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„Todesliste“: G+J kommt nicht zur Ruhe

Die Nachricht, dass der Verlag Gruner + Jahr womöglich noch in diesem Jahr unrentable Zeitschriften reihenweise einstellen will, läuft wie eine Schockwelle durch das Haus. In einem "Chairman's Letter" hat Vorstandschef Bernd Kundrun seine Führungskräfte informiert, dass "Titel, die sich bisher nicht überzeugend etablieren konnten", eingestellt werden sollen. Ein hochrangiger Insider sprach gegenüber MEEDIA von einem "Paradigmenwechsel" in der Verlagskultur.

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Die alte Tradition des Konsens gilt nicht mehr. Kundrun dürfte sich mit seiner forschen Krisen-Kommunikation in eine Zwickmühle manövriert haben. Wie MEEDIA aus Verlagskreisen erfahren hat, soll auch das Wissensmagazin „National Geographic Deutschland“ zu den gefährdeten Titeln zählen. Beim Verlag war zu dem Thema aktuell niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Das Magazin gehörte, genau wie Todeskandidat „Park Avenue“ und die Kundenmagazin-Sparte Corporate Publishing, zur Verlagsgruppe G+J Exclusive. Diese Gruppe wurde jüngst mit der Verlagssparte Living zu einer Einheit verschmolzen. „National Geographic Deutschland“-Gründungschefredakteur Klaus Liedtke geht im Frühjahr 2009 in Ruhestand. Der deutsche „National Geographic“ wird von G+J seit 1999 im Joint Venture mit dem spanischen Verlag RBA herausgebracht. 2003 wollte G+J den „National Geographic“ sogar komplett übernehmen. Das scheiterte am Widerstand des Kartellamts, weil Gruner mit den „Geo“- und „PM“-Titeln bereits über eine starke Stellung im Segment der Wissenszeitschriften verfüge.

Mitten in der Einstellungs-Diskussion befindet sich einmal mehr die „Financial Times Deutschland“. Nachdem Gruner das chronisch defizitäre Anfang des Jahres komplett übernommen hat, erhofften sich die Strategen im Haus Synergie-Effekte. Der wegen des Joint Ventures mit Pearson aufgeblähte Verwaltungs-Apparat sollte abgebaut werden und die „FTD“ nach dem Vorbild des „Handelsblatt“ bei Holtzbrinck in die G+J Wirtschaftspresse komplett eingegliedert werden. Die Spar-Effekte und steigende Anzeigen-Erlöse Dank Kombis sollten die „FTD“ 2009 endlich in die schwarzen Zahlen bringen. Die Finanzkrise hat diese Kalkulation gründlich über den Haufen geworfen. Trotzdem gilt die „FTD“ als nicht einstellungsgefährdet. Zuviel Prestige und Hoffnungen hängen noch immer an der Zeitung.

Für ebenfalls einstellungsgefährdet hält die „Süddeutsche Zeitung“ das Anlegermagazin „Börse Online“. Das Heft erlebte während des Niedergangs der New Economy im Jahr 2000 einen dramatischen Auflagenverfall. Von einst über 300.000 Exemplaren verkauft „Börse Online“ derzeit noch etwas über 100.000, davon fast die Hälfte als sonstige Verkäufe. Anlegermagazine werden durch die Finanzkrise besonders stark gebeutelt. Genaues weiß freilich niemand. Es sind noch keine Beschlüsse gefasst, heißt es aus der G+J-Zentrale. Für die Mitarbeiter der bedrohten Blätter bedeutet das, die Zitterpartie kann noch eine Weile dauern.

Einige im Verlag versuchen die Aufregung herunterzuspielen. Es komme womöglich nicht so schlimm wie befürchtet, Kundrun habe nur das Bewusstsein für die kommende Krise schärfen und gegenüber dem Hauptgesellschafter Bertelsmann Führungsstärke und Durchsetzungswillen demonstrieren wollen, sagt einer, der es offenbar gut mit Kundrun meint. Sollte sein Brief tatsächlich ein taktisches Manöver gewesen sein, nach dem Motto: erst schocken, dann froh sein, wenn doch nicht so schlimm kommt, ging die Aktion kräftig nach hinten los. Mit der pauschalen Ankündigung von Einstellungen hat Kundrun ein Fakten-Vakuum geschaffen, das sich nun munter mit angstvollen Spekulationen füllt.

Der Betriebsrat befindet sich derzeit in Verhandlungen mit der Konzernspitze, will aber aus Angst, die Gespräche zu gefährden, nichts zu den aktuellen Vorgängen sagen. Im G+J-Haus am Baumwall geht Angst um.

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