ werde.
Offenbar setzt die Verlagsspitze darauf, mitbestimmungspflichtige Entlassungswellen zu vermeiden. In solchen Fällen wäre der Verlag rechtlich gezwungen, mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan zu verhandeln. Stattdessen sind nach Informationen des Betriebsrats inzwischen schon 70 Mitarbeiter angesprochen worden, ob sie das Unternehmen gegen Zahlung einer hohen Abfindung freiwillig verlassen würden. Dies betrifft nach Informationen der Gewerkschaft Verdi Angestellte, die von ihren Vorgesetzten als weniger leistungsfähig oder unbequem eingestuft werden. Wer sich weigere, dem drohe man mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen bis hin zur Kündigung. Verdi-Vertreter Wolfgang Kreider: „Der Vorstand hat die Führungskräfte ermächtigt und ermutigt, mit weniger leistungsfähigen oder unbequemen Mitarbeitern Gespräche über eine Vertragsauflösung zu führen. Der Betriebsrat ist davon lediglich in Kenntnis gesetzt worden.“
Thielemann warf Vorstandschef Kundrun vor, für eine „Flut von Negativberichten über Gruner + Jahr“ verantwortlich zu sein. Dazu gehöre vor allem die Ankündigung, einzelne Titel zu schließen, ohne deren Namen zu nennen. Dieses offenbar kalkulierte Vorgehen werde in der Branche als „Kundruns Kamikaze-Kommunikation“ verspottet.
Schon seit längerem sei bei G+J gespart worden. So hätten inzwischen bei der Online-Redaktion des „Stern“ ein Drittel der Angestellten befristete Verträge. Über die verlagseigene „Servicegesellschaft G+J“ habe man „dauerhafte Leiharbeit“ zu schlechteren Bedingungen im Verlag eingeführt. So sei die Zahl der dort Beschäftigten in fünf Jahren von drei auf 100 Personen gewachsen. Thielemann erklärte aber auch, dass der Betriebsrat für die „weiteren Auseinandersetzungen mehr Kollegen braucht, die sich einmischen.“

An der Veranstaltung nahmen mit etwa 250 Beschäftigten nur rund ein Zehntel der G+J-Mitarbeiter teil. G+J-Pressesprecher Alexander Adler wollte die Kundgebung nicht kommentieren, sondern verwies darauf, dass es sich um eine Veranstaltung der Gewerkschaft Verdi gehandelt habe.
Die Bekanntgabe, welche Titel möglicherweise von der Einstellung betroffen sind, wird frühestens Ende des Monats erwartet. Verlagschef Bernd Kundrun hatte in einem Schreiben an die Belegschaft erklärt, dass in den kommenden Wochen das Portfolio um jene Titel bereinigt werden solle, „die keine Aussicht haben, die Krise zu überstehen“. Die Rede war von „schmerzlichen Maßnahmen“ und „anstehenden Personalmaßnahmen“. Zudem verordnete der Vorstand eine Kürzung der Spesen, Reise- und Veranstaltungskosten um 20 Prozent.
Am 27. November tagt der Aufsichtsrat, der das Spar-Programm des Vorstands billigen soll.

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