So steht es wirklich um die G+J-Titel

Alle sprechen über die angekündigte Einstellungswelle bei Gruner + Jahr. In der Branche und in den Medien kursiert die Todesliste an Magazinen, die womöglich den Sparmaßnahmen von Vorstandschef Bernd Kundrun zum Opfer fallen. Genaues wird wohl erst Ende November bekannt, wenn der G+J-Aufsichtsrat zu dem Thema tagt und Entscheidungen fällt. MEEDIA analysiert die benannten Wackelkandidaten und bewertet deren Chancen.

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„Börse Online“

Analyse:

„Börse Online“ dürfte das größte Sorgenkind unter den Wirtschaftsmagazinen sein. Von den zu Börsen-Hypezeiten erreichten 155.561 Abonnenten (2. Quartal 2000) sind nur noch 40.129 übrig geblieben, die verkaufte IVW-Auflage sank von 361.516 (1. Quartal 2000) auf inzwischen nur noch 101.067, davon fast 50% Bordexemplare, Lesezirkel und Sonstige Verkäufe. Auch das Anzeigengeschäft läuft im Vergleich zur Konkurrenz nicht rund: Nur 19,6% der 4156 „Börse Online“-Seiten bestand 2008 aus Werbung, die Zahl der Anzeigenseiten ging dabei um satte 17,4% zurück.

MEEDIA-Meinung:

„Börse Online“ wurde schon einige Male totgesagt, hat bisher alle Tiefen überlebt. Die aktuelle Auflagen-Struktur und Anzeigensituation ist allerdings wackelig und dürfte nächstes Jahr nicht besser werden. Die Redaktion sitzt in München und hat keine direkte Anbindung zu den beiden anderen G+J-Wirtschaftsmagazinen „Capital“ und „Impulse“ in Köln.

„Capital“

Analyse:

„Capital“ verkaufte sich im dritten Quartal per Abo und Kiosk 103.730 mal, riesige Auflagenverluste sind in den vergangenen drei Jahren nicht wirklich zu verzeichnen. Auf der anderen Seite hat der Weg zurück zum Monatsmagazin auch keine neuen Käufer gebracht. Der Anteil der Anzeigenseiten am Gesamtumfang liegt derzeit bei 33,1% und ist damit vergleichsweise solide.

MEEDIA-Meinung:

„Capital“ ist eine starke Marke und ein großer Name im Wirtschaftsjournalismus. Die Umstellung auf 14-tägliche Erscheinungsweise zu Zeiten des Börsen-Hypes hat dem Blatt im Nachhinein sehr geschadet. Davon hat sich „Capital“ bis heute nicht richtig erholt. Allerdings hat Chefredakteur Klaus Schweinsberg mit einem mutigen Relaunch das Magazin wieder auf die richtige Spur gebracht, und auch der Irrweg der 14-täglichen Erscheinungsweise wurde nach langer Zeit beendet.

„Emotion“

Analyse:

„Emotion“ verkaufte sich im dritten Quartal im Einzelverkauf so schlecht wie nie. Mit 53.053 sank die Kiosk-Auflage im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 10.000 Hefte. Auch hier besteht ein großer Teil der Auflage aus Lesezirkelheften und Bordexemplaren, die harte Auflage liegt bei 71.413. Im Anzeigenmarkt gilt Ähnliches wie bei „Park Avenue“ und „Healthy Living“: Die ZAS meldet ein Plus von 9,2%, aber nur einen Anzeigen-Anteil von 16,9% am Gesamtumfang.

MEEDIA-Meinung:

Mit „Emotion“ wagte Gruner + Jahr eine Frauenzeitschrift der anderen Art. Weg von endlosen Produkt- und Modestrecken, hin zu manchmal sperrigen, Psychologie-Themen. Das Konzept war ambitioniert, wurde vom Markt aber nicht wie erhofft aufgenommen. Man müht sich mit Veranstaltungen, Seminaren und anderen Zusatzgeschäften. Richtig gezündet hat bisher nichts.

„essen & trinken für jeden Tag“

Analyse:

Das Tim-Mälzer-Heft musste in den vergangenen Jahren einen rasanten Auflagen-Niedergang verkraften. Lag die harte IVW-Auflage im Jahr 2005 noch bei über 400.000, bestand sie im dritten Quartal 2008 nur noch aus 150.432 am Kiosk und 27.690 per Abo verkauften Ausgaben. Aber: Der Abschwung scheint vorerst gestoppt, das dritte Quartal 2008 war das beste Quartal seit Ende 2007. Anzeigenseiten wurden in dem Magazin 2008 bisher rund 234 gedruckt, bei in etwa gleichem Heftumfang ist das nur die Hälfte der Zahl der Mutter „Essen & Trinken“.

MEEDIA-Meinung:

Das Magazin lebte vom handlichen Format und der Persönlichkeit des TV-Kochs Tim Mälzer. Als der sich zunehmend vom Bildschirm verabschiedete, sank auch der Stern von „essen & trinken für jeden Tag“. Ohne das Zugpferd Tim Mälzer ist „essen & trinken für jeden Tag“ nicht mehr so begehrt.

„Financial Times Deutschland“

Analyse:

Die harte Auflage der „FTD“ hat sich jahrelang recht positiv entwickelt. Sie stieg von anfänglich abgesetzten 34.000 Zeitungsexemplaren auf den bisherigen Höhepunkt von 67.468 vor genau zwei Jahren. Seitdem schrumpft die „FTD-Auflage“ aber wieder – auf derzeit 56.410 verkaufte Exemplare im dritten Quartal 2008.

MEEDIA-Meinung:

Die „FTD“ ist ein Sorgenkind für G+J. Immer wieder stand sie kurz vor den schwarzen Zahlen, immer kam etwas dazwischen. Auch im zurückliegenden Wirtschafts-Boom wurde kein Geld verdient. Nun sollten es die Synergien richten, und prompt macht die Finanzkrise wieder einen Strich durch die Rechnung. Der Verlag dürfte trotzdem an der Zeitung festhalten. Der Prestige-Verlust für das Haus und Vorstandschef Bernd Kundrun wären bei einer Einstellung zu gewaltig, auch all die Investitionen der vergangenen Jahre wären endgültig perdu.

„Flora Garten“

Analyse:

Das 1985 gegründete Gartenmagazin ist eins der ältesten auf der potenziellen Todesliste, hat seine besten Zeiten aber auch hinter sich. 2008 war das bislang auflagenschwächste Jahr der Zeitschrift, das aktuelle, dritte Quartal das mit 106.021 per Abo und Einzelverkauf abgesetzten Hefte zweitschlechteste der Geschichte. Im Anzeigengeschäft gingen laut aktueller ZAS-Analyse im Vergleich zu 2007 7% der Anzeigenseiten verloren.

MEEDIA-Meinung:

„Flora Garten“ ist ein Traditionstitel. Der Trend zeigt nach unten, aber das ist bei vielen Titeln der Fall.

Gesund Leben

Analyse

Das „stern“-Beiboot „Gesund Leben“ hat im dritten Quartal einen heftigen Auflageneinbruch erlebt. Nur noch 59.622 Hefte wurden per Abo und im Einzelverkauf abgesetzt, ein Jahr zuvor waren es noch 95.888. Die aktuelle verkaufte Auflage ist gleichzeitig die kleinste seit Start der IVW-Messung, noch vor drei Jahren gingen dreimal so viele „Gesund Leben“-Hefte über die Ladentische. Im Werbemarkt stagniert der Titel mit einem Mini-Plus von 2,5%.

MEEDIA-Meinung:

Die Auflage sieht krank aus bei „Gesund Leben“. Das Thema Gesundheitist aber ein Meta-Thema, das auch in Krisenzeiten noch Anzeigen-Erlöse bringen könnte.

„Healthy Living“

Analyse:

Das zusätzliche Maxiformat, in dem die Zeitschrift seit Sommer erscheint, hat die verkaufte Auflage vor allem im Einzelverkauf deutlich gesteigert. Statt wie im Vorjahresquartal 68.114 Hefte wurden im dritten Quartal 2008 97.292 Exemplare am Kiosk abgesetzt. Die harte Auflage des Titels aus Abo und Einzelverkauf stieg damit auf 110.184, der Rest der 177.587 Hefte besteht aus Bordexemplaren & Co. Auch im Anzeigenmarkt verzeichnet das Magazin ein Plus im Vergleich zum Vorjahr: 7,3% mehr Anzeigen wurden 2008 bisher gedruckt. Der Anzeigen-Anteil von 15,4% am Gesamtumfang der Zeitschrift ist aber auch hier klar verbesserungswürdig.

MEEDIA-Meinung:

Auch hier ist die Auflagen-Struktur nicht gesund. Einiges wird davon abhängigen, wieviel Geld von den hinzugewonnen Anzeigen netto in der Verlagskasse landet.

„Impulse“

Analyse:

„Impulse“ hat sich im dritten Quartal 2008 nur noch 61.270 mal per Abo und Kiosk verkauft. Damit lag die harte Auflage sogar unter der Auflage der Bordexemplare und Sonstigen Verkäufe. Besonders die wichtige Abo-Auflage ist dabei in den vergangenen acht Jahren um rund 40.000 Stück geschrumpft. Bei den Anzeigenseiten gab es 2008 bislang ein Plus von 6,4%. 31,3% des „Impulse“-Heftumfangs besteht derzeit aus Anzeigen – ein relativ ordentlicher Wert.

MEEDIA-Meinung:

Die Auflage steht sehr unter Druck. „Impulse“ bedient mit dem Mittelstand aber eine attraktive Nischenzielgruppe. Hier können Anzeigen ohne allzu großeStreuverluste platziert werden.

„National Geographic“

Analyse:

Auch die verkaufte Auflage von „National Geographic“ befindet sich seit Jahren auf einem Sinkflug. Besonders im Einzelverkauf sieht es dabei mies aus. Von den im allerersten gemeldeten Quartal (I/2000) am Kiosk abgesetzten 168.211 Heften sind inzwischen nur noch 60.656 übrig geblieben. Allerdings: Das dritte Quartal 2008 war mit der harten Auflage von 186.610 das beste Quartal seit dem ersten Quartal 2007. Schlimm sieht es bei den Anzeigen aus: Mit einem Minus von 6,5% gegenüber dem Vorjahr wurden 2008 bisher nur 291,2 Anzeigenseiten gedruckt. Bei einem Gesamt-Heftumfang von 1794 Seiten nur ein Anteil von 16,2%.

MEEDIA-Meinung:

Sinkflug bei Auflage und Anzeigen. Der „National Geographic Deutschland“ ist nicht mehr die lupenreine Erfolgsstory, die er einst war. Trotzdem: Bei anderen Titeln sieht es zahlenmäßig deutlich finsterer aus.

„Park Avenue“

Analyse:

Zwar durchbrach das Monatsmagazin im dritten Quartal zum ersten Mal die 100.000er-Grenze bei den IVW-Verkaufszahlen, doch von dieser Auflage gingen gerade mal 39.021 Stück per Abo oder Kiosk an die Leser. Der große Rest besteht aus Bordexemplaren, Lesezirkel-Heften und SonstigenVerkäufen . Ähnlich die Situation im Anzeigenmarkt: Trotz eines Plus von 8,5% im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil der Anzeigenseiten von 15,5% des Gesamtumfangs sehr gering.

MEEDIA-Meinung:

Wenig Anzeigenanteil und eine schwindsüchtige Auflagen-Struktur. „Park Avenue“ sollte als Luxus-Magazin ein „journalistischer Solitär“ werden. Es ist allerdings nicht abzusehen, dass das Heft jemals in rentable Regionen vordringt. Zeitschriften-Vorstand Bernd Buchholz hat sich für den Titel von Beginn an stark gemacht. Ob der Verlag an „Park Avenue“ als Image-Träger auch in Krisenzeiten festhält, wird sich zeigen.

„View“

Analyse:

Beim „stern“-Ableger „View“ ist der Anzeigenverkauf das große Problem. Nur rund 163 der 2008 bisher erschienenen 1482 „View“-Seiten waren Anzeigen – ein miserabler Anteil von 11%. Die Auflagenentwicklung zeigt hingegen vorsichtig nach oben: Am Kiosk wurden im dritten Quartal mit 93.935 Heften fast 10.000 Exemplare mehr verkauft als im Vorjahreszeitraum, die Abozahl blieb relativ gleich.

MEEDIA-Meinung:

Wenige Anzeigen, aber mit 3,30 Euro ein ordentliche Copypreis und eine vergleichsweise gesunde Auflagen-Struktur mit wenig sonstigen Verkäufen. Bei „View“ sah es zunächst düster aus. In jüngster Zeit präsentiert sich das Heft aber stabiler, mit zarten Tendenzen zum Wachstum.

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