„G+J ist in der Realität angekommen“

Eine Woche, nachdem Gruner-Chef Bernd Kundrun via E-Mail massive Einschnitte bei dem Hamburger Großverlag angekündigt hat, rangiert die Stimmung am Baumwall zwischen Irritation und Verunsicherung. "Viele ahnen jetzt: Oh hoppla, der Vorstand meint es ernst", so ein hoher Angestellter, "die merken langsam, dass G+J in der Realität angekommen ist." Viele Mitarbeiter haben noch nie Entlassungswellen erlebt, wie sie in anderen Unternehmen häufiger vorkamen. Bis jetzt.

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„Seien wir ehrlich“, so ein leitender Redakteur, „in vielen Abteilungen hat jahrelang niemand den Laden aufgeräumt. Die Kollegen haben ein Luxusleben geführt, weil der Konzern es nicht nötig hatte zu sparen.“ Von Panik ist nichts zu spüren, dafür gibt es einfach zu wenige Informationen über das, was kommt.

Am 9. Oktober wurde bekannt, dass Gruner + Jahr einen Einstellungstopp verhängt. Wobei zwar notwendige Positionen noch neu besetzt werden können, aber nur mit Genehmigung von ganz oben. Mitte Oktober dann wurde öffentlich, dass der Verlag versucht, sich über ein Abfindungsprogramm von knapp 60 Mitarbeitern zu trennen. Angeboten werden ein Festbetrag von 50.000 Euro plus eine Summe, die nach den Jahren der Betriebszugehörigkeit gestaffelt ist. Für viele, gerade ältere Mitarbeiter, eine lukrative Versuchung.

Insider berichten, dass der Verlag bereits seit längerer Zeit versucht, den hohen Personalstand zu senken, „möglichst geräuschlos“, wie es heißt. Die Abfindungsangebote inklusive Betriebsrente und Gewinnbeteiligung an langjährige Mitarbeiter seien derart üppig, dass von den Betroffenen engagierte Anwälte abgewinkt und zur raschen Annahme geraten hätten. Eine Reihe von Mitarbeitern hat auf diesem Weg bereits das Haus verlassen. „Sicher sind das schmerzliche Prozesse“, sagt ein Redakteur, „aber die Betroffenen haben es besser als Kollegen aus anderen Verlagen.“ Michael Diekmann von der Hamburger Dependance der Gewerkschaft Verdi kennt dieses Vorgehen von Gruner + Jahr. „Der Verlag scheut den Sozialplan wie der Teufel das Weihwasser“, sagt er. Man wolle auf jeden Fall harte Entlassungen vermeiden. Ältere Mitarbeiter wurden intern aber teilweise auch unter Druck gesetzt, Abfindungsregelungen anzunehmen. Die Ankündigung Kundruns von „schmerzlichen“ Personalmaßnahmen in der vergangenen Woche, sieht Gewerkschafter Dieckmann wie auch viele Gruner-Mitarbeiter als „einen deutlichen Wechsel im Führungsstil“ des Hauses. Sprich: Der Kuschelkurs ist Vergangenheit.

Noch ist alles ruhig. Entscheidungen sind erst ab Ende November zu erwarten, wenn der G+J-Aufsichtsrat sich mit der Sache befasst. Verlagsmitarbeiter, die Kundrun gut kennen, gehen nicht davon aus, dass er die Entscheidungen vorziehen wird, um Ruhe in die Mannschaft zu bringen: „Da würde er ja auf den Druck von außen reagieren, das macht der nicht.“ Ein „Stern“-Redakteur reagiert auf die angekündigten Einschnitte achselzuckend: „Man hat uns gesagt, dass gespart wird, aber nicht wo. Wir lassen das auf uns zukommen.“ Eine Online-Kollegin glaubt gar an „Panikmache“. Es werde „alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Zeitschriften-Vorstand Bernd Buchholz hat wenige Tage nach Kundruns Brief öffentlich abgewiegelt, dass von einer „Todesliste“ für defizitäre Magazine nicht die Rede sei. Dass die Äußerungen des Chefs solche Wellen schlagen, davon war der Vorstand offenbar überrascht.

Während die Mitarbeiter bei Gruner + Jahr angespannt auf das Entscheidungsdatum Ende November blicken, schauen Manager anderer Häuser irritiert auf die Vorgänge am Hamburger Baumwall. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner sprach laut einem Teilnehmer auf der turnusgemäßen Betriebsversammlung der Axel Springer AG verwundert von Managern, die den Marktwert ihres Unternehmens schlechtreden. Wen er gemeint hat, dürfte klar sein.

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